Klinsmann bei Bayern Sieben Trainer für zwölf Spieler

Trainingsauftakt beim Rekordmeister: Nur 1000 Fans kamen zur ersten Bayern-Einheit unter Jürgen Klinsmann. Dessen Art gefiel den Anhängern, obwohl die Stars neuerdings durch Bambus und Nadelgehölz vor neugierigen Blicken geschützt werden - wenn sie denn da wären.

Bereits eine Stunde vor Trainingsbeginn geht gar nichts mehr an der Säbener Straße in München. Vor den Toren des Trainingsgeländes hupen die Autos, drinnen drängen sich die Schaulustigen an die Absperrung des Trainingsplatzes, den gegen 15.30 Uhr der neue Bayern-Trainer betreten wird: Jürgen Klinsmann elektrisiert die Massen.

So oder so ähnlich hätte man sich die Szenerie vorgestellt. Doch das Bild, das sich beim Traingsstart des Deutschen Meisters tatsächlich bietet, könnte abweichender nicht sein. Gerade einmal 200 Journalisten und 800 Schaulustige haben sich eingefunden, das sind weit weniger Fans als an jedem x-beliebigen Ferientag im Sommer. Dass Klinsmann in kurzer Hose und weißen Bayern-Jersey den Rasen betritt, bemerkt nur, wer zufällig in die richtige Richtung geschaut hat. Kein Gejohle, keine "Klinsi"-Rufe, nicht einmal dezenter Applaus erschallt.

So kurz nach den Zeiten, in denen zehntausende Teenager ein 1:0 gegen Österreich in den Public-Viewing-Areas der Republik feierten, als hätten sie sich Speed in ihre Biermischgetränke geschüttet, wirkt so viel Understatement geradezu wohltuend. "Schau mal", sagt eine Dame mittleren Alters, "so viele Trainer und so wenig Spieler". Ihr Mann amüsiert sich: "kann man mal sehen, dass du nix von Fußball verstehst", sagt er "viele Trainer ist heute modern."

In der Tat ein ungewohnter Anblick, wie Klinsmann da mit seinem Trainerstab zum Gruppenbild posiert. Unten kniend drei, oben stehend vier, der zweite links oben ist Klinsmann. Auch der mexikanische Co-Trainer Martin Vazquez ist da. Er teilt Klinsmanns Philosophie: "Dynamischen, offensiven und vertikalen Fußball" wolle man spielen lassen, hat er vor ein paar Tagen gesagt.

Klinsmann lächelt. Es wirkt spontan und sympathisch. Dann ein Foto mit Neuzugang Butt. Klinsmann lächelt erneut. Sein Lächeln sitz so perfekt wie die Frisur von Hillary Clinton. Später in der U-Bahn werden die Leute schwärmen, wie sympathisch der Jürgen doch gewirkt habe. Ein Mann, der noch dreieinhalb Stunden nach Hause fahren muss, hat sogar ein Autogramm abbekommen. Ein anderer erzählt, wie er vergangenes Jahr aus der Kurpfalz angereist war, um die Neuverpflichtung Klose zu bestaunen. "Und drei Tage später kam der Toni. Da bin ich wieder hin."

In dieser Woche wird jeden Tag öffentlich trainiert - nachdem Planspiele publik wurden, man wolle die Schaulustigen künftig nur noch in Ausnahmefällen zuschauen lassen, war der Aufschrei an der Fanbasis unüberhörbar gewesen. Doch was spräche diese Woche auch gegen das Public Viewing in München? Lucio und Demichels haben bis zum 8. Juli Urlaub, alle Nationalspieler, die bei der EM im Einsatz waren, bleiben sogar noch drei Wochen länger weg. Nicht die Zeit, in der etwaige Spione sensationelle Erkenntnisse erwarten dürfen. Klinsmann will sich zudem erstmals am kommenden Mittwoch öffentlich äußern. Doch sobald das Training prominenter besetzt sein wird, dürfte die Öffentlichkeit in der Säbener Straße die meiste Zeit außen vor bleiben. Besonders wenn taktische Figuren oder Standardsituationen trainiert werden.

Zwölf Spieler hat Klinsmann heute um sich geschart, darunter Mehmet Ekici und Thomas Müller aus dem eigenen Amateurkader. Das abschließende Trainingsspielchen hätte wohl sonst mangels Masse ausfallen müssen. "Von denen sehen wir in der Saison keinen mehr" unkt ein Jugendlicher im Ribéry-Trikot angesichst der Ottls, Lells und Butts, die sich da recken und dehnen. Zumindest im Fall von Mark van Bommel und Daniel van Buyten dürfte er sich da irren: Der Holländer und der Belgier legen einen Eifer an den Tag, als würde heute abschließend über die Stammplätze entschieden. Die Spielformen und das Aufwärmtraining leitet Marcelo Martins, der als "Fitness- und Reha-Trainer" fungiert. Seine Anweisungen schallen auf Englisch über den Platz. Er lobt viel: "Goood, very gooood."

Eine Pflanzenwand gegen neugierige Blicke

Allmählich nährt sich die Trainingseinheit dem Ende, tatsächlich kommen nach dem flotten Trainingsspielchen eine Viertelstunde lang Gymnastikbänder zum Einsatz. Mittlerweile sind höchstens noch 250 Fans zugegen, einige versuchen noch kurz in den Kabinentrakt zu gucken. Dort, wo früher ein Gitter den Weg aber nicht die Sicht versperrte, stehen nun 20 Blumenkübel: Bambus und Nadelgehölz verbergen die Stars weitgehend vor neugierigen Blicken.

Zwischen den Zweigen hindurch recken ein paar Fans dennoch ihre Kameras. In 30 Meter Luftlinie Entfernung sieht man Manager Uli Hoeneß und Jürgen Klinsmann auf einer Couch sitzen und sich angeregt unterhalten. Auf den Fotos wird davon nichts zu sehen sein. Für Hobbygärtner mögen sie dennoch interessant sein.

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