Kickers Offenbach Der Vulkan ist erloschen

Sieben Trainer in 16 Spielen, das dürfte ein trauriger Rekord in der deutschen Fußballgeschichte sein. Beim tief im Schlamassel steckenden Regionalligisten darf offensichtlich jeder, der mag, die Kommandos an der Seitenlinie geben.

Von Andreas Lampert


Dieter Müller: Soll zusammen mit Oliver Roth den OFC aus dem Schlamassel ziehen
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Dieter Müller: Soll zusammen mit Oliver Roth den OFC aus dem Schlamassel ziehen

Offenbach - Fans der Offenbacher Kickers sind eigentlich hart im Nehmen. Doch was sich dieser Tage rund um den Bieberer Berg tut, schmerzt selbst die gegerbten Seele eines an Rückschläge gewöhntes Publikums. Der OFC ist wieder mal am Boden, doch dieses Mal scheint der Fußballclub tatsächlich ausgeknockt zu sein.

Bereits zum sechsten Mal in dieser Saison wurde die Besetzung auf der Trainerbank gewechselt. In der Regionalliga Süd steht die erste Fußballmannschaft des 1901 gegründeten Traditionsvereins an letzter Stelle. Und inzwischen nimmt sogar das Kapital der letzten Jahre, das treue Publikum, scharenweise Reißaus. "Ich tue mir das nicht mehr an", heißt es vereint aus Block 2, wo gewöhnlich die Treuesten der Treuen des Pokalsiegers von 1970 stehen. Selbst der größte Masochist hat irgendwann mal genug, wenn es für die zugefügten Qualen keine Belohnung mehr gibt.

Dabei waren die Kickers hoffnungsvoll in die Saison gegangen. Der Kader des knapp am Klassenerhalt gescheiterten Zweitligisten war größtenteils zusammengeblieben und der sofortige Wiederaufstieg in die 2. Liga wurde als selbsterklärtes Ziel ausgegeben. Im ersten Spiel lieferte die Mannschaft mit dem 2:2 beim Konkurrenten Eintracht Trier ein durchaus akzeptables Ergebnis. Einziges Ärgernis: Der Ausgleich der Moselstädter fiel in der vorletzten Minute. Doch mit dem ersten Heimspiel begann das Elend. Vor 14.000 Zuschauer gegen Rot-Weiß Erfurt spielten die OFC-Akteure sehr einfallslos und kassierten in der 90. Minute das Gegentor zur 0:1-Niederlage. Einen Tag danach schmiss Trainer Peter Neururer hin und machte Platz für Dragoslav "Stepi" Stepanovic.

Der geschäftstüchtige Charmeur aus dem Dunstkreis des Offenbacher Erzrivalen Eintracht Frankfurt holte aus sieben Spielen zwar drei Siege (bei vier Niederlagen, davon drei Heimpleiten) und verbuchte damit die beste Bilanz aller Trainer in dieser Saison, doch mit den skeptischen OFC-Fans ("Das ist einer von der SGE!") wurde der Fußballlehrer nie warm. Als dann Stepanovic einen langfristigen Vertrag mit einer ordentlichen Monatsgage forderte und auf taube Ohren bei den OFC-Verantwortlichen stieß, warf der Serbe bereits im September wieder das Handtuch am Bieberer Berg.

Der letzte große Auftritt auf der Fußballbühne: OFC-Stürmer Marcio versucht sich im August beim diesjähigen DFB-Pokal gegen Lauterns Harry Koch durchzusetzen
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Der letzte große Auftritt auf der Fußballbühne: OFC-Stürmer Marcio versucht sich im August beim diesjähigen DFB-Pokal gegen Lauterns Harry Koch durchzusetzen

