Klopp-Interview "Ausländerbeschränkung ist problematisch"

In Mainz setzt Jürgen Klopp verstärkt auf junge deutsche Spieler und hat großen Erfolg. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der 05-Coach über Ausländerbeschränkung, Aufstiegsdramen und Angebote aus der ersten Liga.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Klopp, zweimal ist Ihre Mannschaft kurz vor Schluss gescheitert und mischt dennoch wieder oben mit. Wie haben Sie diese Enttäuschungen verarbeitet?

Jürgen Klopp: Wir haben die beiden Nicht-Aufstiege als wichtige Erfahrungen gewertet und im Aufstiegskampf gemerkt, dass es deutlich mehr Spaß macht, zu gewinnen als zu verlieren. Deshalb kämpfen wir wieder Woche für Woche mit der selben Leidenschaft um einen Sieg.

SPIEGEL ONLINE: Die beiden vorigen Spiele gingen verloren. Was passiert, wenn es auch gegen Cottbus keinen Sieg gibt?

Klopp: Ich verschwende vor einem Spiel keinen Gedanken an eine Niederlage. Wir verlieren nicht den Glauben an unseren Weg, nur weil wir mal zwei Spiele verloren haben.

SPIEGEL ONLINE: Würden Fans und Mannschaft eine weitere Saison in der zweiten Liga emotional verkraften?

Klopp: Ja, unsere Fans mögen die Spieler und den Verein und nicht nur eine erfolgreiche Mannschaft.

SPIEGEL ONLINE: Würde auch Jürgen Klopp eine weitere Saison in der zweiten Liga verkraften?

Klopp: Ganz sicher.

SPIEGEL ONLINE: Bei fast jeder Trainerdiskussion in der Bundesliga taucht aber Ihr Name auf. Reizt Sie nicht die Chance zum persönlichen Aufstieg?

Jürgen Klopp: "Ich bin hier bei Mainz 05 genau an der richtigen Stelle"
DDP

Jürgen Klopp: "Ich bin hier bei Mainz 05 genau an der richtigen Stelle"

Klopp: Ich habe gar keine Zeit, mir über diese Gerüchte Gedanken zu machen. Das, was wir hier in Mainz machen, ist viel zu spannend, als dass ich mich mit so was auseinandersetzen könnte. Außer wenn man mich rausschmeißt, werde ich diese Saison den Verein mit hundertprozentiger Sicherheit nicht verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Reizt Sie die Bundesliga so wenig?

Klopp: Ich habe in keiner Weise das Gefühl, dass ich im Moment etwas verpasse. Ich bin hier bei Mainz 05 genau an der richtigen Stelle. Hier kann ich etwas bewegen, das Gefühl gibt mir die Mannschaft und auch das Umfeld.

SPIEGEL ONLINE: Sehnen Sie sich denn nicht nach 13 Jahren als Spieler und Trainer bei Mainz mal nach einer neuen Umgebung?

Klopp: Mich beschäftigt überhaupt nicht, dass ich schon so lange in Mainz bin. Mich fasziniert diese Entwicklung in den vergangenen zwei Jahren, die niemand diesem Verein zugetraut hätte. Wir alle, vom Präsidenten über das Management bis zum Trainerstab, haben uns getraut, was ganz Neues zu wagen. Das hat funktioniert, wenn auch nicht ganz perfekt. Denn dann wären wir in der Bundesliga.

SPIEGEL ONLINE: Was ist dieses Neue, das Mainz 05 gewagt hat?

