Junioren-Nationaltrainer Herrlich "Qualität lässt sich nicht aufhalten"

Harter Hund statt Kuschelkurs: Heiko Herrlich will seinen Spielern bereits in der Jugend Siegermentalität beibringen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der 35-Jährige über das schmerzvolle Ende seiner Spielerkarriere und seine Ziele für die anstehende Junioren-WM.


SPIEGEL ONLINE: Herr Herrlich, Ihre Eltern sind Lehrer, Ihre Ehefrau auch. Färbt das auf den Fußball-Lehrer Heiko Herrlich ab?

Herrlich: Ja, sogar in vielen Bereichen. Denn ich profitiere davon in Gesprächen mit Spielern. Mit meiner Frau unterhalte ich mich beispielsweise darüber, wie sie ihren Unterricht aufbaut.

SPIEGEL ONLINE: Und haben Sie schon etwas gelernt?

Herrlich: Ich kann mir für meine Trainingsgestaltung einiges abschauen. Wie bringe ich die Spieler Schritt für Schritt dahin, dass sie bestimmte Dinge auch unter Druck beherrschen? SPIEGEL ONLINE: Bedeutet so viel pädagogischer Einfluss, dass sie als Trainer einen Kuschelkurs fahren?

Herrlich: Das sicher nicht. Man hört zwar oft: Ausbildung geht vor Ergebnis. Aber das halte ich im U18-Bereich für falsch. Man muss den Jungs auch in der Ausbildung unbedingt Siegermentalität beibringen.

SPIEGEL ONLINE: Wie machen Sie das?

Herrlich: Ich habe bei Trainingsspielen immer aufgeschrieben, wer bei den Verlierern und wer bei den Gewinnern war. Am Ende des Monats habe ich eine Liste ausgehangen, wer wie viele Siege hatte. Meine Siegermentalitäts-Liste. Auch bei Jugendmannschaften gilt das Leistungsprinzip und nicht das olympische Motto: Dabei sein ist alles.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind bei der U17-WM in Südkorea dabei und betreuen dort die deutsche Nationalmannschaft. Ihr Vorgänger Paul Schomann muss zu Hause bleiben, obwohl er sich mit dem Team für das Turnier qualifiziert hat. Haben Sie ein schlechtes Gewissen?

Herrlich: Nein, das nicht. Ich kann verstehen, dass er enttäuscht ist. Dass er die Mannschaft vor dem Turnier abgeben musste, war ja eine Situation, die es beim DFB so noch nie gab. Im Profi-Bereich ist das aber normal: Als Stürmer ist mir Jahr für Jahr jemand vor die Nase gesetzt worden. Du musst dann aber mit dem anderen zusammenarbeiten, nicht gegeneinander.

SPIEGEL ONLINE: Und das funktioniert mit Schomann?

Herrlich: Ich hatte immer ein super Verhältnis zu ihm, habe vor drei Jahren meinen B-Schein bei ihm gemacht. Ein paar Tage nach der Entscheidung habe ich ihn angerufen. Er hat sich absolut professionell verhalten und mir Auskünfte erteilt, auf die ich natürlich angewiesen bin, weil ich die Mannschaft ja nicht so kenne wie er.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch einen Sportpsychologen im Betreuer-Team. Warum ist der mit dabei?

Herrlich: Bei vielen talentierten Spielern wundert man sich, warum sie nachher nicht mehr weiterkommen. Sie sind dem Druck durch Medien und Zuschauer nicht gewachsen. Ein Sportpsychologe kann den Spielern Anleitung und Hilfestellung geben, auch unter Stress und maximalem Druck, etwa wenn Lagerkoller entsteht, nicht von der gemeinsamen Linie abzurücken und weiterhin starke Leistungen zu bringen. Denn erst, wenn es mal nicht läuft, zeigt sich bei den Spielern die wahre Qualität - sportlich und charakterlich.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zuletzt die A-Jugend von Borussia Dortmund trainiert. Was ist der Grund für Ihren Wechsel zum DFB?

Herrlich: Die Elite reizt mich. Ich komme viel rum, kann beobachten, wie andere Trainer arbeiten und davon lernen. Das finde ich unheimlich spannend.

SPIEGEL ONLINE: Gab es bislang nicht die Chance, sich das Training bei anderen Vereinen anzuschauen?

Herrlich: Wenn du sonst der Schalker A-Jugend beim Training zugesehen hättest, wärst du der Feind aus Dortmund gewesen. So bist du der Auswahltrainer, der sich einfach mal einen Überblick verschaffen und neue Impulse holen will. Das ist für meine persönliche Entwicklung wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Können sich junge deutsche Spieler in der Bundesliga gut entwickeln oder werden ihnen zu viele ausländische Spieler vor die Nase gesetzt?

Herrlich: Junge Spieler können auch von ausländischen Superstars profitieren. Nuri Sahin zum Beispiel: Vor zwei Jahren ist er in Dortmund an Tomas Rosicky mitgewachsen. Und seine Defizite in der Schnelligkeit sind gar nicht so aufgefallen, weil er einen absoluten Tempospieler neben sich hatte. Jetzt wird schon öffentlich darüber spekuliert, Sahin auszuleihen. Aber: Wer den richtigen Willen hat, setzt sich auch durch. Qualität lässt sich nicht aufhalten.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihr Team die Qualität, den WM-Titel zu holen?

Herrlich: Es ist schon Ewigkeiten her, dass eine deutsche Juniorenmannschaft Weltmeister wurde (1982 holte die U19 des DFB den WM-Titel; die Red.). Die Jungs sind jetzt Fünfter bei der EM geworden. Vorrangiges Ziel ist, eine Runde weiterzukommen. Ins Achtelfinale. Ich sage nicht: Wir wollen Weltmeister werden. Aber ich sage: Wir wollen über uns hinauswachsen.

SPIEGEL ONLINE: Wie war es für Sie als Spieler?

Herrlich: Ich wollte immer einmal diesen goldenen WM-Pokal in den Händen halten. Ich war ja auch 2000 auf einem guten Weg zurück in die Nationalmannschaft: acht Tore in zehn Ligaspielen. Dann kam der Hirntumor.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den Krebs besiegt und im Herbst 2001 ein Comeback gefeiert. An Ihre alten Leistungen konnten Sie aber nicht mehr anknüpfen. Warum?

Herrlich: Ich habe im Mai 2002 beim Training den Ellenbogen meines damaligen Mitspielers Sunday Oliseh ins Gesicht bekommen und erlitt einen Nasen- und Jochbeinbruch. Außerdem war der Orbitalbogen zertrümmert. Ab da bin ich nicht mehr in die Zweikämpfe gegangen. Genau die Zweikampfstärke hatte mich aber früher ausgezeichnet und stark gemacht. Nun hatte ich Angst. Irgendwann habe ich erkannt, dass ich mein großes Ziel, den WM-Titel zu gewinnen, nie erreichen werde. Und dann war der innere Antrieb weg, noch weiter zu spielen.

Die Fragen stellte Jens Witte



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