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31. Mai 2006, 15:51 Uhr

Klinsmann-Kalkül

Gewollte Schlappheit

Von , Leverkusen

Beim Remis gegen Japan fiel vor allem die Kratftlosigkeit der deutschen Spieler auf. Die schweren Beine sind aber Teil von Klinsmanns Konzept. Auch im Test übermorgen gegen Kolumbien ist Besserung nicht zu erwarten. Fit sein muss das Team zum Auftaktspiel.

Es ist gut möglich, dass man es später einmal als eine von Jürgen Klinsmanns größten Leistungen bezeichnen wird, einem Wort zu neuer Blüte verholfen zu haben. "Umsetzen" heißt es, und der Bundestrainer benutzt es in jeder Pressekonferenz so oft wie Oliver Kahn den Begriff "Druck". Auch gestern Abend war das nicht anders, nach dem 2:2 (0:0) im vorletzten WM-Test sprach Klinsmann wieder davon, dass seine Mannschaft sehr gut versucht habe, "das schnelle Spiel in die Spitze umzusetzen". Gegen den Asienmeister war es aber nur beim Versuch geblieben.



Anders als noch im lockeren Test gegen die Amateure aus Luxemburg (7:0) wirkten die Spieler müde, als sie läuferisch gefordert wurden. Zu schwer waren die Beine, wenn es ums Pressing gegen den Ballführenden in der Nähe der Außenlinie ging, zu spät wurden nach eigenem Ballverlust die Passwege verstellt. "Wir sind noch mitten in der Vorbereitung, die physische Verfassung kann noch nicht optimal sein", sagte Klinsmann. Es sei normal, dass die Mannschaft noch nicht da stehe, "wo sie in zehn Tagen sein soll".

Er hätte auch sagen können: "Wenn wir heute schon fit wären, hätte ich etwas falsch gemacht." Denn Klinsmann hat seit seinem Amtsantritt 2004 immer wieder ein Versprechen abgegeben. Die Mannschaft werde erst zum Eröffnungsspiel der WM am 9. Juni vollkommen fit sein, betonte der 41-Jährige, wie ein Mantra hat er das seither wiederholt. Und wer um die Akribie des Bundestrainers weiß, kann sich sogar vorstellen, dass Klinsmanns Kicker am Morgen vor der Partie gegen Costa Rica mit 90 Prozent Leistungsfähigkeit aufstehen und abends mit 100 Prozent auf den Platz laufen.

Es ist deshalb auch verständlich, dass im Test gegen Japan kein Druck aufgebaut werden konnte, die beiden deutschen Treffer durch Standardsituationen fielen - und Klinsmann selbst sogar mit einer Niederlage hätte leben können. "Es hätte mich nicht gewurmt, wenn wir 1:2 verloren hätten, das wäre kein Beinbruch gewesen", erklärte er später. Es fehlt den deutschen Spielern, die gerade erst ihr zehntägiges Fitnesstrainingslager in Genf beendet haben, vor allem an der viel zitierten "Spritzigkeit", also der Fähigkeit, kurze Sprints und hohe Antrittsschnelligkeit zu verbinden.

Diese Kraftlosigkeit zog sich durch die gesamte Mannschaft, "schwere Beine" habe man am Anfang gehabt, sagte Kapitän Michael Ballack. Laut Torwart Jens Lehmann hat man gemerkt, "dass wir das Tempo nicht die ganze Zeit halten können, dass wir aus dem Trainingslager gekommen sind". Und Abwehrspieler Jens Nowotny, der vor dem Führungstreffer der Japaner das Abseits aufgehoben hatte, wies auf den "enormen Kraftaufwand" hin, den das Team gebraucht habe. All das ist ein Ergebnis der Genfer Fitnesswochen, in denen neben den Lauf- und Taktikeinheiten auch Arbeiten mit schweren Kraftmaschinen auf dem Programm standen.

Erst nach dem Spiel gegen Kolumbien am Freitag (19 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), dem letzten Test vor der WM, beginnt dann die Zeit der sogenannten Superkompensation. Drei freie Tage, an denen sich erst die in Genf gesetzten Trainingsreize auswirken und nach denen die deutschen Spieler die körperlichen Voraussetzungen für die Spielweise haben sollen, die ihnen der Bundestrainer verordnet hat. So gesehen ist Klinsmann also im Plan -  die Wahrscheinlichkeit eingeschlossen, dass auch gegen Kolumbien noch die Kraft fehlen könnte.

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