Klinsmann-Nachfolger Heynckes macht aus Bayern wieder Bayern

Das Spiel eins der Bayern nach der Entlassung von Jürgen Klinsmann: ein glanzloser knapper Sieg gegen Gladbach - und Fans pfiffen den Vorstand um Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß aus. Souverän trat nur einer auf: der neue Coach Jupp Heynckes.

Von Michael Neudecker, München


Ein Christian Lell hat es nicht einfach: Er spielt zwar beim FC Bayern in der Bundesliga Fußball, aber wenn er mal ein bisschen Schmerzen hat - dann hat "so ein Spieler keine Sicherheit mehr", wie es Jupp Heynckes, neuerdings wieder Trainer des FC Bayern, formuliert.

Da ist es schon besser, Fan des Rekordmeisters zu sein: Dann konnte man zum Beispiel am Samstag im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach erst mit den anderen Fans laut pfeifen, als dieser Lell den Ball statt vor das Tor in die Wolken drosch - und frenetisch jubeln, als er zur Halbzeit ausgewechselt wurde. Ganz egal, ob er nun Schmerzen am Sprunggelenk hatte oder nicht.

Wäre Jürgen Klinsmann noch Trainer beim FC Bayern, hätte außer dem Spieler der Coach die Schuld am Fehlschuss bekommen.

Aber Jürgen Klinsmann ist jetzt ja nicht mehr beim FC Bayern, die Heynckes-Kurz-Ära hat am Samstag gegen Mönchengladbach begonnen. Und zwar immerhin ganz ordentlich: mit einem 2:1.

Weil sie aber so viele Torchancen hatten "wie lange Zeit nicht mehr" (Manager Uli Hoeneß), hat sich der Sieg ein bisschen angefühlt wie ein Unentschieden: So ganz zufrieden konnten die Münchner einfach nicht sein. Gewiss: Es war zu sehen, dass die Mannschaft nun strukturierter auftrat als zuvor, insbesondere geduldiger; und Geduld war angesichts der übertrieben defensiven Aufstellung der Gäste auch nötig. Gladbachs Trainer Hans Meyer stellte in Karim Matmour genau einen einzigen Offensivmann auf, "unsere Stürmer hatten es nicht einfach", analysierte Jupp Heynckes.

Dem 63-Jährigen gefiel durchaus, was er sah, wenngleich er auch einiges fand, was er "den Spielern noch sagen" werde, negatives nämlich. Die Chancenverwertung zum Beispiel: Allein Luca Toni vergab so viele Möglichkeiten, dass man manchmal den Eindruck hatte, Toni sei zwischendurch zu Christian Lell geworden.

Wie weit die Bayern nun von einer vielleicht doch möglichen Meisterschaft entfernt sind, das ist eine Frage, die in den zurückliegenden Tagen oft zu hören war, und die auch in den kommenden Wochen noch nach jedem Sieg gestellt werden dürfte. Die Bayern beantworten die Frage immer gleich: Ja, die Meisterschaft wäre schön. Nein, das Ziel sei sie nicht mehr. Und ja, es hänge doch alles von Wolfsburg ab.

Auch die Frage nach Klinsmann wird nach wie vor gerne gestellt, und wenngleich Hoeneß darauf immerzu antwortet, er wolle "zur Vergangenheit nichts mehr sagen", um den "guten Stil" zu bewahren - so sind die Zwischentöne doch nicht zu überhören.

"Man hat heute gesehen, dass jeder wieder Spaß hatte auf dem Platz", sagte Philipp Lahm. Erst am Freitag hatte er auf die Feststellung eines Journalisten, Heynckes lasse viele Details wie korrekte Einwürfe üben, was ja vorher nicht so gewesen sei, mit "schlimm genug" erwidert.

Als Mark van Bommel am Samstagabend nach Klinsmann gefragt wird, sagt er, dass er nicht über den alten Coach sprechen wolle. Also gut, wie ist dann Jupp Heynckes als Trainer? "Er ist beliebt, und er hat Ahnung vom Fußball", sagt van Bommel.

So ganz ist die Klinsmann-Zeit noch nicht abgehakt in München. Das ist auch am Verhalten der Fans zu sehen, die erst ein Plakat hochhielten, auf dem stand: "Wer wollte Klinsmann denn haben? Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen!", und dann riefen: "Vorstand raus!" Die Rufe und das Plakat gingen zwar auf das Konto der bekanntermaßen vorstandskritischen Ultra-Fangruppierung - und doch sind sie ein Fingerzeig, wie sich die Stimmung in München entwickeln könnte, sollte die Saison nicht einigermaßen glimpflich für den FC Bayern enden.

"Wir haben ja die Verantwortung für die Verpflichtung von Jürgen Klinsmann", sagte Uli Hoeneß dazu, "so ist es halt: Wer Verantwortung hat, der muss die auch tragen." Dann sprach er lieber über die Personalentscheidungen für die Zukunft: Andreas Görlitz, derzeit an den Karlsruher SC ausgeliehen, werde "im Sommer zurückkommen, davon gehe ich aus". Bei Toni Kroos, vorübergehend in Leverkusen untergebracht, werde der neue Trainer entscheiden, und wer das wiederum werde, wolle er nicht kommentieren. In der "Süddeutschen Zeitung" hatte er zuvor Louis van Gaal als Kandidaten bestätigt.

Jupp Heynckes, das ist klar, wird nach der Saison wieder gehen. "Wenn der Jupp um 10, 15 Jahre jünger wäre, dann wäre er der perfekte Trainer", sagte der gewohnt charmante Franz Beckenbauer. Heynckes lachte, man dürfe "die Worte vom Franz doch nicht auf die Goldwaage legen". Und überhaupt: "Für 63 habe ich mich doch gut gehalten, oder?" Dann ging er. Heynckes wirkte locker, erstaunlich locker. Die Mannschaft braucht noch ein wenig, um so locker zu werden wie ihr neuer Chef.

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