Kick It Das Lächeln der Mona Lisa

In den Zeiten der Gerüchte, Beschuldigungen, Entlassungen und Rücktrittsforderungen ist man froh, einen echten Helden zu finden. Er könnte einem Märchen der Gebrüder Grimm entsprungen sein.

Von Katrin Weber-Klüver


Rudi Völler: Lächele Rudi, für der Menschen Glück
AFP

Rudi Völler: Lächele Rudi, für der Menschen Glück

Es gab einmal, es ist noch gar nicht lange her, einen Mann, den nannten sie Tante Käthe, weil er so lustige Löckchen hatte und ein wahnsinnig nettes Lächeln. Und weil er auch noch sehr, sehr gut Fußball spielte, war er landauf, landab furchtbar beliebt.

Als er nun älter geworden war, nicht richtig alt, aber eben doch zu alt, um weiter hauptberuflich in kurzen Hosen herumzulaufen, beförderte sein Verein ihn ins Management. Der Verein hieß Bayer 04 Leverkusen und war der werbetreibende Ableger eines riesigen Konzerns.

Und bald fragte man sich landauf, landab: Was macht Tante Käthe da eigentlich in ihrem geräumigen Büro in diesem stattlichen Management in diesem großen Verein? Ab und an versuchten todesmutige Journalisten es zu erkunden, recherchierten hier und machten Interviews da. Nie kam etwas dabei heraus. Außer, dass Käthe Rudi Völler eben da war. Und wahnsinnig nett. Und immer lächelte. Lächelte wie die Mona Lisa.

Eines Tages saß Rudi Völler zufällig - oder auch nicht - also er saß jedenfalls mit ein paar anderen alten Fußballhaudegen in einer Kölner Villa herum. Sie alle waren inzwischen Funktionäre. Und gerade grämten sie sich über ein Jahrzehnt des Siechtums im deutschen Auswahlfußball, vielleicht auch über zwei, und ganz elend war ihnen wegen der miesen aktuellen Lage. Sie waren gerade ihres Trainers verlustig gegangen. Ihre Phantasie war klein, aber als sie so in die Runde blickten, hatten sie eine Eingebung. Denn sie sahen auf Rudi Völler und sahen, dass sein Lächeln groß war und da wussten sie, was sie zu tun hatten.

Wie man weiß, war die Eingebung ausnahmsweise einmal nicht blöd. Mit Rudi Völler als Apostel wurden die Nationalspieler wieder glücklich und gewannen immer.

Inzwischen sind viele, viele Jahre vergangen, naja, eigentlich nur ein Vierteljahr, aber egal: Käthe heißt jetzt Ruuudii! und ist ein großer Nationalheld. Und weil er als solcher immer in großen Missionen unterwegs ist und sein Verein also von allem guten Geist verlassen, steckt Bayer Leverkusen gerade in der größten Katastrophe seiner Geschichte. Aber Rudi wird es richten. Denn nun schenkt er den durch ein grausames Schicksal ihres Trainers beraubten Bayer-Kickern sein Lächeln und neue Zuversicht. Und Siege. Bisher erst einen. Aber weitere werden folgen. Denn Rudi gewinnt immer.

Und deshalb muss er ab sofort und ohne Einschränkung für weitere Missionen freigestellt werden! Denn die Welt ist schlecht und schwer und ohne Gnade, und der Hilfe des Heiligen Rudi bedürfen nicht nur eine Nationalmannschaft und ein Werksverein, sondern alle Menschen.

Und so sprechen wir nun gemeinsam:
Lächele Rudi, für der Menschen Glück,
bring es all den schwer Geplagten bald zurück
sprich nicht viel, das sagt so wenig
lächle nur und mach uns selig.


Amen.



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