Klinsmann übernimmt US-Team Reformer und Heilsbringer

Die USA sind begeistert von ihrem neuen Nationaltrainer Jürgen Klinsmann. Der Deutsche erhält alle Freiheiten und soll das Team zur Weltmeisterschaft 2014 führen. Bis dahin gibt es viel zu tun, der Verbands muss dringend reformiert werden, das Team braucht neue Kräfte.

DPA

Von Nils Lehnebach


Im dritten Anlauf hat es geklappt: Schon 2006 und 2010 hatte der amerikanische Fußballverband USSF mit Jürgen Klinsmann verhandelt, Nationalspieler Steven Cherundolo hatte die Verpflichtung vor fünf Jahren sogar schon bestätigt. Jetzt konnten sich Verbandspräsident Sunil Gulati und der 47-Jährige einigen. Wohl auch, weil der USSf auf Klinsmanns Forderungen einging.

"Es gab viele Dinge, in denen Jürgen unnachgiebig war. Dinge, die sich seiner Meinung nach einfach ändern müssen", sagte Ex-Profi Eric Wynalda, der in seiner Karriere auch für Bochum und Saarbrücken spielte. "Der Deal kam nur zu Stande, weil der US-Verband nach langem Zögern bereit war, Macht abzugeben."

Die Erwartungen an den Nachfolger des am Donnerstag entlassenen Bob Bradley sind klar. Klinsmann soll die Strukturen im Verband komplett reformieren. Anders als bei den vergangenen Verhandlungen wurden ihm nun alle Freiheiten zugesichert.

Es wird erwartet, dass Klinsmann die seit Jahren festgefahrenen und alles andere als modernen Strukturen im US-Fußball reformiert - wie zum Beispiel das Scoutingsystem. Laut Gulati hat Klinsmann "die Erfahrung und das Wissen, um unser Programm voranzubringen".

Das er eine solche Aufgabe bewältigen kann, hat der Deutsche beim DFB bewiesen. Dort reformierte er das Umfeld und professionalisierte den Betreuerstab, hob Oliver Bierhoff als Teammanager ins Amt und engagierte Psychologen und Fitnesstrainer. Veränderungen, die sich bewährt haben und die sein Nachfolger Joachim Löw übernommen hat.

Große Versäumnisse im Nachwuchsbereich

Wie Klinsmanns Arbeit beim USSF genau aussehen wird, bleibt abzuwarten. Claudio Reyna, ehemaliger US-Nationalspieler und in der Bundesliga für Leverkusen und Wolfsburg aktiv, könnte sein wichtigster Mitarbeiter werden. Der 38-Jährige arbeitet im US-Verband als Jugendkoordinator. Reyna hat sich ebenfalls mit den Problemen im USSF beschäftigt und ein Konzept entworfen. Es geht um neue Richtlinien für die Nachwuchstrainer im ganzen Land. Und es muss vor allem auch um Personal gehen.

Die U23 der USA, die im kommenden Jahr bei den Olympischen Spielen in London antreten wird, hat keinen Trainer. Die U20 auch nicht. Und die U17 zeigte zuletzt bei der Weltmeisterschaft in Mexiko, dass ihr internationales Format fehlt. Zwar wurde die Vorrunde trotz einer Niederlage gegen Usbekistan (1:2) und einem Unentschieden gegen Neuseeland (0:0) überstanden, im Viertelfinale gegen Deutschland (0:4) war die Mannschaft aber chancenlos.

Klinsmann weiß schon, wo er anpacken will. Seit seiner Trennung von Bayern München im April 2009 arbeitete er nicht mehr als Trainer, beobachtete stattdessen die Spiele der nordamerikanischen Profilga MLS. Zudem arbeitete Klinsmann als Berater des Toronto FC, für den er den Transfer von Torsten Frings einfädelte. Bereits vor geraumer Zeit hatte er festgestellt, dass "die US-Spieler viel härter angetrieben werden müssen - von Trainern, Fans und Medien - wenn sie sich verbessern wollen."

Klinsmann hat genug Zeit, seine Mannschaft dazu zu bringen. Seinen Einstand gibt er am 10. August beim Testspiel gegen Erzrivale Mexiko, anschließend bleiben ihm zehn Monate bis zum Beginn der WM-Qualifikation im Juni 2012. Doch dort wird seine Mannschaft kaum gefordert werden. Die USA sind seit 1990 immer bei den Weltmeisterschaften dabei gewesen, die Konkurrenz im kontinentalen Verband Concacaf ist einfach zu schwach. Drei Startplätze spielen die Länder aus, doch Mexiko ist der einzige ernsthafte Gegner. Die Qualifikation dürfte für den 30. der Fifa-Weltrangliste Formsache sein, Klinsmann wird mit seiner Mannschaft also erst 2014 bei der WM in Brasilien wirklich gefordert werden.

Die Leistungsträger sind in die Jahre gekommen

Bis dahin muss er seine Mannschaft allerdings auch umkrempeln, der Nachwuchs wird benötigt. Die Führungsspieler wie Torwart Tim Howard (32 Jahre alt), Kapitän Carlos Bocanegra (32), die Bundesliga-Profis Steven Cherundolo (32) und Jermaine Jones (29) sowie Stürmer Landon Donovan (29) sind bereits in die Jahre gekommen.

Das Land scheint Klinsmann diese Aufgaben zuzutrauen, in den USA ist die Hoffnung auf Besserung groß. Die großen Zeitungen stehen hinter dem Deutschen, feiern ihn als Heilsbringer.

"Jürgen Klinsmann kann den US-Fußball nach vorn bringen", titelte die "Los Angeles Times" und die Redakteure von "Sports Illustrated" glauben, dass "Klinsmann das US-Team auf allen Ebenen neu definieren kann" und schreiben vom "Beginn einer neuen Ära". Die "New York Times" freut sich auf das "frische Gesicht für den US-Fußball".

"Sein größter Vorteil ist, dass er die Amerikaner besser versteht, als jeder andere ausländische Coach es jemals könnte. Er ist der perfekte Griff", sagte Wynalda.

Unterstützung erhielt Klinsmann auch von Landsmann Dirk Nowitzki. Der NBA-Champion twitterte: "Mein Kumpel Klinsi trainiert das US-Team - wie findet ihr das? Ich denke, es passt für beide Seiten." Ob es passt, wird Klinsmann zeigen müssen. Ausreichend Anlaufzeit hat er in jedem Fall.

Mit Material von sid und dpa

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