Es folgte Trainer Nr. 3 in Person von Knut Hahn. Der Gymnasiallehrer und ehemalige Kickers-Profi, der nebenbei die A-Jugend der Hessen betreut, sprang ein, da Herbstferien waren und er etwas Zeit hatte. Das Engagement, das nur zwei Wochen dauern sollte, streckte sich über einen Monat. Bilanz: Vier Unentschieden, nicht Fisch nicht Fleisch, aber immerhin die Heimspiele nicht verloren. Doch dann rief das Kultusministerium, und einen neuen Übungsleiter konnte Manager Klaus Gerster immer noch nicht vorweisen. Zwar bemühte man sich um den Trainer des damaligen Regionalliga-Tabellenführers FC Schweinfurt, Djuradj Vasic, doch die Franken konnte "der schwarze Abt" nicht überzeugen, ihren über sechs Jahre erfolgreich arbeitenden Coach Richtung Offenbach ziehen zu lassen. Gersters Argument, "Vasic passt prima zum OFC" klang so überzeugend, als wollte man sich mit einer Blockflöte während eines Metallica-Konzerts Gehör verschaffen.

Also sprang der Manager selbst ein und mimte gemeinsam mit OFC-Vizepräsident Wilfried "Wille" Kohls ein Trainergespann, das bereits nach zwei Spielen und zwei Niederlagen wieder das Zepter an Knut Hahn überreichte. Der versuchte vergeblich am letzten Samstag einen durch die vielen Wechsel an der Kommandobrücke völlig verunsicherten Spielerkader für die Partie gegen den direkten Abstiegskandidaten Wacker Burghausen zu motivieren. Nach dem 0:5 musste auch Hahn einsehen, dass der OFC am Ende ist. "Wenn Pässe über fünf Meter uns das Genick brechen - da ist es egal, ob man in der C-Klasse oder der Regionalliga spielt", lautete die deprimierende Analyse des Trainers, der sich anschließend in die klassischen Floskeln über die Ehre eines Fußballers flüchtete: "Wir brauchen eine Elf, die sich dem Kampf stellt, die sich durchfightet, die durchmarschiert." Die zu finden wird er nicht mehr die Zeit haben.

Am Montagabend haben sich das OFC-Präsidium und der Verwaltungsrat zu einem Krisengespräch getroffen und Hahn von der Aufgabe, den Kader auszumisten, befreit. Das Projekt Vasic wurde zunächst auf Eis gelegt. Ab Dienstag übernehmen die ehemaligen OFC-Kultfiguren Dieter Müller und Oliver Roth die Trainingsleitung. Die einstigen Mittelstürmer und Kickers-Kapitäne sollen die Mannschaft aus dem Koma holen und den Abstieg in die Oberliga Hessen verhindern helfen. Erfahrungen auf der Trainerbank haben sie kaum. Müller, der mit sechs Treffern in einem Spiel immer noch einen Bundesligarekord hält, ist Leiter einer Fußballschule und kann auf eine Trainererfahrung von sechs Monaten beim Landesligisten Germania Ober-Roden zurückblicken. Roth ist im Hauptberuf Börsenmakler und hat seine Spielerkarriere beim OFC im letzten Sommer beendet. Beide gelten als Lieblinge der Fans und sollen fürs erste die Gemüter beruhigen. Am kommenden Montag findet eine außerordentliche Hauptversammlung statt, die eigentlich für den 11. Dezember vorgesehen war. Auch Hauptsponsor der letzten Jahrzehnte, Horst Jung ("Portas"), droht inzwischen mit dem Rückzug.

Ob der Schachzug mit dem Trainergespann Müller/Roth gelingt, wird sich zeigen. Am Freitag im Heimspiel gegen Jahn Regensburg muss der Verein Kickers Offenbach beweisen, dass er würdig ist, weiter von den Zuschauern unterstützt zu werden. Das Frustpotential ist gewaltig. Sollten der VIP-Raum oder der Platz gestürmt werden, das Stadion auseinander genommen oder die Spieler auf Schultern ins Ermüdungsbecken getragen werden, wäre das nichts Neues. Bei den Kickers ist alles möglich.



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