Frankreich-Stürmer Karim Benzema Die Mission des Schweigers

Frankreichs Stürmer Karim Benzema galt lange Zeit als Talent und Sorgenkind zugleich. Doch bei Real Madrid hat er eine überragende Saison hinter sich. Nach dem WM-Aus Franck Ribérys übernimmt er Verantwortung. Es könnte sein Turnier werden.

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Aus Rio de Janeiro berichtet


SPIEGEL ONLINE Fußball
Eine Fußballweltmeisterschaft ist für die mitgereisten Fans immer auch ein bisschen wie Schüleraustausch. Sie lernen die Farben fremder Flaggen, die Trinkgewohnheiten anderer Nationen - und besonders gerne auch deren Schlachtrufe. Als Frankreich am vergangenen Sonntag in Porto Alegre gegen Honduras spielte, mühten sich beim Fanfest in Rio de Janeiro viele vergeblich mit dem komplizierten französischen Gesang "Qui ne saute pas n'est pas Français!" ab, wer nicht hüpft, ist kein Franzose. Bis einer sie erlöste: "Benzeeeeemaaaaa!!" Fortan konnten die fremden Fans einfach seinen Namen schreien.

Zwei Tore schoss Karim Benzema für Frankreich, in der 45. Minute erst einen Elfmeter, dann folgte ein Pfostentreffer, der zu einem Eigentor von Honduras' Torwart Noel Valladares führte, und eine gute Viertelstunde vor Ende ein krachender Schuss zum 3:0 (1:0)-Endstand. Benzema hatte Frankreich den ersten Auftaktsieg bei einer WM seit 1998 geschenkt, dem Jahr, in dem die Grande Nation Weltmeister geworden war. Der Erfolg hatte etwas von einer kleinen Erlösung.

Vor allem aber war er für Benzema extrem wichtig.

Denn als das verletzungsbedingte Aus von Bayern Münchens Franck Ribéry bekannt wurde, war ziemlich schnell klar, dass ein Großteil der Verantwortung nun auf den Stürmer Benzema übergehen würde. Nicht alle waren sich sicher, ob der 26-Jährige mit dem Druck dieser Aufgabe zurechtkommen würde. Sein Auftritt in Porto Alegre aber zeigte: Karim Benzema, das einstige Sorgenkind, ist erwachsen geworden. Er kann es.

Mit 21 Jahren zu Real Madrid

Benzema sei "ein großer Spieler", sagte etwa Torwart Hugo Lloris nach dem Honduras-Spiel, und seine neue Rolle liege ihm. Dabei hätte man Benzema vor rund einem Jahr vieles zugetraut, nicht aber, die französische Nationalmannschaft durch das Turnier in Brasilien zu führen. Denn lange Zeit schienen bei Benzema, der einst als eines der größten Stürmertalente der Welt gehandelt worden war, Anspruch und Realität weit auseinanderzuliegen. 2009 war der damals 21-Jährige für 35 Millionen Euro von Olympique Lyon zu Real Madrid gewechselt, die Spanier kauften damals auch die Hoffnung auf einen neuen Weltstar. Immerhin war der Sohn algerischer Einwanderer schon mit 19 Jahren Nationalspieler geworden, ihm schien eine goldene Zukunft bevorzustehen.

Doch in Madrid kam Benzema lange nicht wirklich an. Er schien mehr Zeit im spanischen Nachtleben als auf dem Trainingsplatz zu verbringen, gab viel Geld für Autos und anderen Luxus aus, er nahm zu und wurde behäbiger. In Frankreich war man wütend auf sein Verhalten, Benzema sei maßlos, unprofessionell und werfe sein Talent weg, hieß es. Für die Weltmeisterschaft 2010 wurde er vom damaligen Trainer Raymond Domenech nicht berücksichtigt.

Stattdessen schaffte es Benzema gemeinsam mit Ribéry wegen der Affäre um eine minderjährige Prostituierte in die Schlagzeilen, in Madrid wurde er zudem von der Polizei gestoppt, weil er mit seinem Sportwagen über hundert Kilometer zu schnell unterwegs war. Hätte Benzema nicht weiter seine Tore geschossen - seine Zeit in Madrid wäre wohl schneller zu Ende gegangen als gedacht.

Nach einer wenig glorreichen ersten Saison mit nur acht Toren in 27 Spielen schaffte er es aber, sich etwas aufzuraffen, und Domenechs Nachfolger Laurent Blanc berief ihn in den Kader für die EM 2012. Dort schied Frankreich im Viertelfinale gegen Spanien aus, Benzema hatte kein einziges Mal getroffen. Es brauchte ein weiteres Jahr und einen Trainerwechsel bei Real Madrid, ehe Benzema den so lange erhofften Entwicklungsschritt machen konnte.

Platz fünf in der Torschützenliste

Hatte es der introvertierte Stürmer unter dem Portugiesen José Mourinho noch schwer gehabt, glaubte Carlo Ancelotti daran, das Talent des "Schweigers" noch einmal herausfordern zu können. Seinem Co-Trainer Zinédine Zidane gab er die Aufgabe, sich besonders um seinen Landsmann Benzema zu kümmern. Die Liaison funktionierte, Benzema spielte bei Real 2013/2014 seine stärkste Saison: Er wurde erstmals Champions-League-Sieger, zudem schoss er 17 Tore in der Primera División, Platz fünf in der von seinem Teamkollegen Cristiano Ronaldo mit 31 Treffern angeführten Torschützenliste.

Während Ronaldo mit Portugal gegen Deutschland 0:4 unterging, könnte diese WM das Turnier des Karim Benzema werden. "Ich hatte im Kopf, ein gutes Spiel zu machen, einfach zu versuchen, ohne Druck meinen Fußball zu spielen. Viele bewerten mich anhand der Zahl meiner Tore, für mich ist auch die Art und Weise, wie ich spiele, sehr wichtig", sagte er nach seiner Gala im Auftaktspiel. Er hoffe, gegen die Schweiz an diesem Abend (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) und gegen Ecuador am kommenden Mittwoch eine ähnliche Leistung zeigen zu können.

Dass Real Madrid derzeit damit beschäftigt sein soll, mit Luis Suárez einen weiteren Stürmer zu verpflichten - Gerüchten zufolge für eine Transfersumme von rund 90 Millionen -, darf ihn bei dieser Mission nicht stören.

insgesamt 2 Beiträge
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sodaso 20.06.2014
1.
Scheint ein netter kerl zu werden. Und Fußballspielen kann er ja auch. Mal schauen wie er sich im 1/4-Finale gegen die deutsche Elf anstellt.
schmusel 20.06.2014
2. Nuja
Er scheint ja ein bisschen opportunistisch veranlagt zu sein, wenn er sagt, Algerien sei seine wahre Heimat und Frankreich nur seine sportliche (er spielt ja eigentlich in Spanien für Lohn und Brot) - das hiesse ja, er macht bei der Équipe Tricolore nur mit, weil er sich da bessere Erfolgschancen ausrechnet. Die Algerier würden ihn sicherlich mit Hand- und Fusskuss nehmen. Wie dem auch sei, eine solche klare Ansage habe ich noch von keinem Spieler mit Migrationshintergrund gehört. Mag sein, dass das gar nicht so selten der Fall ist (oder auch nicht), aber etwas befremdlich ist die "Ehrlichkeit" doch.
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