Chaos beim Drittligist KFC Uerdingen Die Grotenburg-Ruine

Ein polternder Präsident, offene Rechnungen, vier Trainer in einer Saison, ein marodes Stadion: Der KFC Uerdingen spielt Fußball in der 3. Liga, erhält aber mehr Aufmerksamkeit als mancher Bundesligist. Ein Ortsbesuch.

KFC-Maskottchen Grotifant
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KFC-Maskottchen Grotifant

Aus Uerdingen berichtet


Vier Stehplätze, dreimal Vollzahler, einmal ermäßigt. Macht zusammen 53 Euro. "Und dann hätte ich noch gern eine Autogrammkarte vom Grotifanten für meinen Sohn." Die gibt es gratis dazu. Das Maskottchen des Drittligisten KFC Uerdingen 05 hat einen Kultstatus erreicht, der speziell von der Sendung "Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs" im WDR gepflegt wird. Allerdings pausiert die Pflege derzeit. "Kommt erst mal klar", hat Moderator Arnd Zeigler dem Verein auf den Weg gegeben, ohne die Zuschauer aufzuklären, was vorgefallen ist. Manchmal, wenn so viel vorfällt wie in diesen Wochen beim Krefelder Fußball-Club, kann das vorkommen.

Der Vorverkauf für das Finale des Niederrheinpokals läuft gut, auch wenn die Geschäftsstelle des KFC Uerdingen 05 schwierig zu finden ist. Die ältere Frau, die 35,20 Euro für T-Shirt, Tasse und Wimpel in bar bezahlt, hat mitbekommen, dass neben ihr ein Reporter steht: "Schreiben Sie nichts Schlechtes über den Verein."

Ein verständlicher Wunsch in diesen Wochen. "Gerichtsvollzieher treibt Gehälter in Uerdingen ein", titelt die "Sport-Bild". "Der ungezügelte Herr Ponomarev" wird in der "Westdeutschen Zeitung" kritisiert. Die "Bild"-Zeitung berichtet "Neues aus dem KFC-Irrenhaus" und empfiehlt in einem Kommentar: "Troll Dich, Troll Ponomarev!"

Wer ist Mikhail Ponomarev?

Mikhail Ponomarev ist der Präsident des Uerdinger Vereins. Er hält über eine Gesellschaft 97,5 Prozent an der ausgegliederten KFC Uerdingen 05 Fußball GmbH. Diese Gesellschaft heißt "KFC Uerdingen Entertainment GmbH". Das ist dann wohl britischer Humor eines Russen, der rätselhaft ist und vermutlich bleiben wird.

Wenig ist über Ponomarev bekannt. Die dünne Quellenlage gibt her, dass er ein 44 Jahre alter Diplom-Kaufmann ist, der im Großraum Moskau gelebt hat, bevor er vor etwa zehn Jahren nach Deutschland kam. Er soll sein Geld in einem großen Öl-Unternehmen und dann als Geschäftsführer einer Consultingfirma verdient haben. Er trat mit seiner Firma als Sponsor bei Fortuna Düsseldorf auf, engagierte sich mit Freunden erfolgreich beim englischen Klub AFC Bournemouth. Wie genau, ist nicht zu erfahren. Was genau bei der Düsseldorfer EG vorgefallen ist, dass die Stadt den Eishockey-Klub erst wieder unterstützte, nachdem Ponomarev weitergezogen war, bleibt diffus.

Um ihn dreht sich alles: Mikhail Ponomarev
Kolvenbach/ imago images

Um ihn dreht sich alles: Mikhail Ponomarev

Das Firmengeflecht, in dem Ponomarevs Name auftaucht, ist schwierig zu durchschauen. Viele Informationen sind veraltet. Der letzte hinterlegte Geschäftsbericht der Energy Consulting Europe GmbH weist für 2015 eine massive Überschuldung aus.

"Wir wollen Ruhe in den Verein bringen"

An der Geschäftsstelle des KFC Uerdingen hängt ein Zettel hinter dem Fenster, dass die Post für die Energy Consulting Europe GmbH und zwei weitere Gesellschaften in den Briefkasten des Vereins geworfen werden soll. Ponomarev ist oder war Geschäftsführer der Unternehmen, sagt allerdings der "Rheinischen Post" in einem seiner sehr seltenen Interviews: "Ich unterhalte in Deutschland keine wirtschaftlichen Unternehmungen." Zumindest die Entertainment GmbH, für die es an der gemeldeten Adresse weder Briefkasten noch Türklingel gibt, muss er dabei vergessen haben.

Für SPIEGEL ONLINE ist Mikhail Ponomarev nicht zu sprechen. "Wir wollen Ruhe in den Verein bringen. Deshalb sagt derzeit niemand etwas", entschuldigt sich der Klubsprecher.

