Kahn in der Kritik "Der tickt nicht mehr richtig"

Um Einzelgänger Oliver Kahn wird es nach seinem neuerlichen Ausraster noch einsamer. Kollegen äußern ihr Unverständnis und selbst Uli Hoeneß, der bisher dafür bekannt war, seine Spieler in Schutz zu nehmen, schließt sich der öffentlichen Schelte an. Kahn habe den Erfolg der Mannschaft gefährdet, so der Bayern-Manager.


Bayern-Keeper Kahn (r.): "Das darf er nicht tun"
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Bayern-Keeper Kahn (r.): "Das darf er nicht tun"

München - "Was Olli getan hat, war nicht okay. Er hat eine Gelbe Karte, einen Freistoß riskiert und damit den Erfolg der ganzen Mannschaft aufs Spiel gesetzt. Das darf er nicht tun", sagte der Manager im "Blickpunkt Sport" des Bayerischen Fernsehens.

Bayern-Kapitän Kahn hatte im Bundesliga-Spitzenspiel bei Werder Bremen dem gegnerischen Stürmer Miroslav Klose nach einem Zusammenprall zweimal ins Gesicht gegriffen und ihm gedroht, ohne dass der Unparteiische die Partie unterbrochen hatte. Dem Vorwurf, sein Torwart genieße im Verein und bei den Schiedsrichtern Narrenfreiheit, trat allerdings Hoeneß entgegen: "Das ist Blödsinn. Wir haben Oliver deutlich gesagt, dass er mit solchen Aktionen seinen Ruf gefährdet."

In der "Bild"-Zeitung legte der Bayern-Manager dann nach. Zwar sei er überzeugt, dass der Bremer Stürmer seinen Keeper berührt habe, doch "Kahn hat total überreagiert", so Hoeneß, "deshalb werde ich auch noch mit ihm darüber reden". Schon mehrmals war Kahn in den vergangenen Jahren durch unbeherrschte Aktionen aufgefallen. 1996 schüttelte er seinen Teamkollegen Andreas Herzog vor Wut, dass sich dieser später entnervt auswechseln ließ. Vor fünf Jahren griff er im Spiel bei Borussia Dortmund erst Stephane Chapuisat mit einem Kung-Fu-Tritt an, dann biss er Heiko Herrlich in den Hals. In der vorvergangenen Saison hatte Kahn den damals noch für Bayer Leverkusen aktiven Thomas Brdaric attackiert.

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Kahn-Ausraster: Den Gegner im Griff

Der Nationalmannschafts-Torwart, der am vergangenen Samstag "wie ein tumber und alkoholisierter Oktoberfestbesucher" ("taz") nach einem vermeintlichen Tritt Kloses auf den Bremer Angreifer losgegangen war, bekam deshalb auch von Kollegen deutliche Worte zu hören: "Ich hätte Kahn voll eine geklatscht. Der tickt doch nicht mehr ganz richtig!", sagte Kloses Teamkollege Ivan Klasnic in der "Bild". "Kahn übertreibt. Und er geht nur an Leute, von denen er keine Gegenwehr zu erwarten hat. Mit Breitner oder Matthäus hätte er das nicht gemacht", sagte der ehemalige österreichische Torjäger Anton Polster.

Auch Uli Stein fand deutliche Worte für Kahns neuerlichen Ausraster. In einem Interview mit der "Abendzeitung" sprach der ehemalige Nationalkeeper, der nach einem Faustschlag gegen Bayerns Jürgen Wegmann im Supercup-Finale 1987 für zehn Wochen gesperrt worden war, von Regeln, die für alle gelten müssten. "Nur weil einer Nationalspieler ist, darf ihm nicht alles nachgesehen werden", sagte Stein, "ich finde es höchst eigenartig: Kahn darf sich in Deutschland offenbar alles erlauben. Dass er nicht bestraft wird, ist wirklich sehr, sehr erstaunlich."



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