Kick It Wollen Sie etwa Jörg Wontorra sein?

Was, Sie finden die Bundesliga gerade auch so spannend, wie es Jörg Wontorra, die "Bild"-Zeitung oder Heiner Bremer tun!? Das darf nicht sein. Ein flammendes Plädoyer für die Langeweile im Saisonendspurt.

Von Katrin Weber-Klüver


Es gibt Menschen, die geraten in diesen Tagen in eine Art Dauerverzückung. Sie blicken erst auf die Tabelle, dann auf den Spielplan und schon geht's los. "Uhuh", sagen die Menschen erst mal vor lauter Aufregung. Und dann: "Guck mal, Dortmund muss noch nach Stuttgart, dann Zuhause - gegen ... nein, gegen Schalke!" Manche der Menschen sind auch schlau, die sagen Sachen wie: "Frankfurt gegen Ulm, wer das verliert, ist weg."

Weil aber nun diese Menschen ebenso ahnungslos sind wie es im Prophezeien alle irdischen Wesen vom Bundes- bis zum Tresentrainer sind, führt das ganze Geraune und Gejohle zu nichts. Außer zu der immergleichen Erkenntnis: Es ist so wahnsinnig spannend. Menschen, die zum Beispiel Fernsehmoderatoren sind und in Berliner Studios oder mobilen Stadion-Glaskästen herumhampeln, finden das toll. Ist klar: Viel Spannung, gute Quote, bleibt der Job erhalten.

"Dramaturgisch betrachtet perfekt gebaut"
DPA

"Dramaturgisch betrachtet perfekt gebaut"

Auch Menschen, denen die Fußballmaterie fremd ist, die sich aber gerade zufällig mit der Lage der Dinge befassen, sind sofort beeindruckt. Sie sitzen in Badischen Weinstuben und finden an den Verhältnissen im Ligafinale ähnlichen Gefallen wie am Schlussteil eines Bruce-Willis-Films. Sie nicken dann klug und sagen: "Dramaturgisch betrachtet perfekt gebaut." "Spannung pur", nickt da sofort der Fernsehmensch und kriegt sich gar nicht mehr ein. Man möchte ihm die Begeisterung um die Ohren schlagen.

Spannung ist ein exklusiver Genuss für Voyeure. Für Menschen also, die die Angelegenheit nicht weiter berührt. Und insofern ist Spannung wie Perlen vor die Säue werfen. Menschen aber, die von Siegen und Niederlagen gerade wirklich erschüttert werden, könnten sehr gut auf Spannung verzichten.

Kein Anhänger des niemals ruhmreichen SSV Ulm, der einstmals weltberühmten Borussia Dortmund oder der unermüdlichen Hansa aus Rostock sitzt augenblicklich verzückt beim Tabellenstudium, weil es so einen irren Spaß macht, durchzurechnen, ob es mit dem Klassenerhalt noch klappen kann; oder sich auszumalen, wie es am letzten Spieltag in der letzten Spielsekunde noch schief gehen könnte. Das ist alles nicht spannend, es ist einfach eine Qual. Und nichts wünscht man sich mehr als die gepflegte Langeweile von Tabellenplatz neun. Soweit ist es gekommen, dass man gerne der VfB Stuttgart wäre. Schlimmer geht es kaum. Normalerweise.

Aber Saisonende ist nicht normal. Und ein Labsal wäre es deshalb, jetzt schwäbisch zu fühlen. Dann könnte man die letzten Spieltage in Ruhe auf einer Wiese verbummeln, sich dabei im Radio die Schlusskonferenzen anhören und die Angelegenheit aufregend finden. Mit aller Gleichgültigkeit dieser Welt.



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