Knapper Sieg im kleinen Finale Deutschland bejubelt WM-Bronze

Das war knapper als gedacht - aber dafür war die Freude umso größer. Mit 3:2 hat Deutschland Uruguay bezwungen, wie 2006 den dritten Platz erreicht und der Republik gezeigt: Dieses Team will unbedingt nicht mehr nur das kleine Finale gewinnen. Sondern auch ein großes.


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Jubel über Platz drei: Schweinsteiger schelmisch, Löw geschafft
Sie wirkten sehr müde. Völlig fertig. Einfach alle.

Die Spieler der deutschen Nationalmannschaft schlichen bei der Ehrenrunde durch das Nelson-Mandela-Bay-Stadion in Port Elizabeth. Sie bedankten sich artig bei den Zuschauern, klatschten, winkten, doch zum Feiern fehlte ihnen schlichtweg die Kraft.

Aber zumindest lächeln konnten sie. Alle. Sie hatten 3:2 (1:1) gegen Uruguay gewonnen und WM-Platz drei erreicht. Wieder, wie schon vor vier Jahren im eigenen Land.

"Natürlich hatten wir uns alle mehr erhofft, aber letztendlich war auch das Spiel um Platz drei ein Endspiel, das wir unbedingt gewinnen wollten. Wir sind froh, als Sieger vom Platz gegangen zu sein", sagte Sami Khedira, der mit einem Kopfballtor in der 83. Minute den Endstand hergestellt und den Deutschen Platz drei gesichert hatte.

Dabei war die Mannschaft geschwächt ins Spiel gegangen. Ein grippaler Infekt sorgte nicht nur dafür, dass Joachim Löw, der eine zeitnahe Entscheidung zu seiner Zukunft ankündigte, angeschlagen auf der Bank Platz nehmen musste, sondern zwang den Bundestrainer auch zum Umstellen. Und zwar im großen Stil.

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Deutschland vs. Uruguay: Khedira präzise, Müller eiskalt
Für die ebenfalls leicht erkrankten Philipp Lahm und Lukas Podolski kamen Dennis Aogo (linke Verteidigung) und Marcell Jansen (linkes Mittelfeld) ins Team. Jérôme Boateng rückte in der Viererkette dafür nach rechts. Im Tor begann Hans-Jörg Butt für Manuel Neuer, Cacau stürmte für den am Rücken verletzten Miroslav Klose.

Von enttäuschten Halbfinalverlierern war von Anfang an nichts zu sehen. Stattdessen standen sich zwei Mannschaften gegenüber, die unbedingt das "kleine Endspiel" gewinnen und sich mit einem Sieg aus Südafrika verabschieden wollten. Entsprechend begannen sie auch. Kein Abtasten, kein Taktieren, Deutschland und Uruguay setzten voll auf Offensive. In der siebten Minute gab es die erste gute Möglichkeit für die Südamerikaner, doch Diego Forláns direkter Freistoß aus rund 20 Metern ging am linken oberen Toreck vorbei. Auf der Gegenseite war es Arne Friedrich, der nach einer Ecke von Mesut Özil per Kopf nur die Latte traf (10.).

Genauer zielte acht Minuten später Thomas Müller - auch wenn die Situation für den Bayern-Spieler ungleich einfacher war als zuvor für Friedrich. Einen Schuss von Bastian Schweinsteiger aus rund 30 Metern konnte Uruguays Torhüter Fernando Muslera nicht festhalten und ließ ihn nach vorne abprallen. Dort stand Müller und musste den Ball nur noch einschieben (18.). Es war sein fünftes Tor bei dieser WM.

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DFB-Einzelkritik: Müller müllert, Schweinsteiger überall
Uruguay schlug zehn Minuten später zurück: Nachdem zunächst Per Mertesacker vor Forlán (25.) geklärt und Muslera einen Kopfball von Khedira entschärft hatte, glich Edinson Cavani in der 28. Minute aus. Schweinsteiger hatte den Ball im Mittelfeld an Diego Pérez verloren. Der Profi vom französischen Erstligisten AS Monaco schickte Cavani steil, der aus elf Metern halblinker Position ins lange Eck traf und Butt keine Abwehrmöglichkeit ließ.

