Klinsmann-Interview "Die Abwehr hat Halt gefunden"

Nach dem Torhagel im Auftaktspiel gegen Australien hat die deutsche Hintermannschaft sich im zweiten Match gegen Tunesien stabilisiert. Bundestrainer Jürgen Klinsmann sieht seine Defensive im Aufwind und lobt zudem das Zusammenspiel seiner Offensivkräfte.


Bundestrainer Klinsmann: "Das war ein hartes Stück Arbeit"
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Bundestrainer Klinsmann: "Das war ein hartes Stück Arbeit"

Frage:

Ihre Mannschaft hat gegen Tunesien erst spät den Erfolg erzwungen. Hatten Sie sich das Siegen so schwierig vorgestellt?

Jürgen Klinsmann: Dass es ein hartes Stück Arbeit werden würde, wussten wir vorher. Roger Lemerre hat die Tunesier beeindruckend entwickelt mit einem fast schon perfekten 4-4-2-System, das in der Offensive auf 4-3-3 geht. Natürlich sind wir sehr, sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Wir haben hervorragend angefangen, dann haben uns die spielstarken Tunesier das Leben ein bisschen schwer gemacht.

Frage: Wie haben Sie reagiert?

Klinsmann: Wir haben der Mannschaft in der Pause gesagt, weiter Geduld zu haben und noch einen Tick mehr das Tor erzwingen zu wollen. Nach dem Elfmeter von Michael Ballack hatten wir das Gefühl, wir haben sie im Griff.

Frage: War der Wechsel Kuranyi für Asamoah der Schlüssel zum Erfolg?

Klinsmann: Wir hatten uns von Asamoah erhofft, dass er viel, viel arbeitet und die Räume aufreißt. Unsere Hoffnung war, dass am Ende des Spiels noch mehr Räume aufgemacht werden, und das ist dann auch passiert. Kevin Kuranyi hat das auch optimal ausgenutzt, aber ich denke nicht, dass diese Einwechslung entscheidend war.

Frage: Lukas Podolski trumpfte erst spät auf. War der Druck im Heimspiel zu groß?

Vorlagengeber Podolski (l.) feiert mit Torschütze Schweinsteiger: "Bei dem Tor haben sich die zwei gesucht und gefunden"
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Vorlagengeber Podolski (l.) feiert mit Torschütze Schweinsteiger: "Bei dem Tor haben sich die zwei gesucht und gefunden"

Klinsmann: Ich glaube nicht, dass Lukas mit dem Druck Probleme hat. Tunesien ist eine starke Mannschaft. Die waren ständig auf unserer Mittelfeld-Viererkette drauf und haben kaum Möglichkeiten gegeben, Bälle in die Tiefe und in die Spitze zu spielen, um den Lukas in Szene zu setzen. Er hatte seine Momente, in der zweiten Halbzeit noch mehr. Die Vorlage zum Basti Schweinsteiger war ein Genuss. Bei dem Tor haben sich die zwei gesucht und gefunden.

Frage: Gegen Nordirland hat Bernd Schneider rechts hinten die Deckung stabilisiert, dieses Mal links. Planen Sie mit ihm für die Abwehr?

Klinsmann: Wir wissen, dass der Bernd überall einsetzbar ist. Er ist sehr, sehr wichtig für die Mannschaft. Wir sehen ihn aber weiter mehr im Mittelfeld. Für uns war wichtig, dass wir diese Viererkette nach dem Australien-Spiel beieinander gehalten haben, um sich zu finden, abzustimmen und den Lernprozess weiter zu machen. Den Bernd als Allzweckwaffe auf den Außenpositionen im Hinterkopf zu haben, ist gut zu wissen.

Frage: Wie haben Sie Robert Huth gesehen, der zuletzt kritisiert wurde?

Klinsmann: Für uns war es toll zu sehen, wie ein Robert Huth nach der teilweise auch überzogenen Kritik ganz sachlich sein Spiel gesucht hat. Es war auch schön zu sehen, dass das Publikum ihn unterstützt hat. Diesen 20-, 21-jährigen Spielern muss man auf die Schulter klopfen. Man muss ihnen helfen. Das Publikum hat dieses Gespür gehabt. Wir werden noch einige Auf und Abs erleben, aber wir werden diese kleine Achterbahn mitmachen. Wir kommen in dem Reifeprozess Schritt für Schritt voran.

Frage: Wie bewerten Sie generell die Abwehr, die zu Null gespielt hat?

Klinsmann: Durch die Bank optimal, weil sie mehr Halt gefunden hat und die Abstimmung besser wird. Jens Lehmann hat fehlerfrei sein Ding gespielt, das gibt natürlich ein Stück mehr Sicherheit. Generell war die Abwehr auch nicht das Hauptproblem, weil wir in der Analyse des Australien-Spiels gesehen haben, dass in der Entwicklung der Gegentore die Probleme vorne losgingen. Generell ist zu sagen: Das Chancenverhältnis gegen Australien war 12:4 oder 13:5. Darum ist die Frage: Welches Chancenverhältnis hättet Ihr gerne, 4:1 oder 12:4?

aufgezeichnet von Klaus Bergmann, dpa



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