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23. April 2010, 14:22 Uhr

Kaiserslautern vor dem Aufstieg

Das Ende der Betzenberg-Grätsche

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Der 1. FC Kaiserslautern provoziert Zuneigung und Hass. Das lag früher am sorgsam gehegten Underdog-Image, am schlichten Racker- und Kämpferfußball, den rauen Trainern. Und das wird sich nach dem Wiederaufstieg nicht ändern - obwohl das Bild vom Wadenbeißer-Club Vergangenheit ist.

Der 1. FC Kaiserslautern gehört zu den Spalter-Clubs in Deutschland. Er polarisiert und teilt das Fußballpublikum in Fans und Hasser - und man fragt sich: warum eigentlich? Der Verein, der am Freitagabend mit einem Sieg gegen Hansa Rostock (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) den Wiederaufstieg in die erste Fußball-Bundesliga perfekt machen dürfte, bringt Emotionen als Aussteuer mit in die Bundesliga.

Das hängt mit dem Publikum auf dem Betzenberg zusammen, das in der Vergangenheit die Grenzen zwischen Parteinahme und Fanatismus gelegentlich verwischte. Das liegt auch an dem Underdog-Image, das am Rand der Republik sorgsamst gehegt wird.

Siege gegen den FC Bayern, gegen den Hamburger SV oder den VfB Stuttgart - das waren in der Pfalz Feiertage. Wenn man es den Schönspielern aus den großen Städten wieder einmal gezeigt hatte. Einmal in den achtziger Jahren wurde Real Madrid 5:0 nach Hause geschickt, den großen FC Barcelona hatte man in den Neunzigern am Rand des Ausscheidens. Kein FCK-Fan wird das jemals vergessen.

Pfalz war die Heimat der Rackerer

Die Pfalz hat Spielertypen angezogen, die den einfachen Racker- und Kämpferfußball kultiviert haben. Niemals aufgeben - dafür stehen Namen wie Stefan Kuntz, Josef Pirrung, Michael Schulz, Harry Koch, Hans-Peter Briegel, Axel Roos, Olaf Marschall. Dass für den Erfolg zuweilen alle Mittel recht waren, hat die Außendarstellung des FCK nur abgerundet. Ein Hans-Günther Neues, ein Mario Basler, ein Demir Hotic, ein Wolfram Wuttke, auch ein Bruno Labbadia haben schließlich das rote Trikot getragen. Das ist nicht die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen gewesen. Sondern es waren Akteure, die an der Seitenlinie ihre Entsprechung fanden in Trainergestalten wie Karl-Heinz Feldkamp, Wolfgang Wolf, Friedel Rausch und Otto Rehhagel. Auch eher Vertreter der zupackenden Sorte.

Die Helden von heute heißen Erik Jendrisek, Sidney Sam, Martin Amedick oder Alexander Bugera. Der FCK hat nach dem Abstieg aus dem Jahr 2006 wieder eine erstligataugliche Mannschaft beieinander, zusammengeführt von dem jungen Trainer Marco Kurz. Der Coach wurde vor einem Jahr alles andere als mit offenen Armen in der Pfalz empfangen. Kurz hatte zuvor bei seiner bis dahin ersten Trainerstation im Profifußball keine Bäume ausgerissen: Beim Zweitligarivalen 1860 München war er nach anderthalb mäßigen Jahren freigestellt worden. Zudem fehlte ihm das, worauf sie in der Pfalz immer so großen Wert gelegt haben: Kurz hatte nie für die Roten Teufel gespielt, ein Mann ohne Betzenberg-Stallgeruch.

Ein Nachteil, der keiner war. Viel zu oft haben sich Verantwortliche in der Vergangenheit in den Pfälzer Seilschaften verheddert. Der Niedergang des FCK vom Meisterteam zum Absteiger hatte auch damit zu tun, dass sich der Verein in der Führung Provinzialismus statt Professionalität gönnte. Hauptsache: ein Pfälzer Bub. Kurz ist von all dem unbelastet - und genau so lässt er spielen. Frei von dem alten Ballast.

Der Trainer hat den Lauterer Fußball entstaubt

Kurz hat die Spielweise des Teams entstaubt. Den konservativen Sicherheitsfußball, den sein Vorgänger Milan Sasic spielen ließ, hat er durch einen erfrischenden Stil ersetzt, bei dem Tempo, Ballkontrolle und Passspiel im Mittelpunkt stehen. Ein ganz neuer Betze-Fußball ist das. Kein Grätschen, kein Grasfressen, kein Umpflügen - das Lauterer Publikum hat diesen Paradigmenwechsel akzeptiert. Er ist gleichermaßen ansehnlich und erfolgreich.

Ein ausgeliehener Erfolg. Zahlreiche Spieler des Teams hat Vereinspräsident Stefan Kuntz auf Leihbasis in die Pfalz holen können. Seit den Jahren der unmäßigen Geldverschwendung ist der FCK aufs Sparen angewiesen - Leihen statt Kaufen war das Erfolgsrezept. Ein Rezept, das dann nicht mehr funktioniert, wenn die Vereine, bei denen die Akteure ursprünglich unter Vertrag stehen, ihre Spieler zurückfordern.

Von Kurt Beck bis zu Marcel Reif

Also gilt es für Kuntz jetzt als allererstes, die ausgeliehenen Profis im Aufstiegsfall an den Club zu binden. Bei Verteidiger Rodnei, den man sich von Hertha BSC ausgeborgt hatte, ist das bereits gelungen, auch Stürmer Sam, eine Leihgabe des Hamburger SV, würde man gern im Südwesten behalten. Spekulationen, der FCK könnte den verlorenen Sohn Miroslav Klose für die kommende Saison von Bayern München loseisen und heim auf den Betzenberg holen, entlocken dem realistischen Kuntz nur ein ganz kurzes Lächeln.

Für die große Aufstiegs-Party, zu der die Partie gegen Rostock werden soll, hat man das Fritz-Walter-Stadion noch einmal um 1500 Plätze auf jetzt 50.000 aufgestockt. Und wie immer, wenn der FCK etwas zu feiern oder um etwas zu bangen hat, heißt es: Eine ganze Region steht hinter dem FCK. Ministerpräsident Kurt Beck wird sich wieder seinen rot-weißen Schal umbinden, TV-Starreporter Marcel Reif, auch einer der Edelanhänger des Clubs, wird irgendwo bestimmt wieder für ein paar sentimentale Worte zur Verfügung sehen.

Sentiment, Liebe, Abneigung, Hass - die Lauterer Geschichte ist voll davon. Es sind solche Vereine, die die Bundesliga bereichern.

Man muss den 1. FC Kaiserslautern nicht mögen. Aber es ist gut, dass er wieder da ist.

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