Jürgen Klopp: "Wir sind im Moment dabei, Tradition zu schaffen"
DPA

Jürgen Klopp: "Wir sind im Moment dabei, Tradition zu schaffen"

Klopp: Wir haben einen Weg gesucht, der uns von anderen kleineren Vereinen unterscheidet. Wir wollen den Leuten 90 Minuten attraktiven Fußball bieten. Wir wollen gute Laune im Stadion verbreiten und eine außergewöhnliche Identifikation der Fans mit Mannschaft und Verein schaffen. Als wir am Mittwoch mit der Mannschaft im "Wunder von Bern" waren, wurden wir im Kino trotz der letzten Niederlagen wie ein Tabellenführer empfangen. Die Zuschauerzahl hat sich in drei Jahren mehr als verdoppelt, mittlerweile kann jeder in der Stadt die Anfangsformation vom letzten Sonntag aufsagen. Außer Freiburg hat sich keine Stadt in den letzten zehn Jahren so sehr zu einer Fußballstadt entwickelt wie Mainz. Wir sind im Moment dabei, Tradition zu schaffen. Das ist das wahnwitzig Spannende. Bei dieser Sache dabei zu sein, das ist mit Geld nicht zu bezahlen.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht ist Mainz 05 dann ja ganz gut aufgehoben als ewige Spitzenmannschaft der zweiten Liga. Im Oberhaus wäre der Verein schließlich nur eine graue Maus

Klopp: Wenn wir da oben wären, würden wir unsere eigene Rolle finden und unseren Weg gehen.

SPIEGEL ONLINE: Mainz 05 versteht sich als Ausbildungsverein. Begrüßen Sie deshalb die Vorschläge von DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, der kürzlich laut über eine Ausländerbeschränkung zum Schutz deutscher Nachwuchsspieler nachdachte?

Klopp: Das könnte, wenn man maßvoll handelt, eventuell Sinn machen. Ich halte das aber aus politischen Gründen für problematisch. Wenn so etwas passiert, dann muss das auf jeden Fall so vor sich gehen, dass wir hier keine ausländischen Spieler von heute auf morgen vor die Tür setzen, nur weil der deutsche Fußball seine Talente schützen will.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es überhaupt ein Nachwuchsproblem in Deutschland?

Jürgen Klopp über Gerhard Mayer-Vorfelders Vorschlag: "Ich halte eine Ausländerbeschränkung aus politischen Gründen für problematisch"
DDP

Jürgen Klopp über Gerhard Mayer-Vorfelders Vorschlag: "Ich halte eine Ausländerbeschränkung aus politischen Gründen für problematisch"

Klopp: Nein, wir haben meines Erachtens genug junge Talente, man muss sich nur um sie kümmern.

SPIEGEL ONLINE: Bei Mainz 05 stehen die drei U21-Nationalspieler Mathias Abel, Benjamin Auer und Mimoun Azaouagh in der Stammelf. Wie hilft man jungen Spielern, mit dem Druck umzugehen?

Klopp: Wir müssen jungen Spielern genauso Verantwortung übertragen wie jedem anderen auch. Man muss von Nachwuchsleuten genau das fordern, was sie einbringen können. Unterfordern ist da genauso gefährlich wie überfordern. Das einzige, was man im Umgang mit ihnen anders machen sollte: Man muss Formschwankungen akzeptieren, die gehören zur Entwicklung dazu.

SPIEGEL ONLINE: Auer war vor einem Jahr von der Ersatzbank des Erstligisten Mönchengladbach nach Mainz gewechselt. Kann er in der zweiten Liga den ganz großen Durchbruch schaffen?

Klopp: Benni Auer kam mit einem Riesenrucksack hierher. Da stand drauf: größtes Stürmertalent Deutschlands. Das war ein großes Problem für ihn. Wir haben ihm in Mainz Zeit gegeben und tun das noch immer. Er hat sich hier mit nur 21 Jahren auch schon zu einem absoluten Spitzenstürmer in der zweiten Liga mit herausragenden Abschlussqualitäten entwickelt. Er wird seinen Weg gehen.

SPIEGEL ONLINE: Schafft Mainz 05 dieses Jahr den Aufstieg?

Klopp: Wir wollen den Leuten zumindest beweisen, dass man es auch nach zweimaligem Scheitern wieder versuchen kann. Man darf nicht aus Angst vor Misserfolg nicht erfolgreich sein.

Das Gespräch führte Daniel Meuren



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