Kickers Emden Per Paddelboot ins Stadion

Sie haben weder Stars noch Geld, trotzdem hoffen die Kickers Emden auf den Aufstieg in die Zweite Liga. Ausgerechnet jetzt droht Ärger mit dem DFB.

Von Sven Bremer, Emden


Der Wind peitscht einem den Nieselregen um die Ohren. "Schietwetter", sagen sie hier dazu, im Nordwesten Deutschlands, wo sich die Kickers aus Emden anschicken, in der Dritten Liga ein kleines Fußballwunder zu vollbringen.

Nur ein paar Meter weiter schlagen die Nordseewellen an den Strand. Vor den roten Backsteinhäuschen rund um das Embdena-Stadion haben die Bewohner Miniatur-Leuchttürme aufgestellt, Rettungsringe zieren die Haustüren, kunsthandwerkliche Windmühlen drehen sich im tristen Grau.

"Es gibt graue Tage in Emden, aber es gibt auch sonnige Tage", sagt Kickers-Trainer Stefan Emmerling. Heute ist ein grauer Tag - meteorologisch. Für die Emder Fans scheint die Sonne. Ihr Verein hat den SV Sandhausen im Spitzenspiel 3:0 nach Hause geschickt. Die "Deichkicker" aus Ostfriesland spielen weiter oben mit. Am Spieltag darauf stürmen die Kickers durch einen Auswärtssieg in Regensburg an die Tabellenspitze, die sie nach dem 1:1 gegen Aue am 13. Spieltag allerdings wieder an Union Berlin abgeben müssen.

Der Verein wird auch das "St. Pauli der Dritten Liga" genannt. Damit können sie gut leben. Präsident Engelbert Schmidt schwärmt schon seit eh und je für die Hamburger. Auch dem Trainer gefällt der Vergleich, wenngleich er differenziert. "Als Profi fand ich es nicht so toll, mich in Kabinen umzuziehen, in denen der Schimmel nur übertüncht wurde. Aber was das Image anbelangt, kann ich mich damit anfreunden." Kult, sagt Emmerling noch, Kult müsse man sich erarbeiten. Kickers Emden ist auf dem besten Weg dahin.

Es geht sehr folkloristisch zu bei den Kickers. Nach jedem Tor der Heimmannschaft gibt der Stadionsprecher ein lautstarkes "Ostfriesland" vor - die Fans antworten mit "Moin, Moin". Der Gassenhauer "An der Nordseeküste" bleibt einem erspart, dafür scheppert anderes plattdeutsches Liedgut aus den Lautsprechern: "Dans op de Deel" (auf hochdeutsch: Tanzen auf der Diele). Und auf der Homepage des Clubs bekommt man eine dezidierte Anleitung, wie man das Stadion mit dem Paddelboot erreicht.

Die Bedingungen, erfolgreichen Profifußball zu bieten, sind in der strukturschwachen Region ungleich schwerer als an anderen Standorten. Das Stadion ist als solches kaum zu erkennen aus der Ferne. Wellblech verkleidet die kleine Gegentribüne von außen, man vermutet eher ein Holzlager oder einen Reifenhandel dahinter denn ein Fußballstadion. Die Haupttribüne ist ein einziges Provisorium, die Auflagen des DFB für die dritte Profiliga werden so gerade erfüllt. Die Kabinen sind zwar nicht verschimmelt, professionelle Bedingungen bieten sie dennoch nicht.

Und nun gibt es auch noch Ärger mit dem DFB. Bis zum Start der Rückrunde muss der Drittligist sein Konzept für eine Funktionstribüne vorlegen, fordert der Sicherheitsexperte des Verbandes, Gerhard Kißlinger: "Bis Anfang April nächsten Jahres spätestens muss diese Tribüne stehen." Sollte das Konzept nicht fristgerecht vorgelegt werden, droht der Lizenzentzug für die Dritte Liga, denn dann läge laut Kißlinger "ein Auflagenverstoß" vor. Für die kommende Saison müssen die Kickers ein Stadion für 10.000 Zuschauer bereitstellen.

Der Präsident erzählt vom fertigen Konzept des Stadionneubaus und davon, dass der Bauantrag schon gestellt sei. Dann grinst er und erklärt: "Eine Kleinigkeit fehlt noch: die Finanzierung." Die Clubführung hat sich bereits an die Volkswagen AG gewandt. Doch der Autokonzern, der in Emden ein Werk betreibt, tut sich schwer damit, den "Deichkickern" in größerem Maße als bislang unter die Arme zu greifen. "Das ist schade", sagt Schmidt. Und es sei ärgerlich, fügt er hinzu, wenn man zuschauen müsse, wie VW Schalke und Werder hingegen mit einem kompletten Fuhrpark versorge.

