Kartenflut Schiedsrichter im Abseits

Wüste Tretereien im Spiel zwischen Portugal und den Niederlanden, umstrittene Elfmeter und Platzverweise - die Schiedsrichter stehen bei der WM nach schwachen Leistungen und Fehlentscheidungen im Kreuzfeuer der Kritik. Doch die Unparteiischen tragen nicht allein die Schuld an der Misere.

Von Jens Todt


Berlin - Fußballprofis haben in der Regel ein hervorragendes Gespür für Gesten und Körpersprache. Unzählige Auseinandersetzungen und Zweikämpfe haben sie darin geschult, kleinste Anzeichen von Schwäche zu erkennen - im permanenten Konkurrenzdruck des professionellen Sports eine nicht zu unterschätzende Fähigkeit.

Der 90-minütige Alptraum, den der russische Schiedsrichter Walentin Iwanow bei der Partie Portugal gegen die Niederlande erleben musste, ist ein gutes Beispiel dafür, wie gnadenlos Spieler Fehler ausnutzen und wie ein überforderter Referee gegen hemmungslose Profis unter die Räder kommen kann. Die Bilanz des Spiels: 16 gelbe Karten, vier Spieler sahen die Verwarnung gleich zweimal und mussten den Platz verlassen.

Hinterher kritisierten alle Beteiligten Schiedsrichter Iwanow: Niederländer, Portugiesen, selbst Fifa-Präsident Sepp Blatter. Doch Iwanow verteidigte sich: "Was die Brutalität angeht, war es das härteste Spiel meiner Karriere", sagte der 45-Jährige der Zeitung "Iswestja", "ich habe alle Szenen so geahndet, wie ich sie gesehen habe." Die Fifa-Schiedsrichterkommission wird heute Nachmittag bekannt geben, welche Referees für die restlichen Spiele der WM nominiert werden. Iwanow wird mit Sicherheit nicht mehr dabei sein.

Die Schlüsselszene des Spiels ereignete sich bereits in der achten Minute, als der niederländische Verteidiger Khalid Boulahrouz Portugals Cristiano Ronaldo aus vollem Lauf die Stollen seines Schuhs in den rechten Oberschenkel rammte. Der 21-jährige Jungstar von Manchester United musste einige Minuten später verletzt den Platz verlassen.

Boulahrouz sah für die brutale Attacke nur die Gelbe Karte, damit waren die Maßstäbe für dieses Spiel gesetzt, von nun an war klar, dass jede weitere Unsportlichkeit an diesem Foul gemessen werden würde. Die viel zu geringe Strafe lieferte den übrigen Akteuren den Freifahrtschein für überhartes Spiel.

In der Folge entglitt Iwanow die Partie völlig. Die entfesselten Aggressionen der Spieler waren auch mit einer Flut von Gelben Karten nicht mehr einzudämmen. Verzweifelt versuchte Iwanow, eine Anweisung der Fifa umzusetzen, die besagt, dass bei Unsportlichkeiten ohne Ermessensspielraum des Referees sofort Gelb zu ziehen ist, doch er bekam die Partie nicht mehr in den Griff.

Iwanows Auftritt lieferte nicht zum ersten Mal Anlass für Diskussionen über die Schiedsrichter bei dieser WM. In der Schlussphase der Partie Kroatien gegen Australien hatte der Engländer Graham Poll dem Kroaten Josip Simunic gleich dreimal die Gelbe Karte gezeigt. Auch Weltschiedsrichter Markus Merk stand nach einem Elfmeterpfiff im Spiel Ghana gegen die USA in der Kritik. Gestern lag Medina Cantalejo in der Partie Italien gegen Australien bei der Roten Karte falsch, der Strafstoß für die Italiener war zumindest umstritten.

Die Klage über Fehlentscheidungen ist so alt wie das Spiel selbst, und abgesehen von Iwanows schwarzem Tag und Polls Verwirrung liegen die Schiedsrichter bei dieser WM nicht auffällig häufiger daneben als in anderen internationalen Wettbewerben. Der Endspielcharakter der Spiele nach der Vorrunde führt nur dazu, dass Fehlentscheidungen hitziger diskutiert werden. Fehler an sich sind also nicht das Problem, ein wirkliches Ärgernis ist vielmehr die Bewertung harmloser taktischer Fouls etwa an der Mittellinie im Vergleich zu wirklich brutalen Attacken.

Die Anweisung der Fifa, schnell Gelb zu zeigen, führt dazu, dass die Schiedsrichter ihr Pulver zu schnell verschießen. Sie benötigen die Befugnis, harmlose Fouls in Allerweltszweikämpfen von brutalen Tritten zu unterscheiden. Genau das ist die wichtigste Fähigkeit ihrer Zunft.

Der königlich-niederländische Fußballverband KNVB will sich bei der Fifa für die Einführung eines zweiten Schiedsrichters einsetzen. "Das Spiel ist schneller geworden. Die Aggression hat zugenommen, die Anforderungen sind gestiegen", begründete der Direktor für Profifußball, Henk Kesler, den Vorschlag. Es sei klar, dass ein Schiedsrichter allein nicht mehr den Überblick behalten könne.

Ob ein oder zwei Schiedsrichter: Wer mit gestrecktem Bein, die Stollen voraus, in den Gegner rutscht, ohne das geringste Risiko für sich selbst, der gehört unter die Dusche. Schauspieler, die mit ihrer Theatralik die Herausstellung eines Gegenspielers provozieren wollen, erst recht. Gute Schiedsrichter erkennen die Unterschiede und nutzen ihr Kartenkontingent sparsam und sinnvoll, dafür bedarf es keiner Anweisung.

Die angeblich so schwer zu kontrollierenden Spieler wissen bei konsequenter Unterscheidung der brutalen von den harmlosen Fouls in der Regel ganz genau, wie weit sie gehen können. Sie besitzen nämlich eine weitere Fähigkeit, die unabdingbar ist, um im Spitzenfußball zu bestehen: Sie sind lernfähig.



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