Kinderbaseball statt Trainer-Debüt Zwölfjähriger stiehlt Klinsmann die Show

Jürgen Klinsmann hat sein Debüt als US-Nationaltrainer gefeiert - und kaum einer hat's gesehen. Der Sender ESPN zeigte lieber die Jugendmeisterschaften im Baseball. Erst 21 Minuten nach Anpfiff wurde zum Länderspiel geschaltet - bei dem ein alter Klinsmann-Bekannter das Remis rettete.

dapd

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Vom "Beginn einer Ära" war die Rede, mehrere Millionen Fernsehzuschauer erwartete der US-Sportsender ESPN bei der Premiere von Jürgen Klinsmann als Trainer der US-Nationalmannschaft. Das Spiel gegen den großen Rivalen und Nachbarn Mexiko, gegen den zuletzt das Finale des Gold Cup nach 2:0-Führung noch 2:4 verloren ging, war groß angekündigt worden.

Doch dann stahl Conor Grady dem Ex-Bundestrainer die Show. Grady ist kein Fußball-Nationalspieler, er ist noch nicht mal Fußballer. Grady spielt Baseball für die Florida-All-Stars New Tampa, er ist ein Pitcher, ein Werfer. Und er ist erst zwölf Jahre alt.

Das reichte, um Klinsmann aus dem Programm zu verdrängen. ESPN2 zeigte lieber Kinder-Baseball als das Debüt des 47-Jährigen. Erst mit 21 Minuten Verspätung stieg der Sender in die Fußball-Übertragung ein. Der Grund: In den USA läuft zurzeit die Qualifikationsrunde der "Little League World Series" im Baseball, die enorm populäre Weltmeisterschaft der 11- bis 13-Jährigen.

Weil das Spiel auf ESPN2 zwischen den Schülermannschaften aus Florida und Alabama länger dauerte als erwartet, schob der Sender die Live-Bilder vom "Soccer" zunächst auf seinen Nachrichtenkanal ESPNNews. In voller Länge war das Spiel nur auf dem spanischsprachigen Sender Univision sowie auf der ESPN-Internet-Plattform zu sehen.

Jubel in Philadelphia, Frust bei Klinsmann

Erst als Grady seinem Team Florida den 12:6-Sieg gerettet und sich ein Extralob von Trainer Andy Trujeque abgeholt hatte ("Conor war heute super vom Werfer-Hügel"), schaltete der Sender nach Philadelphia.

Während das Jugendteam aus Florida noch feierte, durchlebte Klinsmann an der Seitenlinie bereits die Qualen eines Trainers, der am Rande einer Niederlage steht. Bereits nach 17 Minuten lagen die USA gegen Mexiko zurück, Andres Guardado hatte für die Gäste getroffen.

Auch wenn Klinsmann mitunter der Ruf vorauseilt, eher Motivator denn kompetenter Trainer zu sein - er bewies später ein glückliches Händchen: Robbie Rogers, offensiver Mittelfeldspieler, erzielte nur eine Minute nach seiner Einwechslung den Ausgleich (73.). Und damit den ersten Treffer in der Ära jenes Mannes, der nicht nur sein großes Vorbild ist, sondern bereits Mitspieler von Rogers war.

Der 24-Jährige stammt aus Huntington Beach südlich von Los Angeles, wo auch Klinsmann sein Zuhause hat. Rogers und Klinsmann kennen sich - und das schon ziemlich lange. Der Mannschaftskapitän von Columbus Crew aus der nordamerikanischen Profiliga Major League Soccer MLS spielte im Jahr 2003 noch an der Seite des Wahlkaliforniers Klinsmann beim Viertligisten Orange County Blue Star.

Rogers war damals 16, der bereits 38 Jahre alte Klinsmann spielte bei dem Amateurclub unter dem Pseudonym "Jay Goppingen" in Anlehnung an seine Geburtsstadt Göppingen. Umso größer war die Freude bei Rogers, als er von Klinsmanns neuem Job erfuhr: "Ich hoffe, ich werde die Chance bekommen, mit ihm zu arbeiten", sagte er nach der Bekanntgabe. "Ich habe eine Menge von ihm gelernt, als ich jünger war, und wenn die Jungs ihn kennenlernen, werden sie ihn mögen."

Dabei war Rogers für das Spiel in Philadelphia nur nachnominiert worden, weil Angreifer Maurice Edu kurzfristig verletzt ausgefallen war. "Ich kenne ihn ja schon lange. Er ist ein sehr bemerkenswerter Spieler", sagte Klinsmann nach dem Spiel über Rogers. Der wiederum hat die Bewunderung für seinen neuen Auswahltrainer nie abgelegt: Im vergangenen Jahr wechselte Rogers sogar seine Rückennummer - von 19 auf Klinsmanns 18. Conor Grady trägt übrigens die Nummer 4.

Mit Material vom sid



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