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Neue Soccer-Begeisterung in den USA Jubeln für die Pussys

Zigtausende beim Public Viewing, Rekord-Einschaltquoten im TV: Wie nie zuvor fiebern die Amerikaner mit Jürgen Klinsmanns Soccer-Team. Mit einer Sportart für Weicheier, wie es früher hieß. Was sind die Gründe für den Wandel?

Als ich vor 22 Jahren ein Jahr an einer Highschool in Aurora, lllinois, verbrachte, war ich mir sicher, dass der Fußball und die Vereinigten Staaten keine Freunde mehr würden. Weder auf dem Platz noch auf den Rängen. Ich meldete mich für die Soccer-Mannschaft meiner Schule und merkte gleich beim ersten Training, dass ich in eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme geraten war. Meine Mannschaftskollegen spielten Fußball, weil sie für Basketball oder American Football zu klein, zu schwachbrüstig, zu langsam oder ganz einfach Bewegungslegastheniker waren. Leider machte sie das nicht automatisch zu guten Fußballspielern. Sportlich betrachtet waren wir die Resterampe unserer Schule.

Von den 29 Toren, die wir in jener Saison schossen, gingen 27 auf mein Konto. Das sagt eigentlich alles. Denn in Deutschland habe ich es nie über die zweite Mannschaft des TuS Moitzfeld (Kreisliga B, Rheinberg) hinausgeschafft. Leider wollte meine Tore niemand sehen. Mein Gastvater war der einzige Mann am Spielfeldrand. Neben ihm standen ein paar Mütter, die ihren schwachbrüstigen Söhnchen das schöne Gefühl vermitteln wollten, dass man sie lieb hatte. Trotz alledem. Wer cool war, spielte Football oder Basketball und wurde im großen Stadion von der halben Kleinstadt bejubelt. Und am Rande tanzten die Cheerleader.

Von Cheerleadern durften wir Soccer-Jungs nicht mal träumen.

22 Jahre später stehe ich auf einem Balkon auf der Halbinsel Cape Cod und höre lauten Jubel aus den Gassen der Kleinstadt aufsteigen, aus den Bars, den Wohnzimmern. Die USA haben gerade das 2:1 gegen Ghana erzielt, den Siegtreffer im ersten WM-Spiel. Es war, als stünde ich in der Dortmunder Innenstadt und als habe der BVB gerade die Champions League gewonnen.

Ein paar Tage später belauschte ich zwei amerikanische Männer am Tresen einer Bäckerei auf Marthas Vineyard. Sie unterhielten sich über das packende, voller Leidenschaft geführte Spiel ihrer Mannschaft gegen Portugal (2:2). Sie waren noch immer sehr erregt über den unglücklichen Ausgleich der Portugiesen in der fünften Minute der Nachspielzeit, ohne den die USA schon jetzt fürs Achtelfinale qualifiziert wären.

Was ist nur aus diesem Land geworden?

Später, am Strand, das Gleiche. Vier Männer, die ihre Strandstühle und einen Football (American) mitgebracht hatten und über das Portugal-Spiel sprachen. Der Football trauerte derweil einsam im Sand. Das Match, über das sie sprachen, hatte mit 25 Millionen Fernsehzuschauern alle Rekorde gebrochen. Nie zuvor sahen sich so viele Amerikaner ein Fußballspiel an. Es waren mehr als bei den Finalrunden im Baseball und im Basketball. Nur der Super Bowl, das Endspiel um die Meisterschaft im American Football, hatte eine höhere Einschaltquote.

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WM 2014: Die USA im Fußballfieber

Foto: Joe Raedle/ Getty Images

Was ist nur aus diesem Land geworden? Werden die Amerikaner, nachdem sie den ersten Schwarzen zum Präsidenten gewählt haben und sich an einem europäisch anmutenden Gesundheitssystem versuchen, jetzt auch noch Fußballfans? Der Wandel, der sich in diesen 22 Jahren zwischen meiner US-Fußballkarriere und dem Jubel für Jürgen Klinsmanns Jungs vollzogen hat, ist jedenfalls ein kleines Wunder. Es ist so ähnlich, als würde in Deutschland bald die Rhythmische Sportgymnastik Volkssport Nummer eins werden. Und zwar für Männer.

Welche Mentalität bislang den Fußball begleitet hatte, konnte ich in dieser Woche auf dem Sportsender CSN besichtigen. Dort plauderten zwei Herren über die sportlichen Highlights der Woche und kamen wohl oder übel nicht an der WM in Brasilien vorbei. Er halte das Spiel nach wie vor für unamerikanisch, sagte einer der Herren.

Spieler, die sich dauernd jammernd auf dem Rasen rumwälzen

Wenn man schon für einen leichten Rempler mit einer Gelben Karte bestraft werde, dann sei etwas faul. Und: Bei "unseren Sportarten" gehe es darum, dem Gegner zu zeigen: Ich bin der Stärkste! Mir kannst du nicht wehtun! Soccer hingegen sei der einzige Sport, bei dem sich die Spieler dauernd jammernd auf dem Rasen rumwälzten und so täten, als habe man ihnen ganz doll wehgetan. Ein Unding seien zudem Getränkepausen, weil es zu heiß sei. "Fußball ist etwas für Pussys", sagte der Mann. So dachte man lange in Amerika.

Die eine Sensation ist nun, dass Klinsmanns Team mit den besten der Welt tatsächlich mithalten kann. Kein Spieler aus seiner Startelf hätte in Deutschland den Sprung unter die besten 30 geschafft. Amerikas Führungsspieler ist ein gewisser Michael Bradley, der es drei Jahre lang bei Borussia Mönchengladbach versuchte und dem wir Fans keine Träne nachweinten, als er schließlich weiterzog, um irgendwann in der nordamerikanischen Soccer League beim Toronto FC zu landen.

Die noch größere Sensation aber ist, dass der Funke der Begeisterung auf das ganze Land übergesprungen ist. Dass zumindest halb Amerika dieser Tage im Fußballfieber ist. Ein Land, das immer immun gewesen war gegen dieses seltsame Spiel ohne Aktion und ernstzunehmenden Körperkontakt.

Vielleicht liegt es wirklich an den vielen Fußballschulen, die in den vergangenen Jahren gegründet wurden und die Soccer viel präsenter gemacht haben - auch wenn die Teams der amerikanischen Fußball-Liga MLS noch immer an jene Mannschaft erinnern, der ich damals an der Highschool angehörte.

Vielleicht liegt der Wandel aber auch viel tiefer. Vielleicht gibt es eine stille Sehnsucht danach, endlich ein bisschen Pussy sein zu dürfen, nach all den Jahrzehnten, in denen man hart und überlegen und unbesiegbar sein musste, im Sport und auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Vielleicht genießen es die Amerikaner dieser Tage, endlich einmal Außenseiter sein zu dürfen. Als Supermacht kennt man so ein Gefühl ja eher weniger.

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