Klinsmann-Sturz Rekordmeister braucht Fußballlehrer

Ende eines Experiments: Jürgen Klinsmann sollte den FC Bayern modernisieren und schaffte so wenig, dass sich Uli Hoeneß jetzt nach einem "Fußballlehrer" sehnt. Frostig und ohne Dankesworte für den Gescheiterten wird Jupp Heynckes zurückgeholt - doch wer macht den Job in der kommenden Saison?

Von Sebastian Winter, München


Es ist Punkt 14 Uhr, keine Minute zu früh, keine zu spät, als das mächtige Dreigestirn des FC Bayern das randvolle Medienzentrum an der Säbener Straße betritt. Ein paar Momente noch, dann nehmen sie Platz auf der Empore des engen Raumes und blicken in die Objektive eines guten Dutzend Kameras. Rechts neben Bayern-Sprecher Markus Hörwick sitzt der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge, neben ihm Manager Uli Hoeneß und Finanzvorstand Karl Hopfner.

Nun mussten sie doch ihr wochenlanges Schweigen brechen, zwangsläufig, denn nach der Entlassung von Trainer Jürgen Klinsmann am Montagmorgen um 9.30 Uhr in Rummenigges Büro gab es keinen Grund mehr, die T-Frage hinter verschlossenen Türen zu diskutieren. Es musste alles sehr schnell gehen, die ersten Medien berichteten schon kurz nach dem Treffen von der Entlassung. Die Mannschaft wurde noch schnell um 13 Uhr unterrichtet.

Die Anzüge der Herren sind dunkelblau, Ton in Ton, Hoeneß und Rummenigge haben ihre Krawatte zu Hause gelassen und den obersten Knopf ihrer weiß-blauen Hemden gelöst, Hopfner mag es lieber zugeknöpft. Die Gesichter sind ernst, die Lippen schmal.

Erst erzählt Rummenigge von der sonntäglichen Entscheidung des Vorstands, dann Hoeneß von der Entlassung Klinsmanns. Hoeneß richtet keine Danksagung an den Trainer für dessen Arbeit, nur ein paar lauwarme Worte: "Wir glauben alle, dass wir unser gutes Verhältnis aufrechterhalten werden." Die Trennung soll sauber verlaufen, und so soll keine schmutzige Wäsche gewaschen oder nachgetreten werden. Auch Klinsmann habe dem FC Bayern zugesichert, dies nicht zu tun, sagt Hoeneß. Mit dem Trainer müssen auch dessen Assistent Martin Vasquez, Scout Nick Theslof und Fitnesscoach Oliver Schmidtlein gehen.

Doch dann sprudeln Sätze aus ihm heraus, die Klinsmann weh tun müssen: "Wir brauchen Aufbruchstimmung, wir haben so viele Bremsen gehabt."

Und vor allem: "Wir brauchen einen Fußballlehrer."

Der Fußballlehrer, der die Bayern bis Saisonende übernimmt, heißt Jupp Heynckes und wird in anderthalb Wochen 64. Ein erfahrener Trainer, kein Novize wie Klinsmann, der in Hoeneß' Augen ein Schüler bleibt - und dessen Aufbruchstimmung sich schon nach wenigen Tagen auflöste. Bei der Trennung von Jupp Heynckes, der die Bayern von 1987 bis 1991 trainierte und zu zwei Meistertiteln führte, hatte dessen Freund Uli Hoeneß noch "geheult wie ein Schlosshund".

Die Fans sollen mitschuld sein

Strukturelle Schwächen, Zerwürfnisse in der Mannschaft, fehlende Autorität der Trainer, die schwachen Ergebnisse - vieles führte zu Klinsmanns Sturz, aber noch mehr: Auch den Fans gibt die Vereinsführung Mitverantwortung.

Hoeneß spricht oft von der Kurve, die nicht hinter Klinsmann stand, und meint damit die treuesten Fans des FC Bayern München. Rummenigge pflichtet ihm bei: "Offensichtlich hat das Verhältnis nicht so funktioniert."

Karl Hopfner sagte nur ein paar dürre Sätze, als Nachfragen zur Vertragsauflösung kamen. Klinsmanns Anwalt werde sich mit dem FC Bayern bald deswegen in Verbindung setzen. Dass es eine Klausel gebe, die Klinsmann im Falle eines vorzeitigen Dienstendes Extrageld verspreche, sei "völliger Quatsch". Der Finanzvorstand verschwand nach der Pressekonferenz schnell in sein Büro.

Uli Hoeneß nicht.

Noch lange nach der Pressekonferenz stand er mit Sprecher Markus Hörwick hinter der verschlossenen Schranke in der Eingangsflucht des Trainingsgeländes und diskutierte. Es hatte den Anschein, als wolle er dort stehen, als wolle er von den Kameras eingefangen werden, die ihre Objektive weiter auf ihn richteten.