Erklärungen für die Fans

Die Fans jedoch, die sollen Antworten bekommen. Der Verein hat am Freitagabend in den Saal einer Gastwirtschaft im Krefelder Ortsteil Fischeln geladen. Am Abend vor dem Spiel bei Hansa Rostock soll der "Schulterschluss" gesucht werden. In der Einladung wird von einer "Medienkampagne" gegen den Klub geschrieben, von "Falschbehauptungen". Welche Behauptungen das sind, auch das möchte SPIEGEL ONLINE in einem Fragenkatalog wissen. Es gibt keine Antwort.

Etwa 400 Menschen sind der Einladung gefolgt. Manche haben Trikots an, viele Schals um den Hals. "Uerdingen, Uerdingen", schallt es durch den Saal. Als Ponomarev, von stattlicher Figur, mit Verspätung kommt, stehen viele auf, feiern ihn mit Applaus.

Einst spielte der KFC Uerdingen im Europapokal
Marcus Bark

Einst spielte der KFC Uerdingen im Europapokal

Mit ihm und seinem - oder von ihm besorgten - Geld haben die Uerdinger es in zwei Jahren aus der Oberliga in die Dritte Liga geschafft. Ponomarev hat dem Verein die sportliche Würde wiedergegeben. DFB-Pokalsieg 1985 gegen den FC Bayern, das 7:3 gegen Dynamo Dresden ein Jahr später im Europapokal - der KFC Uerdingen ist eine Hausnummer gewesen im deutschen Fußball, bis Bayer 1995 als Sponsor ausstieg und der Konzern auch als Namensgeber des Klubs verschwand.

Der KFC Uerdingen in der Krise

Der Niedergang begann. Abstiege, Krisen, drei Insolvenzverfahren. Woher das Geld genau kommt, mit dem Ponomarev den sportlichen Aufstieg seit 2015 beschleunigt, gestandene Bundesligaprofis und sogar den Weltmeister Kevin Großkreutz bezahlt, ist vielen Fans egal.

Der Durchmarsch, er hätte weitergehen können. Nach der Hinrunde belegt der KFC noch den dritten Platz mit nur einem Punkt Rückstand zum Spitzenreiter. Doch Uerdingen bricht in der Rückrunde ein, fällt bis auf Platz zehn zurück.

Mikhail Ponomarev redet in der Fischelner Gaststätte in einer Mischung aus Englisch und Deutsch zu den Fans. Er spricht von "problems" und "mistakes", auch er habe Fehler gemacht. Aber alles von den Medien aufgebauscht, alles zu entschuldigen, alles menschlich.

Von "mistakes" und "problems"

Jedes Mal, wenn Ponomarev "mistakes" eingesteht und "problems" zugibt, bekommt er Applaus, auch von den beiden Vorstandskollegen und zwei Verwaltungsratsmitgliedern auf dem Podium. Wir gegen die Medien, die nur negativ berichten, wir gegen die Stadt Krefeld, die zu wenig unterstützt, wir gegen die Anderen - die Nummer funktioniert, der Schulterschluss gelingt.

Die Fans nehmen Ponomarev und seinem Gefolge die Antworten ab. Egal, wie hanebüchen sie sind. Dass es seit Mai 2016 vor dem Arbeitsgericht Krefeld 28 Verfahren mit dem KFC Uerdingen als beklagter Partei gegeben hat oder gibt, sei etwa den sportlichen Aufstiegen geschuldet. Oberligaspieler seien zu schwach für die Dritte Liga. Also müsse eine Trennung erfolgen. Gültige Verträge hin oder her. Ponomarev führt die meisten Verfahren auf Versäumnisse von Spielern hin.

In der Uerdinger Geschäftsstelle, Erinnerung an alte Zeiten
Marcus Bark

In der Uerdinger Geschäftsstelle, Erinnerung an alte Zeiten

Die wenigen kritischen Fragen bügelt Ponomarev ab. Warum er einen denkwürdigen Kurzauftritt im sozialen Netzwerk Twitter hingelegt habe, bei dem er Norbert Meier als "schlechtesten Trainer der KFC-Geschichte" beschrieb und ihm das Ende der Karriere in Deutschland bescheinigte? Es sei der Versuch gewesen, auf "all die Anfeindungen" zu reagieren, die sich gegen den KFC gerichtet hätten, aber ihn treffen sollten. "Das war nicht der richtige Weg, die falsche Plattform." Ein mistake.

Heiko Vogel: vom FC Bayern in die 3. Liga

Norbert Meier, im März nach knapp zehn Wochen als Trainer schon wieder entlassen, schweigt derzeit öffentlich, denn er klagt vor dem Arbeitsgericht gegen den KFC, wie ein Sprecher des Gerichts SPIEGEL ONLINE bestätigte.

