Kickers-Verehrung Zehn Millionen für einen Pokalsieg

Es gab Zeiten, da gewannen die Stuttgarter Kickers sogar beim FC Bayern. Wenig später stiegen sie ab, der große VfB wurde Meister und die Kräfteverhältnisse waren wieder hergestellt. Im Pokal sorgt der Regionalligist jedoch ab und an noch für Furore.

Von Jürgen Löhle


Es war der Anfang vom Ende, was natürlich keiner ahnen konnte an diesem 5. Oktober 1991. Wir waren unterwegs zur Bundesligapartie nach München und innerlich bereit für die Klatsche und zwei, drei Maß. Mein Gott, es war Oktoberfest, die Sonne schien, da verlieren die Bayern nicht, niemals. Schon gar nicht gegen die Kickers, den Aufsteiger mit seiner Jungspund-Combo. Uli Hoeneß hatte in der Woche zuvor gesagt, dass man Clubs wie die Blauen aus Stuttgart eigentlich mit drei Toren Unterschied weghauen sollte, soviel Anspruch müsste der FCB schon haben.

Stuttgarter Raspe (l.) im Pokal 1999 gegen Dortmunds Nerlinger: Aufstieg kein Thema
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Stuttgarter Raspe (l.) im Pokal 1999 gegen Dortmunds Nerlinger: Aufstieg kein Thema

Am Ende stand es 4:1 für die Kickers, die Bayern-Zuschauer verabschiedeten die Gäste mit Applaus, Trainer Heynckes platzte vor Zorn fast der eh schon glutrote Kopf und der Effenberg hat damals gesagt, dass man technisch derzeit eben nicht mithalten könne mit den Kickers.

Wir sind damals auf der Tribüne alle zwei, drei Meter gewachsen. Was für ein Ding, 4:1 beim FC Allmacht. Dass der Jauch abends im Sportstudio gesagt hat, dass jetzt selbst "bessere Thekenmannschaften" ohne Schiss nach München führen – Schwamm drüber. Drei Tage später haben sie übrigens den Heynckes gefeuert. Es war schon ein verdammt süßer Moment, dieses 4:1, den man als ordentlicher Journalist freilich in den Hintergrund gedrängt hat und mahnend schrieb, dass der FC Bayern auch schon mal besser war und dass dieser Erfolg im grauen Ligaalltag bestätigt werden muss. Wie wahr, wie gesagt, das war der Anfang vom Ende, danach gab es zwei 0:1-Heimniederlagen gegen Duisburg und Düsseldorf und kurz vor Schluss der Saison schoss uns ein gewisser Fritz Walter in Richtung zweite Liga. Dummerweise trug der Herr Walter auch noch das Trikot des VfB Stuttgart, die mit diesem 3:1 vier Spieltage vor Schluss sich (erfolgreich) auf den Weg zum Titel machten – dabei hatten wir 77 Minuten 1:0 geführt.

Das war's dann auch, Abstieg. Trainer Rainer Zobel verschwand nach Kaiserslautern, der große VfB hatte die Hackordnung im Städtle wie so oft drastisch zementiert, die Mannschaft bröckelte und ist seither auf einer leicht schiefen Bahn - leider nach unten. Zweite Liga, dann Regionalliga, wieder hoch und im Juni 2001 wieder runter. Und da sind die Blauen jetzt noch. Regionalliga Süd, Saisonziel Qualifikation für die eingleisige dritte Liga. Aufstieg? Leider kein Thema, auch wenn's derzeit nur vier Punkte Rückstand auf Platz zwei sind.

