Kamerun-Trainer Pfister Der Anti-Vogts

Er war der Exot bei der WM 2006 in Deutschland. Bei der Afrika-Meisterschaft fühlt er sich dafür im Gegensatz zu Landsmann Berti Vogts ganz zu Hause. Und hat Erfolg: Morgen geht es für Otto Pfister mit Kamerun im Finale gegen Ägypten um den Titelgewinn.


Otto Pfister entfährt ein Grunzen, als er nach seiner Einschätzung zum Auftritt des Kollegen Berti Vogts beim Afrika-Cup gefragt wird. Das Geräusch klingt ein klein wenig verächtlich, schnell sagt Pfister, er wolle ja keine Kollegen kritisieren, um dann doch zu erklären: "Favorit Nummer eins war laut Berti Vogts Nigeria, jetzt haben sie das Wasser am Hals". Der 70-Jährige grinst. Man kann ihm nicht unterstellen, er freue sich über das finstere Afrika-Kapitel in Berti Vogts Trainerkarriere, wenn er jedoch über die Probleme jener Kollegen sinniert, "die hierher kommen und alles ändern wollen", genießt er doch seine eigene Vertrautheit mit dem Schwarzen Kontinent. Pfister ist eine Art Anti-Vogts bei diesem Afrika-Cup.

Kamerun-Coach Pfister: "Ab und zu mal lächeln"
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Kamerun-Coach Pfister: "Ab und zu mal lächeln"

Mit dem Gestus des Onkels, der die Welt kennt, sagt er, es gebe hier immer "eine Ist-Situation, die niemand ändern kann". Sich hier abzuarbeiten, Energie zu verschwenden, habe keinen Sinn. "Das ist der Fehler, den hier viele machen", solche Typen fahren irgendwann "weinend zum Flughafen". Vogts hat seinen hoffnungslosen Kampf gegen die fiebernde Presse Nigerias geführt, er klagte das lokale Organisationskomitee an, weil es am Spielort Sekondi keinen Arzt gab, der ein Röntgengerät besaß, er war empört über das Chaos bei seinen ersten Pressekonferenzen, seiner Mannschaft gelang derweil kein einziges gutes Spiel. Man muss hier eben "ab und zu mal lächeln, sonst kommt man bei den Leuten hier nicht an", sagt Pfister.

Es ist schon erstaunlich, wie die Umgebung Menschen verändern kann. Beim derzeitigen Turnier in Ghana blieb Vogts ein Fremdkörper, den niemand verstand, im Umfeld des Märchensommers 2006 in Deutschland war es noch Pfister, der wirkte wie ein Exot im ersten Stadium einer altersbedingten Senilität. Als Trainer der Nationalmannschaft Togos verhedderte er sich bei der WM im Geäst der Namen seiner Spieler und schlug sich mit nicht geleisteten Prämienzahlungen herum. Er drohte mit Rücktritt, blieb dann doch, verlor aber alle Spiele. Zwei Wochen lang besetzte Otto Pfister die Rolle des skurrilsten WM-Trainers. Einige Funktionäre des WM-Debütanten streuten Gerüchte über Pfisters angebliches Interesse an alkoholischen Getränken, es war ein bizarres Bild des Chaos das Togo abgab, und Pfister war zumindest aus deutscher Sicht der Mittelpunkt der Show.

Beim Afrika-Cup ist er ein anderer Mensch. Als ein Mann Pfisters Plauderei mit Journalisten unterbricht und den Trainer bittet zu kommen, weil der Sportminister gerade im Hotel empfangen werden muss, antwortet Pfister schlagfertig: "Sagen Sie ihm, ich kann gerade nicht, ich führe ein Gespräch mit dem deutschen Botschafter". Dann grinst er über seinen kleinen Trick und zündet sich eine frische Zigarette an. Seine Füße stecken in staubigen Badelatschen, die Unterkunft ist gemessen an europäischen Ansprüchen schäbig, die Toiletten riechen unangenehm, aber Pfister fühlt sich pudelwohl. "Wenn ich drei Wochen daheim in der Schweiz bin und da auf die Berge schaue, dann juckt es mich. Ich bin irgendwie infiziert von dieser exotischen Welt", sagt der Mann, den sie den "weißen Zauberer" nennen, weil seine Arbeitsweise eben erstaunlich oft funktioniert hier.

Ein Held in Ghana

Ein paar Ecken neben dem Unterkunft der Kameruner in Kumasi, gibt es eine Straße, die heißt "Starlets '91 Avenue", benannt nach dem Weltmeistertitel, den die U17 Ghanas 1991 unter dem Trainer Pfister gewann. Als er vor dem Turnier mit seiner heutigen Mannschaft in Ghana ankam, begrüßten ihn mehrere tausend Menschen mit Sprechchören. An seinem Hals baumelt die goldene Silhouette Afrikas, die ihm Abedi Pelé einst überreichte, nachdem er von 1990 bis 1994 die A-Nationalmannschaft des westafrikanischen Landes trainiert hatte.

In Ghana ist dieser Mann schon ein Held - in Kamerun ist er auf dem besten Wege dahin. Dennoch ist nicht sicher, ob Pfister mit der Nationalelf in die Qualifikationsrunde zur WM 2010 starten wird, auch wenn der Finaleinzug ein sensationeller Erfolg für diese Mannschaft im Umbruch ist. Zwar könne es, wie Pfister sagt, " immer passieren, dass morgen in der Zeitung steht, dass ich entlassen bin". Doch Funktionäre wie Spieler schätzen seine Fähigkeit, sich mit Afrikas Besonderheiten zu arrangieren - und so liegt es an ihm. "Ich entscheide mich nach dem Finale, ob ich in Kamerun bleibe oder nicht. Vom Ergebnis ist das unabhängig", sagte Pfister dem "Kölner Express". Er habe neben Kamerun zwei weitere Optionen: "Entweder Nationaltrainer der USA oder von Südkorea. Wobei ich Südkorea fast ausschließe, weil ich nicht gerne mit einem Dolmetscher arbeite", erklärte Pfister.

In Deutschland würde er trotz Sprachkenntnis hingegen wohl ganz schnell zur Lachnummer werden. Zu fremd ist sein Bild von Deutschlands Fußball, über den er bei jeder Gelegenheit herzieht. Manche seiner Sätze sind einfach nicht kompatibel mit den hiesigen Vorstellungen von der Fußballwelt. "Auf Schalke sind sie immer wieder Champion des Herzens", poltert der 70-Jährige. "Statt dass da mal einer mit der Hand auf den Tisch haut und sagt: Jetzt holen wir einen Weltklassemann für die Abwehr, einen fürs Mittelfeld und einen für den Sturm. Die machen da immer nur trallala." Sein Blick auf Deutschland ist der eines Afrikaners geworden.

Sogar die maßlos übertriebene Erwartungshaltung, eine ziemlich destruktive Krankheit, unter der Afrikas Fußball leidet, hat der gebürtige Kölner sich zu Eigen gemacht. "Wenn Deutschland Dritter bei der Weltmeisterschaft wird, dann feiert die Nation", sagt er kopfschüttelnd. "Wenn Brasilien 2014 die WM organisiert und die werden Dritter, dann müssen Trainer und Spieler aber weit laufen. Bei uns in Deutschland stimmt irgendetwas nicht." So kann man die Welt auch sehen. Und an manchen Orten hilft das sogar.



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