Im Ranking der Jahresetats in Liga drei hinken die Emder hinterher. "Mit etwas mehr als zwei Millionen Euro stehen wir auf Platz 20", sagt Schmidt. Als der Unternehmer die Kickers vor zehn Jahren übernommen hat, war der Verein hoch verschuldet. Heute ist er annähernd schuldenfrei. Dennoch ist allen klar, dass es ohne neue Geldgeber nicht weitergeht. "Egal, ob in der Dritten oder in der Zweiten Liga", so Schmidt und Emmerling unisono.

Ansonsten ist man in Emden bescheiden: Die Mannschaft kommt ohne Stars aus. Die Zugänge haben sich weitgehend als Verstärkungen erwiesen. "Die Jungs müssen Fußball spielen können, aber vor allem charakterlich zu uns passen. Ihnen muss klar sein, dass sie nicht geradewegs ins Paradies marschieren", sagt Schmidt. Eigengewächse sind zwar kaum noch im Kader, die Identifikation mit dem Verein ist dennoch hoch.

Emmerling braucht nur ein Wort, um den Erfolg zu erklären: "Leidenschaft". Hier könne man nur im Kollektiv stark sein, sagt er. Ein ruhiger, in sich ruhender Typ ist der 42-jährige ehemalige Profi des MSV Duisburg und von Wattenscheid 09. "Ein Kumpeltyp ohne Allüren", sagt Henning Wieting von der "Emder Zeitung".

Nach Emden ist Emmerling im Juli 2007 von der Reserve Alemannia Aachens gekommen. Er bevorzugt den Dialog statt den Monolog. Respektsperson ist er auch, ohne den Zampano zu machen. "Alle müssen improvisieren und versuchen, bei den vorhandenen Bedingungen Bestleistungen abzurufen", so der Coach. Und alle seien aufgefordert, sich auch außerhalb des Platzes einzubringen.

Bernd Rauw hat das getan. Er hatte die Idee, eine Regentonne umzufunktionieren zu einem Eisbad, das zur Regeneration dienen soll. "Der Bernd", sagt Emmerling, "war ja schon in der Versenkung verschwunden." Der Trainer erinnerte sich an den ehemaligen Bundesligaprofi, als er einen neuen Innenverteidiger suchte. Zu Emmerlings Aachener Zeiten hatte Rauw ohne Murren die Versetzung in die zweite Mannschaft akzeptiert. So etwas gefällt Emmerling.

Rauw ist Leistungsträger in Emden, Rudolf Zedi ein weiterer. Aber hervorheben will der Trainer eigentlich keinen. Seiner Ansicht nach besitzen alle seiner Spieler Zweitligaformat. Vom Aufstieg will er dennoch nicht reden. "Die Saison ist noch lang", warnt Emmerling.



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chefstratege, 20.06.2007
1. Schalke ist meine Weltanschauung
Schalke 04, und zwar völlig unabhängig vom momentanen sportlichen Erfolg. Schalkes Ex-Präsident Günter "Oskar" Siebert sagte einmal zutreffend: "Das Herz von Schalke schlägt in der Brust seiner Anhänger". Ich darf mich dazu zählen, ich habe auf Schalke zeitweise mein Herz und gelegentlich auch Teile meines Verstandes verloren. Mit dem Verstand ist Schalke ohnehin nicht zu fassen. Nirgendwo sonst in Deutschland herrscht soch eine unbändige Fußballbegeisterung, solche eine fanatische Hingabe und solch besessene Vereinstreue. Es gibt keinen Verein, der auch über die lokalen Grenzen hinaus (ich selbst komme auch nicht auch Gelsenkirchen) so viel Gefühl vermittelt und so viele Emotionen hervorruft. Schalke, das ist eben mehr als "nur" ein Fußballverein, eine Art (Fußball-)Weltanschauung, auch für mich!
Klo, 20.06.2007
2.
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
SG Calvörde
king.woita 20.06.2007
3.
Einmal Löwe - Immer Löwe München ist Blau
Umberto, 20.06.2007
4.
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
Stade Français, weil dort das beste Rugby in meiner "Nähe" gespielt wird.
Carsten31 20.06.2007
5.
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
Falsche Fragestellung. Ein Fan entscheidet sich nicht bewusst für einen Verein. Das ist dem Verlieben sehr ähnlich. Wer sagt schon "Ach, heute verliebe ich mich mal"? :o) Ausserdem kommt der Aspekt der frühkindlichen Prägung noch dazu. Vati/Onkel/Opa etc. schleppt den Kurzen mit ins Stadion und schon ist es geschehen! Momentan arbeite ich mich persönlich an dem Sohn eines Kumpels ab. Trikot hat er schon, jetzt wird ungeduldig gewartet, ihn das erstemal ins Stadion mitnehmne zu können. Der muss früh geimpft werden, damit er sich nicht in die falsche Mannschaft verliebt. Mit einer italienischen Mutter besteht zudem die Gefahr, sich für eine komplett falsche Liga zu erwärmen!!! :o)
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