Heiko Vogel ist mittlerweile der vierte Trainer des KFC Uerdingen in dieser Saison. Vogel ist 2012 mit dem FC Basel in der Schweiz Meister geworden, er hat für den FC Bayern gearbeitet.

Die Grotenburg, Ort der Fußballgeschichte
Marcus Bark

Die Grotenburg, Ort der Fußballgeschichte

Jetzt sitzt er im ehemaligen Businessclub der Krefelder Grotenburg. In der Spüle stehen noch Gläser, in der Tür liegt ein Besen, der einen Nutzer gebrauchen könnte. Das Training im maroden Stadion ist beendet, eine Pressekonferenz steht an. "Wir haben eine schöne Medienpräsenz, ja", lacht Vogel.

"Umbruch" angekündigt

Die vielen Trainerwechsel, die Twitter-Attacken des Präsidenten, der Gerichtsvollzieher, der Geld auf der Geschäftsstelle eintreibt, wie Ponomarev beim Fantreffen einräumt - dann gibt es noch die marode Grotenburg, die für die 3. Liga gesperrt ist. In dieser Saison hat der KFC im Stadion des MSV Duisburg seine Heimspiele ausgetragen, in der kommenden wird es die Arena der Düsseldorfer Fortuna sein. Warum tut sich Vogel das an? "Ich bin kein Ignorant", sagt er über die vielen negativen Schlagzeilen, "ich halte es aber so, dass ich in der Gegenwart lebe und in die Zukunft schaue." Für die nahe Zukunft kündigt er einen "Umbruch" an.

Die Zukunft des KFC Uerdingen ist an Mikhail Ponomarev geknüpft, an den Präsidenten, den Investor. Der Mann führt die 50+1-Regel, die der Verein formell erfüllt, ad absurdum. Was Ponomarev sagt, wird gemacht. Was Ponomarev will, wird umgesetzt. Bezeichnend ist ein Satz des Verwaltungsrates Andreas Galland, der beim Fantreffen zu Berichten Stellung nimmt, es gebe viele offene Rechnungen des Klubs: "Der Investor bezahlt die Rechnungen, die er für berechtigt hält. Oft."

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Rubikon_2016 12.05.2019
1. Mehr Argumente
für die 50+1-Regel braucht man nicht, das passiert, wenn sich ein Verein total ausliefert. Peinlich und unnötig. Hannover 96 könnte es auch so gehen, wenn der sportliche Erfolg mal länger ausbleiben und Herr Kind sein Interesse verlieren würde. Allein die Tatsache, daß finanzielles Engagement bei einem Sportverein als Investition betrachtet werden kann, ist völlig krank und zeigt, in welchem Zustand unsere Gesellschaft sich befindet. Alles muß eine Rendite geben, nichts wird mehr aus Überzeugung oder auch aufgrund von Nächstenliebe getan. Denn auch mit Krankheiten oder dem Alter wird ja bereits Geld verdient...
osnase92 12.05.2019
2. Katastrophe incoming
Es wird dem KFC irgendwann genauso gehen wie Erfurt oder Chemnitz. Neues Stadion ist dann gebaut und der Verein ist pleite. Gerade bei alles dominierenden Investoren kann sowas schnell mal passieren
srbler 12.05.2019
3. erst informieren...
das ist mit h96 überhaupt nicht zu vergleichen, kind ist seit ewigen zeiten mit dem verein verbunden , er ist hier zu hause und auch die anderen investoren sind regional verwurzelt, des weiteren hat er mehr als einmal klargemacht und das ist gerne auch nachzulesen ,das das auch zukünftig unter seiner regiede so bleiben soll
LapOfGods 12.05.2019
4.
Ponomarev hat aus Ismaliks Fehlern gelernt und sich deshalb einen Verein ausgesucht, dessen Strukturen schon nach dem Bayer-Ausstieg, den Insolvenzverfahren, dem Absturz und Vorgänger Lakis so ausgehölt waren, dass er ihm nichts mehr entgegensetzen kann.
konzy 12.05.2019
5. contra 50+1
Ich denke, dass gerade solche Beispiele (1860, KFC) zwei Dinge zeigen: 1. Die 50+1 Regeln können und werden umgangen. 2. Weil als irgendwie durch die Hintertür erfolgt, ist das ganze dann intransparent und eher interessant für windige Typen. Daher meine ich, es sollte die Regelung gleich ganz abgeschafft werden um dieses halbseidene Gebaren zu verhindern. Ob ein Verein das dann macht, ist ihm noch immer selbst überlassen. Aber der Fußball hat sich nun mal dahin entwickelt und das Rad lässt sich nicht mehr zurück drehen. Die Einführung der 3-Punkte Regel, des Videobeweis, etc. hat ja den Fußball bisher auch nicht für immer zerstört.
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