Kick It Genervter Superprofi Olli Kahn

Wenn auch Sie verstehen wollen, warum der Bayern-Torwart plötzlich denkt, dass seine Mannschaft nichts mehr mit dem Titelkampf zu tun hat.

Von Katrin Weber-Klüver


Oliver Kahn: Klötzchen zu Türmchen stapeln
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Oliver Kahn: Klötzchen zu Türmchen stapeln

Haben Sie schon mal eine schnelle Kassiererin für ihren professionellen Einsatz an der Kasse gelobt oder einen freundlichen Apotheker für die professionelle Beratung bei der Wintergrippe? Vermutlich nicht. Fußballer hingegen werden dauernd für professionelles Auftreten gelobt. Als sei es eine besondere Leistung, wenn sie bei ihrem gut bezahlten Halbtagsjob regelmäßig pünktlich und ohne Restalkohol zu Training und Spiel erscheinen.

Und wenn sie gar aus eigenem Antrieb ab und an mal eine Extraschicht einlegen, dann, richtig, gelten sie gleich als Ausnahmeprofis. Vielleicht halten Menschen, die Fußballer derart hochjubeln, diese Fußballer einfach für außerordentlich blöd und daher auch nur begrenzt fähig, den Rahmen ihrer Arbeit zu erfassen. So gesehen, ist jedes Lob natürlich sehr angebracht. Man lobt ja auch kleine Kinder, wenn sie ihre Klötzchen zu Türmchen stapeln.

Andererseits steht in unserer kleinen Fußballwelt einer wie Oliver Kahn auf der Professionellenliste ziemlich weit oben. Einen besonders dummen Eindruck macht er eigentlich nicht, in jüngster Zeit auch keinen cholerisch übermotivierten mehr.

Nach der Münchner Niederlage gegen Frankfurt wurde dieser Superprofi nun von einer gelassenen Fernsehreporterin gefragt, ob er beim ersten Treffer zu weit im Tor gestanden habe. Er sagte: "Weiß ich gar nicht, muss ich mal den Trainer fragen." Sehr witzig, eine feine Anspielung auf die mangelnde Mündigkeit des Fußballers.

Und auf die Frage, was die Konsequenz aus dieser fünften Saisonniederlage sein könnte: "Wir sollten den Spielbetrieb einstellen, würde ich sagen, weil ich denke, die Meisterschaft ist gelaufen, wir sollten vielleicht nicht mehr auflaufen." Wahnsinnig komisch in seinem schonungslosen, medienkritischen Sarkasmus - hätte man nicht Kahns Gesicht gesehen. Denn der Superprofi war nicht in superlauniger Stimmung, sondern super genervt.

Fußballer glauben ja gern, das Leben sei dazu da, dass sie gewinnen, alle Welt bewundernd zu ihnen aufsieht und sie nur Fragen beantworten müssen, die zu 99 Prozent aus Lobhudelei bestehen. Vielleicht könnte den Kerlen aber langsam mal einer erklären, dass das nicht so ist. Ein Professioneller am besten. In Leverkusen zum Beispiel gibt es den berühmten PTT - Personal Team Trainer -, der als einer der wenigen die Wirren der letzten Wochen unbeschadet überstanden hat und nun psychologisch bewandert neben Berti Vogts joggt.

Und weil die Leverkusener in dieser Woche vermutlich ganz gut allein zurecht kommen, könnte ihr PTT, Herr Gunnar Gerisch, kurz nach München ausgeliehen werden. Etwa mit dem Schnellkurs "Der richtige Einsatz von Schimpfwörtern zur Selbsterkenntnis, Seelenhygiene und Eigenmotivation". Denn vermutlich ist für einen Torwart im Falle eines Fehlgriffs ein kurzes "Scheiße, mein Fehler" die beste aller Äußerungen. Sie könnte krampflösend wirken. Besonders für Herrn K. selbst. Und dann klappt's auch mit dem Interview.



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