Klinsmann-Interview "Das hat alles getoppt"

Es war nur das Kleine Finale, aber die Partie in Stuttgart zwischen Deutschland und Portugal hat für Klinsmann "noch einmal alles getoppt". Dennoch ist der Bundestrainer nicht ganz zufrieden gewesen.


Frage: Wie bewegend war das Abschlussbild im Stadion nach dem dritten Platz und was werden Sie Ihren Spielern zum Abschied sagen: "ade" oder "tschüss bis zum nächsten Länderspiel im August"?

Bundestrainer Jürgen Klinsmann: "Bin nur wahnsinnig stolz"
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Bundestrainer Jürgen Klinsmann: "Bin nur wahnsinnig stolz"

Klinsmann: Man kann das noch gar nicht in Worte fassen. Was sich hier noch einmal abgespielt hat, hat alles getoppt, von dem wir dachten, dass man es ohnehin nicht mehr toppen kann. Das Publikum war fantastisch, die Mannschaft hat wie aus einem Guss gespielt mit Herz und Freude, das Resultat passt - da spielt sich eine Gefühlswelt ab, die kann man noch gar nicht ordnen. Ich bin nur wahnsinnig stolz, dass diese Mannschaft so Fantastisches geboten hat und sich eine WM entwickelt hat, die für Deutschland ein unschätzbarer Wert geworden ist. Das macht uns sehr, sehr stolz. Aber ich persönlich brauche ein paar Tage, um das zu verstehen und sacken zu lassen.

Frage: Wenn Ihnen vor einem Jahr jemand gesagt hätte, Sie werden bei dem Turnier Dritter, hätten Sie sich gefreut?

Klinsmann: Das Spiel um Platz drei ist immer für beide Mannschaften undankbar, weil man davon geträumt hat im Endspiel zu stehen. Da muss man sich einen besonderen Schub geben. Das haben wir getan - und auch Portugal. Dass so ein Spiel dann auch noch mit drei Schweinsteiger-Toren entschieden wird - diese Geschichten werden halt nur im Fußball geschrieben.

Frage: Auf dem Rasen sah das nach dem Spiel alles sehr herzlich aus. Die Bundeskanzlerin hat Sie umarmt und Franz Beckenbauer hat etwas zu Ihnen gesagt. Verraten Sie uns was?

Klinsmann: Der 'Kaiser' hat gesagt: Mach ja weiter! Und ich habe gesagt: Schau'n mer mal. (Gelächter) Nein, ich freue mich einfach, dass er eine enorme Wertschätzung hat für unsere Arbeit. Diese Worte kommen aus seinem Herzen heraus. Das ist für mich als junger Kerl, als junger Trainer etwas Besonderes, so etwas von Franz Beckenbauer zu hören. So, wie ein Kompliment von Eusebio etwas Besonders ist, oder von einem Felipe Scolari, wenn er einen in den Arm nimmt. Ganz besonders stolz war ich, als ich die Kanzlerin drücken durfte, weil sie auf unserer Seite war, als es noch richtig um die Ohren gab vor ein paar Monaten nach dem Italien-Spiel in Florenz. Da war sie eine der Wenigen, die aufgestanden ist und gesagt hat: Lasst die Kerle jetzt endlich mal in Ruhe arbeiten. Das zeugt von ihrem Charakter und ihrer Menschlichkeit. Die hat sie uns in den letzten Wochen immer wieder gegeben. Sie kam ins Hotel, sie hat mit uns gegessen, sie hat die Spieler eingeladen ins Kanzleramt, das war nichts Steifes, nichts Kompliziertes und nichts Politisches: Da habe ich einfach nur danke gesagt.

Frage: Auf Sie rollt eine Lawine der Sympathie zu. Wird diese Stimmung Sie beeinflussen? Und wie lange wird es bis zur Entscheidung dauern?

Klinsmann: Es ist viel auf uns alle eingestürzt. Wir haben immer gesagt, da kommt eine Lawine auf uns zu mit der WM. Aber dass es so eine große Lawine wird, haben wir uns alle in Deutschland nicht vorstellen können. Was sich da abgespielt hat quer durchs Land. Ich brauche auf jeden Fall ein paar Tage. Ich kann das Ganze noch nicht ordnen. Ich bin natürlich überwältigt und glücklich, dass solche Wertschätzung und Komplimente aus vielen Bereichen kommen für unsere Arbeit. Aber ich kann auch nur betonen: Wir Trainer können viel auf den Weg mitgeben, aber spielen tun die Jungs. Und wie sie gespielt haben die letzten vier Wochen, das war einfach wundervoll.

Frage: Wenn Sie sich gegen eine Fortsetzung Ihrer Arbeit entscheiden sollten, würden Sie sich dann ganz zurückziehen oder schon noch versuchen, irgendwie auf die Zukunft der Nationalelf einzuwirken?

Klinsmann: Ich denke einfach, dass wir in zwei Jahren zu diesen Nationalspielern eine Verbindung aufgebaut haben mit dem Grundsatz, jeden Spieler besser zu machen. Das war eine Philosophie und das haben wir auch geschafft. Jeder Einzelne hat sich verbessert in verschiedenen Bereichen. Egal, ob man dann als Trainer weiterarbeitet oder nach wie vor sehr engen Kontakt zu ihnen hat: Man hat einen Einfluss auf diese Weiterentwicklung. Da ist auch eine Freundschaft zu jedem Einzelnen entstanden. Da möchte man einfach immer als Helfer zur Seite stehen. Ich habe mich immer als Dienstleister für diese Spieler gesehen. Egal, wie jetzt die Entscheidung ausgeht, diese Bereitschaft und Nähe wird von meiner Seite aus immer da sein.

Frage: Sie sind vor zwei Jahren angetreten mit dem Ziel, Weltmeister werden zu wollen. Sind Sie jetzt trotzdem in jeder Beziehung zufrieden?

Klinsmann: Nein. Wir sind natürlich total happy mit dem, was erreicht wurde. Aber man nimmt sich im Sport immer die größten Ziele vor. Wenn einer in die Olympiade geht, wird er sich nicht die Bronzemedaille zum Ziel setzen, sondern er will die Goldmedaille holen. Das war auch unser großes Ziel. Der Traum ist zerplatzt gegen Italien. Aber wie die Mannschaft zurückgekommen ist und gesagt hat, okay, jetzt holen wir unbedingt diesen dritten Platz, das ist schon fantastisch gewesen. Und was sich alles extern abspielt, das sind Bilder und Momente, die sind wundervoll.

Aufgezeichnet von Klaus Bergmann, dpa



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