Karlsruhes Absturz in die Dritte Liga Baden gegangen

Wer KSC sagt, erntet in Karlsruhe nur noch abfällige Gesten. Und die hat sich der Zweitliga-Absteiger in den vergangenen 20 Jahren auch redlich verdient. Ein Rückblick.

KSC-Profi Stefan Mugosa
DPA

KSC-Profi Stefan Mugosa

Von , Karlsruhe


Es ist noch gar nicht so lange her, da verwendete Karlsruhes Stadionsprecher in der Aufheizphase vor dem Anpfiff die Wendung von den "drei geilsten Buchstaben im deutschen Fußball". Zuletzt ließ Martin Wacker die Formulierung weg.

Als Eventmanager ist der Mann in der Stadt allgegenwärtig. Er kennt also die Reaktionen, wenn die Buchstaben "K-S-C" fallen. Fast immer ist es eine wegwerfende Handbewegung, oft orchestriert mit der schönen badischen Wendung: "Geh mer fort." Frei übersetzt: "Lass mich bloß in Ruhe mit denen."

Dabei fing der Absturz des Traditionsvereins schon lange vor dem jetzigen Abstieg in die Dritte Liga an: am 2. November 1993, dem eigentlich glücklichsten Tag der jüngeren Vereinsgeschichte. Damals fegte ein entfesselter KSC den FC Valencia 7:0 aus dem Wildpark. Bei weiten Teilen des Publikums auf den besseren Plätzen scheint die Zeit seither allerdings stehengeblieben zu sein. Der KSC wird hier als geborener Erstligist gesehen, der nur dank einer Verkettung ungünstiger Umstände seit vielen Jahrzehnten nicht in der Bundesliga spielt.

Spätestens nach dem ersten Fehlpass einer Partie quaken dieser Tage viele Menschen in Karlsruhe von Valencia, während der "echte" KSC gegen Heidenheim verliert. Unter dieser Erwartungshaltung hatte zuletzt jeder zu leiden, der beim Klub in Ruhe etwas entwickeln will. Zumal: Viele Zuschauer wollen auch noch schönen Fußball sehen.

Mitte der Neunzigerjahre, dem Beginn der Karlsruher Hybris, riefen Präsident Roland Schmider und Trainer Winnie Schäfer den "KSC 2000" aus. Im Jahr 2000 wollten sie den Bayern Konkurrenz machen, Deutscher Meister werden. De facto stieg der Verein im Mai 2000 in die Regionalliga ab - nachdem ein gewisser Joachim Löw Trainer war.

Karlsruher Fans
DPA

Karlsruher Fans

Damals wollte der KSC auch ein neues Stadion bauen, 2018 soll es für 113 Millionen Euro nun tatsächlich gebaut werden. Der Steuerzahler finanziert vor, der KSC zahlt 33 Jahre lang zurück. Typisch für den KSC ist, dass große Pläne nur langsam in Gang kommen. Und, dass im Verein viele so tun, als tue der KSC der Stadt einen Gefallen - und nicht umgekehrt.

Edmund Becker wurde das Vertrauen entzogen

2007 - auf den Tag genau zehn Jahre vor dem Drittliga-Abstieg - stieg der KSC nach langen Jahren wieder in die 1. Bundesliga auf. Mit einem Mini-Etat und einem Trainer, der das Beste aus den Möglichkeiten machte. Edmund Becker, heutiger Nachwuchschef, hat nie bei einem anderen Verein Fußball gespielt oder als Trainer gearbeitet. Doch die Kombination aus Sachverstand und Stallgeruch, die anderswo als Glücksfall gegolten hätte, reichte den Fans nicht. Dass es nach zwei Jahren wieder runterging, wurde Becker angekreidet.

Auch Paul Metzger ist ein Thema in Karlsruhe. Wer sich in Hamburg oder München über den KSC unterhält, wird geradezu zwangsläufig auf den Kurzzeit-Präsidenten angesprochen, der vor der Fankurve das "Badnerlied" in die Sky-Kamera sang, sich als Volkstribun aufführte und sich bei nüchterner Betrachtung doch nur einige Monate lang nach allen Regeln der Kunst blamierte.

KSC-Präsident Ingo Wellenreuther
Bongarts/Getty Images

KSC-Präsident Ingo Wellenreuther

Dem CDU-Bundestagsabgeordneten Ingo Wellenreuther bleibt das Verdienst, Metzger 2011 abgelöst zu haben. Auch er hat zahlreiche Kritiker gegen sich, aber selbst die müssen zugeben, dass sich der Präsident detailversessen für den Stadionbau aufgerieben hat. Allerdings hat das Präsidium in den vergangenen Jahren ein paar Mal zu oft die Schuld bei anderen gesucht, als dass dies nicht verdächtig wirken würde.

Blieben noch zwei weitere Namen, die die jüngere Geschichte des KSC geprägt haben. Schiedsrichter Manuel Gräfe ist ein sympathischer Mann, seinen Freistoßpfiff im Relegationsspiel gegen den Hamburger SV im Jahr 2015 haben trotzdem die meisten Augenzeugen als böswillig empfunden. Keine Ahnung, wo der KSC heute ohne Gräfes Pfiff wäre, der dem HSV den überlebenswichtigen Ausgleich ermöglichte, aber wohl nicht in der Dritten Liga. Was nichts daran ändert, dass der KSC am Niedergang selbst schuld ist.