Hoeneß hätte auch zehn Meter weiter nach links oder nach rechts gehen können, um Schutz vor der Öffentlichkeit zu finden, doch er lehnte lässig an einem Absperrgitter vor dem leeren Rasen, auf dem die Profis sonst trainieren. Seine Hände verschwanden mal in der Hosentasche, mal verschränkten sie sich vor seiner Brust, mal fuchtelten sie wild durch die Luft. Es sprudelte nur so aus ihm heraus nach Wochen des Schweigens, nach Monaten der Enttäuschungen.

Am Ende der Konversation blickte er zwei Malern nach, die einen Hubwagen hinter sich herzogen. Lange müssen sie nicht mehr arbeiten, dann sind die neuen Gebäude am Trainingszentrum fertig.

Die Bayern hoffen, das auch ihre größte Baustelle, die Mannschaft, ihre klare Struktur bald wieder findet. Wer sie in der nächsten Saison führen soll? Dazu ist von niemandem Substanzielles zu erfahren; Hoeneß' Sätze über den Bedarf an einem Fußballlehrer sind das Weitestgehende. "Wir haben ganz bewusst keinen Trainer bis heute kontaktiert", sagte Rummenigge.

Chefarchitekt Klinsmann hatte vor lauter Visionen den kurzfristigen Erfolg vergessen und hinterlässt als Team ein unförmiges, unfertiges Knäuel. Zeit, dieses Durcheinander zu entwirren, wollte ihm der Vorstand nicht mehr geben.

Um es mit den Worten von Uli Hoeneß auszudrücken: "Der FC Bayern kann doch keine zwei, drei, vier Jahre warten."

insgesamt 1344 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Schwabenpower 27.04.2009
1.
Zitat von sysopNach nur zehn Monaten haben sich die Bayern von Trainer-Neuling Jürgen Klinsmann getrennt. Warum war der frühere Nationalcoach so erfolglos? Oder lag es gar nicht an Klinsmann?
Wenn man die Meinung vertritt, dass der Fisch vom Kopf her stinkt, kann man nur zu einem Schluss kommen.
Polar, 27.04.2009
2.
Zitat von sysopNach nur zehn Monaten haben sich die Bayern von Trainer-Neuling Jürgen Klinsmann getrennt. Warum war der frühere Nationalcoach so erfolglos? Oder lag es gar nicht an Klinsmann?
Quatsch erfolglos - erst jetzt ist Klinsmann ein richtiger Trainer. Und das ist nur der, der mindestens einmal achtkantig ´rausgeflogen ist. Fragt mal den Osram, der weiß das.
noodl 27.04.2009
3.
Ich denke nicht, dass Klinsi alleine die Schuld trägt. Da hat einfach nichts gepasst - die Ziele waren zu hoch, die Versprechungen zu euphorisch und die Medien zu gnadenlos. Ich bin davon überzeugt, dass Klinsmann ein guter Trainer ist, wenn man ihm Zeit gibt. Diese bekommt man bei Bayern aber nicht. Für die Spielweise, die sich Klinsmann vorgestellt hat, waren einfach nicht die Spieler da. Bayern hat zuvor unter Hitzfeld, Magath und Hitzfeld 2 defensiv gespielt. Die Umstellung war zu groß. Auch die Einstellung macher Spieler sind negativ. Immerhin hat nahezu die selbe Mannschaft letztes Jahr phasenweise Traumfussball gespielt.Und zuguterletzt hatte Bayern dieses Jahr mit ziemlichen Verletzungspech zu kämpfen. An all diesen Faktoren is Klinsmann letztendlich gescheitert, wobei die Medien eine große Mitschuld tragen.
Hercules Rockefeller, 27.04.2009
4. Komisch
Ich wundere mich ein bischen, dass offenbar so derart viel am Trainer hängen soll? Weshalb bekommen dann eigentlich die Spieler die ganzen Millionen und nicht die Trainer? Ausserdem werden doch in unserem Land wenn was schief läuft immer die Arbeiter gefeuert, niemals jemand aus der Leitungsebene. Die Spieler müssten auf Hartz4 und Klinsmann einen Bonus von mehreren Millionen bekommen.
economist1, 27.04.2009
5.
Die Trennung von Jürgen Klinsmann war richtig und logisch, da die von ihm angesprochenen Chemie in der Mannschaft nicht mehr zu stimmen schien. Auch ist Herrn Klinsmann an seinen eigenen hohen Ansprüchen gemessen mehr als gescheitert und daher nicht länger zu halten. Die Schuld der jetzigen Bayern-Misere alleine bei Herrn Klinsmann zu suchen, greift aber zu kurz. In den letzten Jahren hat der Vorstand in Person der Herren Rummenige und Hoeneß dazu reichlich beigetragen. Die strategische Fehlentscheidung der Ablösung des Herrn Magath sowie die fehlende Bereitschaft, das Engagement mit Ottmar Hitzfeld zu verlängern, resultierten ja erst im fatalen und letztendlich gescheiterten Experiment Klinsmann. Für die Zukunft meines FC Bayern sehe ich nicht nur auf der Trainerposition Handlungsbedarf.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.