Klinsmann-Interview "Selbst gegen Brasilien nicht hinten reinstellen"

Jürgen Klinsmann geht aufs Ganze. Der 41-Jährige will die DFB-Elf zum Weltmeister-Titel führen. Im Interview spricht der Bundestrainer über sein offensives Spielsystem, die Stimmung im Team und über seine Pläne bei einem frühen Turnier-Aus seiner Mannschaft.


Frage: Jürgen Klinsmann, was machen Sie am 9. Juli?

Jürgen Klinsmann: Ich hoffe, dass ich aktiv am WM-Finale in Berlin teilnehmen werde.

Frage: Wie groß ist bei Ihnen der Glaube, dieses Ziel erreichen zu können?

Bundestrainer Klinsmann (h.): "Immer Vollgas geben"
DPA

Bundestrainer Klinsmann (h.): "Immer Vollgas geben"

Klinsmann: Wir sind tausendprozentig davon überzeugt, dass wir etwas reißen werden. Davon überzeugt zu sein, ist die Grundvoraussetzung für unser Vorhaben.

Frage: Ist diese Einschätzung realistisch?

Klinsmann: Sicher hängt es von vielen Faktoren ab, so ein Ziel auch zu erreichen. Aber wir haben eine junge Mannschaft, die gerade dabei ist, richtig stark zu werden. Die Einstellung ist vorbildlich. Alle arbeiten sehr zielgerichtet und haben enormen Spaß.

Frage: Können Sie den Fans in Deutschland für die WM etwas versprechen?

Klinsmann: Ja. Ich kann versprechen, dass sich die Mannschaft zerreißen wird, um die Fans zu begeistern. Sie wird immer Vollgas geben.

Frage: Heißt das auch, dass Sie unabhängig vom Gegner und unabhängig von Resultaten an Ihrer offensiv ausgerichteten Spielphilosophie festhalten werden?

Klinsmann: Wir werden nichts ändern. Selbst wenn wir gegen Brasilien spielen, werden wir uns nicht hinten reinstellen. Wir werden versuchen, nach vorne zu spielen, Druck auszuüben. Wir müssen allerdings noch lernen, aus dieser Spielweise heraus kompakter zu stehen. Daran arbeiten wir im Moment sehr intensiv.

Frage: Erlaubt Ihre Art, an Dinge heranzugehen, überhaupt einen Gedanken an ein Scheitern bei dieser WM?

Klinsmann: An ein Ausscheiden denken wir überhaupt nicht. Wir sagen den Spielern immer, dass alle Begegnungen für uns wie bei einem Europacup-Heimspiel sind. Und wir haben nur Heimspiele bei dieser WM.

Frage: Gibt es für Sie ein Minimalziel?

Klinsmann: Es gibt kein Minimalziel, das existiert bei unserer Denkweise nicht. Es gibt nur ein Maximalziel - und das heißt, Weltmeister zu werden. Man muss sich immer am Maximum orientieren.

Frage: Warum?

Klinsmann: Wenn man ein Minimalziel ausgibt, wird man spätestens eine Stufe danach hängenbleiben. Es ist wichtig, dass die Mannschaft spürt, dass es immer eine Stufe höher geht. Und wenn wir ins Viertelfinale einziehen, muss das Achtelfinale schon wieder abgehakt sein. Man darf sich nicht zurücklehnen und sagen: Wenn wir das Viertelfinale erreichen, ist das schon ein Erfolg. Das ist der völlig falsche Ansatz.

Frage: Werden Sie bei einem frühzeitigen Scheitern in die USA flüchten?

Klinsmann: Die Planung sieht vor, dass ich bis zum 11. Juli in Deutschland bleibe. Auch für meine Familie ist bis dahin alles gebucht. Aber natürlich werde ich aus der Situation heraus entscheiden. Aber an so etwas verschwende ich, wie schon gesagt, keinen Gedanken.

Frage: Wenn Deutschland Weltmeister wird, gibt es kein höheres Ziel mehr. Bleiben Sie dann Bundestrainer?

Klinsmann: Ich lasse mich auch für diesen Fall auf keine Aussage über meine Zukunft festlegen. Ich werde das aus der Situation heraus entscheiden.

Aufgezeichnet von Thomas Niklaus und Jürgen Zelustek, sid



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.