Kantersieg Wolfsburg macht Bayern zur Lachnummer

Große Spielkunst, tolle Tricks: Nach dem 5:1-Kantersieg gegen Bayern ist der VfL Wolfsburg Tabellenführer und Titelfavorit Nummer eins. Trainer Felix Magath spielt weiter den Bescheidenen - obwohl ihm diese Rolle niemand mehr abnimmt.

Von , Wolfsburg


Es wäre so ein Leichtes, am Ende dieses Wolfsburger Frühlingsnachmittages davon zu schreiben, dass die Bayern mächtig abgewatscht wurden. Dass sie eine Klatsche erhielten. Dass Klinsmanns Team den Wolfsburgern auch noch die rechte Wange hinhielt, nachdem der VfL ihm bereits einen Streich auf die linke verpasst hatte.

Wolfsburg-Stürmer Grafite: Zwei Tore gegen den Meister
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Wolfsburg-Stürmer Grafite: Zwei Tore gegen den Meister

Aber was soll die Backpfeifenmetaphorik? Ohrfeigengesichter gab es in der Bundesliga schon vor Lukas Podolski zur Genüge, und dieses Spiel ist ohnehin nicht die Geschichte von Prinz Poldi, sondern die von Wolfsburgs Coach Felix Magath.

Am 31. Januar 2007 ist er dereinst als Meister- und Pokalsiegercoach von den Münchner Oberen gefeuert worden, und nun tat er nach dem triumphalen 5:1 seines Teams gegen die Klinsmann-Truppe alles, um dies nicht als persönliche Revanche verstanden zu wissen.

Stattdessen artigste Töne. Das Saisonziel Uefa-Cup-Platz sei auch nach diesem Spiel und der Übernahme der Tabellenführung dasselbe wie vorher, "ich bin mir wirklich nicht sicher, ob drei Punkte Vorsprung vor den Bayern acht Spiele vor Schluss reichen", sagte Magath und dass ihn "heute viel mehr interessiert hat, wie Stuttgart gespielt hat, weil Platz fünf unser Ziel bleibt".

So spielte er weiter den kreuzbrav-bescheidenen Bürger, eine Rolle, die ihm aber niemand mehr abnehmen kann. Wolfsburg ist nach dieser Vorstellung der nächste gehypte Top-Favorit der Liga, nachdem die Jubelgesänge auf Hoffenheim und Hertha möglicherweise ein bisschen verfrüht kamen.

"Glückliche Umstände" hätten diesen Sieg beschert, wiegelte Magath dagegen ab und konnte zuvor doch nicht widerstehen, die Süße des Sieges auszukosten. Den unverletzten Torwart Diego Benaglio, der zuvor seinen Job tadellos erledigt hatte, eine Minute vor Schluss gegen die Nummer zwei André Lenz auszutauschen - das ist nichts mehr und nichts weniger als eine Demütigung des Gegners. So haben das alle im Stadion verstanden, und laut Magath haben sich alle geirrt: "Ich hatte Lenz versprochen, ihn mal einzuwechseln, wenn es der Spielstand erlaubt, weil er seine Situation als Nummer zwei so hervorragend ausfüllt" - da kommt ein Spiel gegen die Bayern natürlich gelegen, um so ein Versprechen wahrzumachen.

Der VfL hat zurzeit, das zeigte dieses Spiel auf beeindruckende Art, mit dem Bosnier Edin Dzeko den überragenden Offensivspieler der Liga in seinen Reihen. Dagegen verblasst beinahe selbst sein Sturmpartner, Top-Torjäger Grafite. Dem gelangen zwar wieder einmal zwei Treffer, darunter der zum 5:1, der die Bayern-Abwehr zur Lachnummer der Nation degradierte. Doch Dzeko, dessen Beweglichkeit, sein Mannschaftsspiel, seine Bereitschaft, auch hinten zu arbeiten, überstrahlt derzeit alles - und die Bayern-Angreifer ohnehin.

Deren Trainer Jürgen Klinsmann war zwar nach dem Spiel weiß wie die Wand, aber seine Klinsmann-Rhetorik hat keinen Schaden genommen. Selbstverständlich sei es "völlig in Ordnung, den Torwart in so einer Situation auszuwechseln, um den für Wolfsburg besonderen Moment zu genießen". Und weiter im Gönnerton: "Wolfsburg ist jetzt dort, wo wir an sich jetzt in der Tabelle stehen wollten."

Immerhin gestand er ein, "dass so ein Nachmittag sicher nicht angenehm und alles andere als erfreulich" war - was wohl die Untertreibung des Jahres ist, wenn man das Mienenspiel der Verantwortlichen Rummenigge und Hoeneß nur einigermaßen interpretieren mochte. Zwar gab es von Hoeneß nach Schlusspfiff einen Klaps für Klinsmann, den man auch beim besten Willen nicht als Ohrfeige deuten konnte. Aber danach verschwanden die Bayern-Oberen zur Mannschaft in der Kabine und blieben dort auffällig lange hinter verschlossenen Türen. Was denn dort besprochen worden sei, wollte ein Journalist anschließend von Klinsmann wissen. Einzige Antwort des Trainers: "Nächste Frage."

Die Spieler verschwanden ohnehin wortlos in Richtung Mannschaftsbus. Und in Richtung Barcelona, wo sich Lionel Messi, Thierry Henry und Co. wahrscheinlich nicht die allergrößten Sorgen vor dem kommenden Champions-League-Mittwoch machen dürften. "Wir werden dieses Spiel mit manchem Spieler sehr hart aufarbeiten, aber dann ab morgen blicken wir nur noch nach Barcelona", so Klinsmann.

Ein Tag dürfte zum Aufarbeiten aber wohl kaum ausreichen: Einem jungen Mann wie dem 19-jährigen Brasilianer Breno, zu seinem vierten Bundesligaspiel ins kalte Wasser geworfen, kann da noch der geringste Vorwurf gemacht werden, dass er im zweiten Durchgang an jedem Gegentor beteiligt war. Vielmehr müssten sich Führungsspieler wie Franck Ribéry, immerhin per Schuhfarbe auffällig, oder Luca Toni, großteils nur durch Unsportlichkeiten diverser Art zu notieren, auf einen Einlauf der sportlichen Leitung gefasst machen - aber letztlich trifft es wahrscheinlich wieder nur Christian Lell oder den eingewechselten Andreas Ottl. Bei denen kann man langsam die Hoffnung aufgeben, dass sie bei den Bayern noch eine sportliche Entwicklung nehmen könnten.

Und Podolski? 21 Ballberührungen, fünfmal ins Abseits gelaufen, drei Fouls und einmal an die Stirn geklopft. Die eigene wohlgemerkt. Zum Schluss gehörte er zu den immerhin vier Bayern-Akteuren, die die Artigkeit - man könnte auch sagen: Chuzpe - besaßen, sich bei ihren Fans zu bedanken.

Klinsmann wolle "noch viele, viele Jahre" bei den Bayern schaffen, hat er vor dem Spiel verraten. Die Bayern-Hasser der Republik können das nur hoffen. Für die Bayern-Fans der Republik war es ein furchtbarer Nachmittag. Der einzige Trost: Am Mittwoch (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Barcelona kann es eigentlich nicht noch schlimmer kommen.

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