Nach Kauczinskis Abgang brach alles zusammen

Trainer Markus Kauczinski war ein Glücksfall für den KSC, als er 2016 wegging, brach das Kartenhaus in sich zusammen. Auch der jetzige HSV-Manager Jens Todt hat zwei Jahre lang gut gearbeitet und zusammen mit Kauczinski Millionen an Transferüberschüssen erzielt, ohne die Substanz zu gefährden. Doch im vergangenen Sommer waren die Transfers ein einziger Flop.

Für Manuel Gulde und Daniel Gordon holte der KSC in Jordi Figueras einen Innenverteidiger, der in seinem Heimatland wegen Wettmanipulation angeklagt ist. Ob der Manager um das Verfahren wusste, der Spieler aber versichert habe, es sei nichts dran an den Vorwürfen (Version Todt), oder ob er es nicht wusste, weil er sich nicht informiert hatte (Version über Todt) - beides wäre gleich peinlich für den KSC.

Der jetzige KSC-Trainer Marc-Patrick Meister
Bongarts/Getty Images

Der jetzige KSC-Trainer Marc-Patrick Meister

Zudem verpflichtete der Klub im Dezember in Mirko Slomka einen Trainer als Nachfolger von Tomas Oral, der zum KSC passte wie Uwe Seeler nach Niederbayern. In Karlsruhe stieß der Champions-League-Trainer (Eigenwahrnehmung) nicht nur die Journalisten vor den Kopf. Er schien auch nicht zu verstehen, dass der KSC weniger Geld als Madrid hat, forderte und bekam einen neuen Trainingsrasen und vergaß, dass der KSC ein Ausbildungsverein ist. Zu Slomkas Zeiten bestand die Startelf der U23 zuweilen aus sieben Profis. Hochmotivierend für den Nachwuchs, der die Woche über trainiert hatte und am Spieltag aussortierte Top-Verdiener vor die Nase gesetzt bekam.

Immerhin, mit Marc-Patrick Meister scheint nun ein Trainer gefunden, der nicht nur weiß, was er auf dem Platz sehen will, sondern auch, wo er arbeitet. Die Chance, eine neue, hungrige Mannschaft aufzubauen, hat er sich alleine dadurch verdient, dass er tapfer eine Abstiegsmannschaft verteidigt hat, die er sicher anders zusammengestellt hätte. Gut möglich also, dass man die Dritte Liga irgendwann als heilsamen Einschnitt sehen wird.

Oder doch nicht? Stimmt, es gibt ja noch alles andere, das beim KSC im Argen liegt, einem Verein, der seine Fans durch hohe Ticketpreise vergrätzt, dessen Spieler und Angestellte oft aus den Medien erfahren, wie es mit ihnen weitergeht und der .... ach, GEH MER FORT!



insgesamt 42 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
paul_123 01.05.2017
1. Artikel kompletter Schwachsinn
Wie kann man einem Trainer unterstellen, dass er als EigenWahrnehmung ein Championsleaguetrainer ist, wenn dieser nur eine Saison einen Klub dort trainiert hat. Außerdem ihm zu unterstellen, er verstehe nicht warum der Ksc nicht den Etat von Madrid ist an Unsinn nicht zu überbieten. Selbst die Bayern haben nicht den Etat von Madrid. So wie sich der gesamte Artikel liest, ist der Autor bestimmt Stuttgartfan.
rainer82 01.05.2017
2. Wenn ein Stadionsprecherseite die Fans erst
kann es mit der Liebe der Fans zum Verein ja nicht weit her sein. Aber so ist das halt, wenn ein Fußballspiel zum "Event" verkommt! Da lobe ich mir Proficlubs, bei denen allein die Fans für die Stimmung im Stadion sorgen und keiner Animation durch nervige "Eventmanager" bedürfen. Zum Glück gibt's die ja auch noch!
il_phenomeno 01.05.2017
3. also ich bin VfBler
aber das mit dem KSC tut mir wirklich leid. Karlsruhe war die unangefochtene Nummer 2 im Südwesten und hat noch schlimmer gewirtschaftet als der VfB (der hoffentlich irgendwie irgendwann wieder zu älter stärke findet). es zeigt sich, dass es im Fussball wohl eher auf wirtschaftlichen Sachverstand ankommt (Hoffenheim Leipzig) als lange Tradition und ehemalige Profis, die man für entsprechend kompetent hält nur weil sie mal buli gespielt haben.
LeonLanis 01.05.2017
4. Die Kausalkette,
die zum jetzigen Abstieg des KSC geführt hat, liest sich zunächst überzeugend. Sie wäre aber ohne die Fehlentscheidung von Schiedsrichter Gräfe im Jahre 2015 unterbrochen worden. Bei einem Aufstieg in die Bundesliga hätte der KSC wahrscheinlich eher eine Entwicklung genommen wie z.B. Eintracht Braunschweig oder Darmstadt 98. Außerdem stand die Mannschaft, wenn ich mich richtig erinnere, noch vor einem Jahr sportlich solide dar. Somit erscheint es eher an den Haaren herbeigezogen, den Niedergang in der laufenden Saison auf eine jahrzehntelange Fehlentwicklung zurückzuführen.
paysdoufs 01.05.2017
5. @il_phenomeno
Ein VfBler der sich lobend zum SC Freiburg äußert ohne dessen Namen zu erwähnen. Respekt ;-) Zum Artikel: Ein begleitendes Kästchen mit den Ligen, in denen der KSC in den vergangenen, bewegten 20 Jahren gespielt hat, wäre hilfreich gewesen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.