Nicht gerade spannend, aber ein besonderer Club sind die Kickers trotzdem. Das liegt schon daran, dass sie etwas haben, was der VfB gerne hätte – nämlich ein reines Fußballstadion. Im noblen Degerloch, direkt unter dem Fernsehturm, kann man für ein paar Euro herrlich entspannt Fußball gucken, die beste Stadionwurst der Republik (wirklich) essen und einer Mannschaft zusehen, die schon immer versucht hat, schnell nach vorne zu spielen. Sie können es nicht immer, aber sie versuchen es wenigstens. Das haben sie schon unter Zobel in der Bundesliga gemacht, mit Wolle Wolf oder dem gagaistischen Dragoslav Stepanovic in der zweiten Liga, mit Robin Dutt und jetzt mit Peter Zeidler in der Regionalliga. Und wenn wir im Pokal mitspielen dürfen, dann wird's für viele eng in Degerloch. Der HSV hat hier vor einem Jahr als letzter Erstligist verloren, davor aber auch schon einige andere auch.

Und wenn man da so steht im Stadion, ohne Notizblock, direkt hinterm Tor, dann fällt manchmal der Blick auf die Hauptribüne, wo Leute sitzen, die man den "blauen Adel" nennt. Das kommt daher, dass sich mutmaßlich sehr, sehr viel Geld auf den harten Holzbänken versammelt. Leider sitzen die Leute zu fest auf ihren Brieftaschen, die Kickers haben nichts von ihrer Tradition als Club der Stuttgarter Society. Axel Dünnwald-Metzler (Markennahme: ADM), der vorletzte Präsi, hat gut zehn Millionen Mark in sein Hobby gesteckt und dafür einmal Pokalfinale (1987, ein ungerechtes 1:3 gegen den HSV) und zwei Jahre erste Liga. Wenn man damals als junger Reporter zum ersten ADM-Interview antrat, stellte immer der Oberblaue die erste Frage. "Wissen sie, wie man Millionär wird?" Wusste man natürlich nicht, aber der Präsident gab sofort selbst die Antwort. "Indem man als sich als Multimillionär zum Präsident der Kickers wählen lässt."

Das ist lange her, große Mäzene gibt es in Degerloch nicht mehr. Aber die Spielkultur, die haben sie noch. "Auf die Blaue", schallt es von den Rängen und dann geht's nach vorne. Man muss ja auch mit aller Bescheidenheit sagen, dass der deutsche Fußball ohne die Kickers ein ganz anderer wäre. Karl Allgöwer, Guido Buchwald, Markus "Toni" Sailer oder Fredi Bobic haben den Job in Degerloch gelernt. Und natürlich auch der blonde Bäckersohn aus Botnang, der Jürgen Klinsmann. Der Klinsi hat einst sogar nach einer Jugend-Niederlage gegen den VfB zu ADM gesagt: "Eines schwöre ich ihnen – zu denen geh' ich nie." Er ging dann aber doch nach Cannstatt, wie viele andere auch, wenn sie ein wenig besser waren als der Rest. Zu dieser Zeit gab es auch noch eine große Rivalität zwischen Rot und Blau, kein anständiger Kickers-Fan verirrte sich über den Neckar nach Cannstatt, beim VfB sprach man von den feindlichen Golan-Höhen, wenn man Degerloch meinte.

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Glaube, Liebe, Hoffnung: Seinen Partner kann man wechseln, seinen Fußballverein nicht. Bei SPIEGEL ONLINE bekennen sich Autoren in der Serie "Glaubensbekenntnis" zu ihren geliebten Clubs.
Auch das ist Geschichte, der sportliche Unterschied heute einfach viel zu groß, als dass man sich noch irgendetwas neiden könnte. Im Gegenteil - in den Brieftaschen des "blauen Adels" steckt immer öfter auch eine Dauerkarte des VfB, die man gerne zeigt. Kann man auch, was natürlich auch daran liegt, dass die Roten unter Armin Veh nun ebenfalls schnell nach vorne spielen, wie die Kickers seit etwa 2000 Jahren.

Vielleicht klappt es ja mit der dritten Liga, darauf könnte man aufbauen und müsste nicht immer in der Geschichte leben. Nur eines noch: So geil der Sieg bei den Bayern auch war. Lieber hätten wir die Heimspiele gegen Duisburg und Düsseldorf gewonnen, das hätte gereicht. Am Ende fehlte nämlich nur ein Punkt, ein einziger blöder Punkt. So bleibt heute nur der 5. Oktober 1991.



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