Juventus-Remis bei Atlético Die Turiner Revolution

Italiens Rekordmeister Juventus riskiert alles für den Champions-League-Titel - und muss schon im ersten Spiel eine sichere Führung aus der Hand geben. Verein und Trainer sind noch auf der Suche nach ihrem ganz neuen Stil.

Cristiano Ronaldo hat sicher nichts gegen den neuen Offensivgeist
Bernat Armangue AP

Cristiano Ronaldo hat sicher nichts gegen den neuen Offensivgeist

Aus Madrid berichtet Florian Haupt


Beim Aufwärmen im Stadion von Atlético Madrid turnten die Stars um Cristiano Ronaldo in rosa-schwarz gescheckten Trainingsleibchen über den Platz. Das sieht man so auch nicht alle Tage, aber der FC Juventus ist in dieser Saison eben auf Kulturschock programmiert.

Oder wie soll man nennen, was der neue Trainer Maurizio Sarri am Vorabend dieses Champions-League-Spitzenspiels, das am Ende 2:2 ausging, proklamierte? "Wir müssen Spaß haben. Wir müssen uns von einer unlogischen Phobie befreien. In Italien bedeutet ein Gegentor eine Woche Drama. In anderen Ländern bedeutet es, selbst ein Tor mehr schießen zu wollen."

Sarri vertrat tatsächlich die Juve - Italiens Klub par excellence, der seinen Aufstieg zur Nummer eins des Landes auf diszipliniertem Resultatsfußball gründete und darin stolz die Werte des Besitzerkonzerns Fiat gespiegelt sah. Allerdings würde Präsident Andrea Agnelli halt auch gern mal wieder die Champions League gewinnen, in der sein Verein erst zweimal triumphierte, dafür aber seine letzten fünf Finals verlor.

Juventus will sich eine neue Mentalität geben

Der reformfreudige Dynastiesprössling, treibende Kraft auch hinter den Bestrebungen einer europäischen Superliga, hat ein Mentalitätsproblem geortet. Juventus soll sich in der Champions League nicht mehr bloß irgendwie durchwurschteln, sondern offensiv an die Sache herangehen. Dominieren und gewinnen wollen, auf jedem Platz. Im freigeistigen Kettenraucher Sarri, der einst von Bankmanager auf Trainer umschulte und zuletzt Chelsea zur Europa League coachte, sieht er dafür den idealen Alliierten.

In einem aufregenden Spiel bei Atlético hätte Sarri nun beinahe den ersten Big Point gelandet. Juventus ging durch den fantastischen Juan Cuadrado (48.) und Blaise Matuidi (65.) klar in Führung, ließ aber jeweils nach Standards noch ein 2:2 durch Stefan Savic (70.) und Héctor Herrera (90.) zu. Es war noch nicht durchgängig "Sarriball", wie das geschmeidige Passspiel während seiner ersten Erfolge mit Empoli und Napoli getauft wurde, und die Tore fielen nach Kontern.

Maurizio Sarri will der alten Dame neues Leben einhauchen
AFP

Maurizio Sarri will der alten Dame neues Leben einhauchen

Aber immerhin, sie waren von eindrucksvoller Eleganz, die Juve mauerte auch mit der Führung im Rücken nicht, und es war sie, die in der Nachspielzeit beherzt den Sieg suchte und durch ein brillantes Solo von Cristiano Ronaldo auch fast erreicht hätte. Ausnahmsweise schaffte es der portugiesische Weltfußballer nicht, Atlético zu quälen wie früher immer mit Real Madrid oder zuletzt im März durch seinen Hattrick im Achtelfinalrückspiel in Turin. Seine Vergangenheit war in infernalischen Pfiffen und hässlichen Beleidigungen jedoch stets präsent.

Im Moment ist Sarri noch auf Kompromisskurs

Ronaldo ist auch einer der Gründe, warum Sarri bisher nicht seine reine Lehre anwendet. So wie er sich äußerlich dem neuen Arbeitgeber etwas angepasst hat - er trug blaue Hose und blaues Polohemd statt wie früher radikal Trainingsanzug -, hält er das Team auch fußballerisch auf Kompromisskurs. In Madrid stand nur ein Neuzugang in der Startelf, Verteidiger Matthijs De Ligt, und der womöglich auch nur, weil Giorgio Chiellini verletzt fehlte. Piano piano wolle Sarri seine Handschrift einbringen, heißt es, und niemanden überladen, schon gar nicht seinen Star. Statt seines klassischen 4-3-3 hat er einen Hybriden angeordnet, in dem Gonzalo Higuaín den mitspielenden Mittelstürmer geben soll wie einst bei Real der geliebte Karim Benzema. So kann Ronaldo situativ zwischen seinem linken Flügel und dem Angriffszentrum pendeln.

Die Geburtswehen von "Sarriball" waren etwa noch zu sehen beim zeternden Kapitän Leonardo Bonucci, dessen Debatten mit den Kollegen über die gepflegte Spieleröffnung ("Wir versuchen, die Idee des Misters umzusetzen") echten Workshop-Charakter hatten. Andererseits ahnt man, dass Juventus sich in der entscheidenden Saisonphase eher nicht mehr zwei leichte Tore nach Standards einschenken lassen wird. "Einen klaren Titelkandidaten", nannte Atlético-Trainer Diego Simeone den Gegner.

Juve - auch in diesem Jahr ein Titelkandidat
Bernat Armangue DPA

Juve - auch in diesem Jahr ein Titelkandidat

Von seiner Mannschaft würde er das nie sagen, an seiner Liebe zur Underdog-Rolle hat sich wenig geändert. Ansonsten steckt auch Atlético im Umbruch. Der Star ist neu - João Félix statt Antoine Griezmann -, und fast die komplette Abwehr. Je zwei Gegentore haben Europas Defensivkünstler in den letzten drei Spielen gegen Eibar, San Sebastián und jetzt Turin kassiert.

Vor dem 0:1 rannte Atlético so bedingungslos nach vorn, wie man das unter Simeone bisher nicht mal in Schlussoffensiven gesehen hatte. "Natürlich gibt es noch viel zu verbessern", sagte der Trainer. "Wir bräuchten Zeit. Hoffentlich machen wir in der Zeit, die einem der Fußball nicht gibt, so wenig Fehler wie möglich."

Auch Atlético entdeckt die Offensive

Doch auch bei Atlético wohnt dem Wandel zugleich ein Zauber inne. So porös die stark verjüngte Elf noch verteidigt, so unübersehbar zeigte sie frische Angriffslust und profitierte dabei auch von der größeren Tiefe im Kader. Den Ausgleich erzwangen nicht Félix oder der blasse Diego Costa, sondern die Einwechselspieler Ángel Correa und Vitolo mit ihren Dribblings sowie der aus Porto gekommene Mexikaner Herrera, der in seinen ersten Minuten für Atlético sogleich zum Helden des Abends avancierte.

Juventus hat seinerseits den wohl stärksten Kader der neunjährigen Ära von Andrea Agnelli beisammen. Spieler wie Emre Can und Mario Mandzukic schafften es nicht mal auf die Champions-League-Meldeliste - der Deutsche nutzte den freien Spieltag zu einem Überraschungsbesuch an seiner alten Schule in Frankfurt -, und in der Schlussphase konnte Sarri noch Profis wie Paulo Dybala oder Aaron Ramsay einwechseln.

Zum Sieg reichte es nicht, aber Sarri war trotzdem zufrieden, als er, die Brille lässig über den Augen, das Spiel analysierte. "Die Sachen, die wir üben, waren zu sehen." Was doch schon mal ein Anfang ist.



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