DFB-Auszeichnung für St.-Pauli-Fans Dazugelernt

Vor zwei Jahren hängte der DFB eine politische Botschaft im Stadion des FC St. Pauli ab. Jetzt zeichnete der Verband den Fanladen des Klubs für seinen Einsatz gegen Rechts aus. Die Funktionäre zeigen sich lernfähig.

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Aus Hannover berichtet


Draußen wurde gefeiert, wild und laut. Die Fans aus Nordirland sind in Hannover eingefallen für das Spiel gegen die deutsche Auswahl am Abend (20.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL), sie besetzten schon am Vorabend die Kneipen in der Altstadt und sangen so kraftvoll, dass ihre Gesänge bis in den Festsaal des Alten Rathauses drangen.

Das Getöse von draußen stand im Gegensatz zu der Feier drinnen, die geprägt war von nachdenklichen Tönen und einem Schuss Pathos. Am Ende der Zeremonie trat ein Kinderchor auf die Bühne, um "We Are the World" zu singen und sich beim Schlussakkord an den Händen fassen. Der Deutsche Fußball-Bund hatte geladen zur Verleihung des Julius-Hirsch-Preises. Mit diesem Preis zeichnet der Verband Gruppen aus, die sich für Toleranz im Fußball einsetzen, gegen Rassismus und sonstige Formen der Ausgrenzung.

Und natürlich hat sich der DFB zu einem erheblichen Teil auch selbst gefeiert an diesem Abend. Präsident Reinhard Grindel berichtete noch einmal von seinen klaren Statements, mit denen er AFD-Vize Alexander Gauland und dessen abfälligen Kommentaren über Jérôme Boateng im Frühjahr entgegengetreten sei. Und es wurde noch einmal der Kurzfilm eingespielt, den der Verband zu diesem Anlass veröffentlicht hatte. Die Gesichter der Nationalspieler sind in kurzer Abfolge zu sehen. Am Ende der Spruch "Wir sind Vielfalt".

"Fußballfans gegen Homophobie": Seit fünf Jahren durch die Stadien
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"Fußballfans gegen Homophobie": Seit fünf Jahren durch die Stadien

Man kann das für zu viel Eigenwerbung halten bei einer Veranstaltung, bei der es nicht um den DFB gehen sollte, sondern um die Preisträger, drei an der Zahl. Man kann aber auch der Meinung sein, dass man den eigenen Beitrag für eine Gesellschaft ohne Fremdenfeindlichkeit gar nicht genug herauskehren kann in Zeiten, in denen zum Beispiel der Begriff "völkisch" eine Renaissance erfahre, wie Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius bei seiner Eröffnungsrede besorgt anmerkte.

Und tatsächlich gelang es dem DFB an diesem Abend, die Verdienste der Preisträger angemessen zu würdigen und ihnen genügend Raum zu geben. Wobei sie sich diesen Raum ohnehin selbst nahmen. Die Berliner Initiative "Fußballfans gegen Homophobie", die den zweiten Platz belegte, tourt seit fünf Jahren mit einem Plakat durch die Stadien in Deutschland und mittlerweile auch durch die Stadien Europas. An 150 verschiedenen Orten war das Plakat schon, auf dem zwei Männer zu sehen sind, die sich küssen, und seit einiger Zeit auch zwei Frauen. An diesem Abend spannten die Mitglieder der Gruppe bei ihrer Ehrung ihr Banner über die ganze Breite der Bühne.

Wenn über Fußball und Homosexualität geredet wird, geht es schnell um Thomas Hitzlsperger. Doch der Gruppe geht es nicht darum, dass sich künftig noch mehr Spieler als schwul zu erkennen geben, vielleicht sogar ein aktiver. Es geht ihr um ein Klima der Toleranz, um ein Klima, in dem es egal ist, wen man liebt. Liebe, genau das sei ja das Thema, sagte Christian Rudolph, der Kopf der Gruppe, als er nach der Preisverleihung vor dem Rathaus eine Zigarette rauchte. "Homosexualität wird schnell auf die reine Sexualität reduziert. Dabei geht es doch darum, dass niemand seine Liebe verleugnen muss", sagt er. Dass niemand gezwungen ist, seine Partnerschaft geheimzuhalten.

"Geschafft, dass sich Fußballfans mit dem Thema befassen"

Natürlich, Ablehnung von Schwulen und Lesben sei immer noch ein Problem in deutschen Stadien, sagt Rudolph, doch seine Initiative trage einen Teil zur stetigen Besserung der Lage bei. "Wir haben es geschafft, dass sich Fußballfans überhaupt mit dem Thema befassen", sagt er. Die Auszeichnung der Gruppe kann als Zeichen gedeutet werden, dass auch der DFB dem Kampf gegen Homophobie mittlerweile gesteigerten Wert beimisst.

Auch der erste Preis ist einer mit Symbolwert. Er zeigt die Lernfähigkeit des Verbandes. Noch vor zwei Jahren ließ der DFB im Stadion des FC St. Pauli, dem Millerntor, den auf die Gegentribüne gepinselten Spruch "Kein Fußball den Faschisten" verdecken, als dort die Nationalmannschaft trainierte, weil das ja so eine Sache ist mit der Vermischung von Fußball und Politik. Der Verband hat damals heftige Kritik bekommen. Nun zeichnete er den Fanladen des FC St. Pauli aus, eine Anlaufstelle für alle Fans des Klubs. Der Fanladen hat sich in diesem Jahr zum siebten Mal am internationalen Holocaust-Gedenktag beteiligt mit verschiedenen Veranstaltungen - und er veranlasste, dass der Klub im Februar zu einem Zweitliga-Spiel mit jenem Spruch auf der Trikotbrust auflief, den der Verband noch zwei Jahre zuvor neutralisiert hatte, wie es in der Verbandssprache heißt.

Dieser Zwischenfall soll spätestens mit der Ehrung vergessen sein. "Der DFB tut im Kampf gegen Diskriminierung sehr viel. Das darf man auch als FC St. Pauli mal loben", sagte Vereinspräsident Oke Göttlich, der im Trikot zur Preisverleihung nach Hannover gekommen war. Die Laudatio auf den Fanladen hielt übrigens Herbert Grönemeyer, sozusagen der Stargast des Abends. Rund um das Millerntor werde seit Jahren der Beweis geführt, dass Fußball keine politikfreie Zone sei, sagte er.

Und schob hinterher: "Gott sei dank."

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