Keeper Kahn Supermacht in Reserve

Den Kampf um den Stammplatz im Tor hat Oliver Kahn gegen Jens Lehmann verloren. Das heißt aber nicht, dass die ehemalige Nummer eins der deutschen Fußball-Nationalmannschaft an Einfluss verloren hat. Nicht nur Lehmann muss sich vor Kahn in Acht nehmen.


Kürzlich hat er mal wieder Pech gehabt, nichts Ungewöhnliches also. Es ist ihm häufiger so gegangen in letzter Zeit. Diesmal war es kein Kollege, der ein Eigentor wie aus dem Lehrbuch köpfte. Aber einer der eigenen Leute war mal wieder beteiligt am Malheur. Ein Ball, sehr heftig getreten, schlug ihm beim Aufwärmen unter das Auge, das sogleich anschwoll. Innerhalb weniger Sekunden war es ein ausgewachsenes Hämatom, das ihm den Radarblick verstellte - verhängnisvoll für einen Keeper. Also tat Oliver Kahn das Richtige gegen Arminia Bielefeld. Er verfolgte das Bundesligaspiel (2:0) von der Tribüne aus.

Aushilfskraft Kahn: Einfluss von der Bank
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Aushilfskraft Kahn: Einfluss von der Bank

Kollege Michael Rensing, verantwortlich für den tückischen Schuss, durfte ins Tor, erledigte seinen Job tadellos und sprach hinterher davon, dass es eigentlich eine "ganz lustige" Sache gewesen sein, aber "nicht für den Olli". Der sah aus wie ein Boxer, der gerade aus einem Kampf kommt. Doch dann geschah das Wunder, auch Kahn äußerte sich. Er nahm die Sache sehr sportlich und lachte dabei, tatsächlich, und alle fragten sich: Wann hat man ihn zuletzt lachen gesehen?

Vielleicht wusste er schon, was Jens Lehmann erzählt hatte in einem Interview beim TV-Sender Premiere. Der hatte Worte gewählt, die so etwas wie die Sorge durchschimmern ließen, den Kahn jetzt im Nacken zu haben. Zum ersten Mal, sagte Lehmann, habe die Lobby nicht gegen ihn gearbeitet, zum ersten Mal habe er eine faire Chance erhalten. Und er blickte auf Kahn: "Wie er letzten Endes mit der Situation umgeht, das weiß ich nicht. Wenn er das gut kann, wenn er das machen möchte, dann ist das schön. Man wird alles sehen."

Lehmann hätte sich auch einfach hinstellen und den Kontrahenten für dessen Sportsgeist rühmen können. Zwei Weltklasseleute bei einem WM-Turnier, das könne nicht schaden, welche Nation schwelge denn in solchem Luxus - der übliche Sound, wenn es darum geht, Differenzen unter Gentlemen zu verklausulieren. Doch Lehmann will offenbar nicht glauben, was Kahn bei seiner Pressekonferenz in der vergangenen Woche dem Volk weismachen wollte: den großen Sportsmann, der eine Entscheidung gegen sich akzeptiert, den noblen Geist, der sein Mega-Ego derart zurückschraubt und sämtliche persönliche Eitelkeiten dem Erfolg der Mannschaft unterordnet - eben jener Kahn, den bisher kaum jemand kannte.

Hat Lehmann nicht allen Grund skeptisch zu sein? Eines ist sicher: Kahn wird bei den Vorbereitungen auf die Weltmeisterschaft und während des Turniers für einen weiteren Superlativ sorgen. Vielleicht wird er bald der meistbestaunte Reservist der Geschichte werden, sofern es nicht Zinedine Zidane in die Reserve der Franzosen verschlägt oder Ronaldinho bei Brazil-Coach Carlos Alberto Parreira in Ungnade fällt. Aber eines ist Kahn jetzt schon auf jeden Fall: Er ist der mächtigste Ersatzspieler, der die WM im Blickfeld hat.

Mit seiner beinahe staatstragend tönenden Erklärung, die Degradierung anzuerkennen, hat er sich nicht nur reichlich Respekt von allen Seiten, sondern auch sehr viel Macht über Jürgen Klinsmann verschafft. Niemand im Trainerstab dürfte ernsthaft in Erwägung gezogen haben, dass sich der Münchner, 90 Kilogramm geballter Ehrgeiz, auf die Bank setzt. Es gibt nicht wenige, die sagen, der Bundestrainer hätte die Nummer zwei gleich komplett neu besetzen müssen, denn eines ist klar: Die Stimmung im deutschen Team ist sehr stark von der Laune Kahns abhängig.

Für den Keeper ist es ein erster Schritt auf dem Weg zur inneren Genugtuung. Man stelle es sich vor: Ein generös referierender Kahn, der über die Schwierigkeiten des Toreverhinderns parliert und Lehmann demonstrativ in Schutz nimmt, nachdem der Kollege Unsicherheiten gezeigt hat. Und vielleicht wird Kahn sich gefallen in der Rolle des Degradierten, der eine Lunte in der Hand hält und nach dem Zündholz nicht einmal zu fragen braucht. Es wird ihm von allen Seiten gereicht werden, und er wird es immer wieder ablehnen müssen, was ihm nicht schwer fallen dürfte. Denn Kahn ist ein Mann, dem bei allem Ehrgeiz viel an seinem Image liegt, und von der Rolle des alternden Gönners wird er nur profitieren können. Und Klinsmann? Der sitzt in einer Falle, die er selbst aufgestellt hat.



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