Kapitän Ballack Letzte Chance für den zehnfachen Zweiten

Er hat gekämpft, geblutet, gebrüllt - und wieder keinen internationalen Titel geholt. Das Endspiel-Trauma des Michael Ballack setzt sich fest: Zehnmal wurde er jetzt schon Zweiter. Doch er hat noch eine Möglichkeit, als ganz großer Spieler in die Geschichte einzugehen.

Aus Wien berichtet


Wer Michael Ballack für einen überschätzten Mittelfeldspieler hält, wird jetzt sagen: Da hat er wohl ein Jubiläum gefeiert mit seinem insgesamt zehnten Vize-Titel. Und in der Sammlung mit dem verlorenen WM-Finale (2002) und den beiden Champions-League-Endspielen 2002 und 2008 fehlte doch eigentlich genau dieses EM-Finale, oder?

Wer Michael Ballack für einen überschätzten Mittelfeldspieler hält, für den ewigen Zweiten, der wird sich bestätigt fühlen nach der 0:1-Niederlage gegen Spanien.

Ein Sieg hätte die Zweifler verstummen lassen können.

Ballack polarisiert, wie es viele deutsche Kapitäne vor ihm getan haben, ob Lothar Matthäus, Jürgen Klinsmann oder Matthias Sammer. Es gibt keine Relativierung zwischen den Polen, nur gut und schlecht. Und deshalb gibt es auch nach diesem verlorenen Finale viele, die ihn verteidigen werden.

Hat er nicht dieses Team ins Endspiel geführt? Gegen Österreich das entscheidende Tor geschossen und gegen Portugal überragt? Und als er mit dem Spanier Marcos Senna im Finale zusammenstieß und die Schläfe blutete, machte er da nicht trotzdem weiter? Eben wie ein Kapitän?

Die Argumentationsketten pro und contra Ballack könnte man verlängern vom Ernst-Happel-Stadion bis nach Südafrika, beide, und deshalb fragt man sich am Ende, ob diese ganzen Diskussionen um Vize-Ballack überhaupt sein müssen. Aber sie müssen. Eben weil es nicht Oliver Neuville ist, der gerade zum vierten Mal einen internationalen Titel vergeigt hat oder Kevin Kuranyi. Sondern Ballack.

Er ist einer dieser deutschen Jahrzehnt-Spieler

Es ging bei ihm ja eigentlich immer nur um die Frage, wann er sich in die Reihe der deutschen Säulenheiligen wie Fritz Walter, Franz Beckenbauer, Matthäus oder Klinsmann einreiht. Bei denen stand am Ende aller Diskussionen das Prädikat fest: eine Legende.

Zumindest auf dem Spielfeld, manchmal auch darüber hinaus.

Ballack ist eigentlich auch einer dieser deutschen Jahrzehnt-Spieler, ohne Beispiel in seiner Generation, technisch brillant, kopfballstark, mit einem unfassbar präzisen und harten Schuss, charismatisch, von den Kollegen als außergewöhnlich akzeptiert und anerkannt.

All diese Eigenschaften heben ihn heraus, aber Ballack verblasst neben den anderen Großen, solange er keinen internationalen Titel gewonnen hat. Das ist, ganz pathetisch, das Schicksal der Außergewöhnlichen. Und der Preis für die besondere Aufmerksamkeit, die Zuneigung der einen Deutschen und die Ablehnung der anderen.

Ballack hat noch ein großes Turnier, um diesen Fluch zu besiegen: die WM 2010.

Will er in einem Atemzug mit den ganz Großen genannt werden, muss er Weltmeister werden. Das ist pervers, aber es ist so.

Gewinnt er, verstummen die Zweifler für immer. Scheitert er erneut, wird man von einem außergewöhnlichen Kapitän sprechen, dem torgefährlichsten Mittelfeldspieler in der Geschichte des DFB. Aber auch vom Unvollendeten.

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