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24. August 2006, 16:58 Uhr

Klage vor Verwaltungsgericht

Juventus' Chancen auf den Klassenerhalt steigen

Showdown in Italien: Eigentlich dürfen Fifa-Mitglieder ihre Streitigkeiten nicht vor einem ordentlichen Gericht austragen. Doch Juventus Turin lässt sich von den Drohungen der Fifa nicht abschrecken und hat heute Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht – mit Aussicht auf Erfolg.

Rom - Trotz der Drohungen der Fifa hat Juventus heute eine Dringlichkeits-Klage beim Verwaltungsgericht (TAR) in Rom eingereicht. "Wir fordern die Aussetzung aller Strafen", erklärte Juve-Anwalt Riccardo Montanaro. Der von der Fifa unter Druck gesetzte italienische Fußball-Verband (FIGC) kündigte "sofortige Disziplinar-Maßnahmen" an. Dem ohnehin mit 17 Strafpunkten belasteten Club drohen damit weitere drei Strafpunkte. Das neuerliche Verfahren beschwört zudem eine Auseinandersetzung zwischen TAR und dem italienischen Verband sowie zwischen Verband und der Fifa herauf.

Fifa-Präsident Blatter: Drohungen wirkungslos
DPA

Fifa-Präsident Blatter: Drohungen wirkungslos

Es herrscht Zuständigkeitsgerangel auf höchstem Niveau. Selbst Fifa-Boss Sepp Blatter versuchte zu intervenieren. Die Fifa beruft sich auf Artikel 61 ihrer Statuten. Unter der Überschrift "Verpflichtung" listet die Fifa folgende Regeln im Streitfall auf: "Die Konföderationen, Mitglieder und Ligen verpflichten sich, das Cas (Anm. d. Red.: Internationaler Sportgerichtshof in Lausanne) als unabhängige richterliche Instanz anzuerkennen und dafür zu sorgen, dass sich ihre Mitglieder sowie die ihnen angeschlossenen Spieler und Offizielle den Entscheidungen des Cas fügen".

Einen ordentlichen Rechtsweg schließt die Erklärung, die alle Mitgliedsverbände unterzeichnen müssen, aus: "Die Verbände haben in ihren Statuten zwingend eine Bestimmung aufzunehmen, wonach ihre Clubs und ihre Mitglieder Streitfälle nicht vor ein ordentliches Gericht bringen dürfen, sondern jegliche Auseinandersetzungen den zuständigen Instanzen des Verbandes, der Konföderation und der Fifa unterbreiten müssen."

Sollte die Fifa ihre Dringlichkeits-Kommission einberufen und diese die Sperre des italienischen Verbandes beschließen, hätte das sofort Auswirkung auf die EM-Qualifikation der Nationalmannschaft und die Vereine, die an internationalen Wettbewerben teilnehmen. Alle würden mit sofortiger Wirkung vom Spielbetrieb ausgeschlossen. Uefa-Generaldirektor Lars-Christer Olsson sagte am Rande der Champions-League-Auslosung in Monte Carlo: "Das ist ein kompliziertes Thema. Laut italienischem Recht darf Juventus ein ordentliches Gericht anrufen, laut Fifa-Statuten nicht."

500 Millionen Euro Schadenersatz

Der italienische Rekordmeister beruft sich auf das italienische Gesetz 280/2003, in dem die TAR als höchste Sportgerichtsbarkeit festgeschrieben ist. Die Verantwortlichen geben sich optimistisch: "Fifa und FIGC wissen, dass ein Zivilrichter die Dinge anders sehen wird", sagte Sportdirektor Jean-Claude Blanc. Der 43-Jährige fordert Turins "Wiederaufnahme in die Serie A mit maximal 20 Strafpunkten." Alles andere sei im Vergleich zu den nicht zum Abstieg verurteilten Mitangeklagten AC Mailand, AC Florenz und Lazio Rom und Reggina unverhältnismäßig hart und inakzeptabel.

Mitte der Woche meldete sich Pasquale De Lise, TAR-Präsident und ein Mann mit mehr als 40 Jahren Berufserfahrung, zu Wort. In mehreren Zeitungen mahnt er Blatter und Rossi zur Ordnung und verweist darauf, dass jede natürliche und juristische Person, sowohl Juventus, als auch Fiorentina, Milan und Lazio das Recht und den Anspruch haben, sich an das TAR zu wenden.

Nicht zuletzt durch De Lises Vorstoß wittert Juventus nun einen klaren Vorteil und will mit aller Macht versuchen, den Gang in die Serie B doch noch abzuwenden. Das TAR wird am 31. August über den Antrag der Turiner entscheiden. Der für das vergangene Wochenende geplante Ligastart ist bereits um zwei Wochen verschoben worden, weitere Verzögerungen drohen.

Juventus setzt vor dem TAR nun darauf, dass die Richter das Verfahren sofort an den Europäischen Gerichtshof abgeben. Dort wollen Turins Verteidiger Fifa und FIGC mit Hilfe des eingeschalteten Bosmann-Anwalts Jean Luc Dupont in die Knie zwingen. Eine europäische Richtlinie sieht vor, dass eine Strafe nicht mehr als zehn Prozent des Umsatzes betragen dürfe. Juventus' Schaden sei durch die Urteile der Sportjustiz aber sehr viel höher. Clubchef Giovanni Cobolli Gigli denkt deshalb bereits über Schadenersatzklagen gegen den Fußball-Verband nach. Die Rede ist von 500 Millionen Euro.

Unterdessen fällt ein neues Licht auf Juventus Turin. Anfänglich von allen als der Urheber des Skandals dargestellt, wird immer offensichtlicher, dass sich der Verein zwar unsportlich verhalten hat, allerdings dafür mit dem Gang in die Serie B härter bestraft wurde als die anderen verwickelten Clubs. Warum wurde Inter Mailand der Meistertitel 2005 zugesprochen?

Warum darf der AC Mailand weiterhin an der Champions League teilnehmen? Diese Fragen sind inzwischen in italienischen Zeitungen immer häufiger zu lesen. Die italienischen Medien stellen sich dabei immer öfter auf die Seite von Juventus. Selbst die "Gazzetta dello Sport", tägliche Sportzeitung aus Mailand und von daher eher Inter und dem AC zugeneigt und "Il Romanista", eine sich eindeutig zu Rom bekennende Tageszeitung sowie "La Repubblica", linkes und gegenüber Juventus stets kritisches Tageblatt räumen ein, dass die TAR die einzig rechtmäßige Institution ist.

mig/dpa/sid/sh

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