Das deutsche Team ließ sich nicht beeindrucken und agierte fortan leicht überlegen, ohne sich jedoch eine klare Chance herausspielen zu können. Die gab es auf der Gegenseite. Nach Forlán-Pass stand Luis Suárez, der wegen seines Handspiels im Viertelfinale gegen Ghana bei jeder Ballberührung vom Publikum ausgebuht wurde, in halbrechter Position völlig frei vor Butt, schoss jedoch knapp am langen Pfosten vorbei (42.).

Nach dem Seitenwechsel wurde die zweite Halbzeit zu einer Art Wiederholung des ersten Durchgangs, aber mit umgekehrten Vorzeichen. Zunächst nahm Forlán eine Flanke von Egidio Arévalo Ríos direkt und traf aus rund 15 Metern per Volleyaufsetzer (51.) - ein Traumschuss und erneut keine Chance für Butt. Dafür sah sein Gegenüber Muslera beim zweiten Treffer der Deutschen erneut ganz schlecht aus. Der 24-Jährige unterlief eine Boateng-Flanke, Jansen konnte per Kopf einnicken (56.). Ausgleich, alles war wieder offen.

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Schwarz-rot-goldener Jubel: So feierten die Fans
Nun drehten beide Teams richtig auf. Verlängerung oder Elfmeterschießen wollten sich die Kontrahenten bei diesem Regenwetter wohl nicht antun. Zunächst hatte Özil die große Chance zur Führung, doch anstatt zu schießen, verdribbelte er sich - wie so häufig bei diesem Turnier (58.). Auf der Gegenseite klärte Friedrich gegen Suárez (60.), dann prüfte der Angreifer von Ajax Amsterdam Butt mit einem 20-Meter-Schuss (63.). Der Bayern-Keeper parierte diesen Versuch ebenso wie Forláns Schuss zwei Minuten später.

Forlán knallt einen Freistoß in letzter Sekunde an die Latte

In der Schlussviertelstunde legte die deutsche Elf nach, gab noch einmal Gas, wollte das Spiel entscheiden. Doch was Müller (76.) und dem für Cacau eingewechselten Stefan Kießling (80.) zunächst nicht gelangen, glückte Khedira: der Siegtreffer. Nach Ecke von Özil kam der Ball auf Umwegen zum Stuttgarter, der aus sechs Metern per Bogenlampe ins rechte Eck köpfte (82.). Dieses Mal war Muslera chancenlos.

Anschließend versuchten die Deutschen ihre Führung über die Zeit zu retten - und hätten fast noch den Ausgleich kassiert. In der zweiten Minute der Nachspielzeit foulte Friedrich Suárez, ein Freistoß aus rund 18 Metern und zentraler Position war die Folge. Den knallte Forlán an die Latte.

Glück für Deutschland, Pech für Uruguay, Abpfiff in Südafrika.

Uruguay - Deutschland 2:3 (1:1)
0:1 Müller (19.)
1:1 Cavani (28.)
2:1 Forlán (51.)
2:2 Jansen (56.)
2:3 Khedira (82.)
Uruguay: Muslera - Fucile, Lugano, Godin, Caceres - Maximiliano Pereira, Pérez (77. Gargano), Arévalo Ríos , Cavani (88. Abreu) - Suárez, Forlán
Deutschland: Butt - Boateng, Mertesacker, Friedrich, Aogo - Khedira, Schweinsteiger - Müller, Özil (90.+1 Tasci), Jansen (81. Kroos) - Cacau (73. Kießling)
Schiedsrichter: Archundia (Mexiko)
Zuschauer: 36.254
Gelbe Karten: Pérez - Aogo, Cacau, Friedrich

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Alle deutschen WM-Treffer: Müller müllert, Klose überschlägt sich

insgesamt 729 Beiträge
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MadMad 10.07.2010
1. ...
Zitat von sysopPlatz 3 bei der WM in Südafrika - wie sehen Sie die Leistung des Teams und von Bundestrainer Joachim Löw?
Einen sehr guten Eindruck hinterlassen und Werbung für Deutschland gemacht. Gratulation an Jogi und seine Jungs ! Das machte Appetit auf mehr ! Mad von www.diemeinungen.de
++arthur 10.07.2010
2. Deutschland bei der WM - Ihre Bilanz?
Danke Jungs. Aber: ärgerlich das Spiel gegen Spanien.. da ist man aus Angst wieder in das alte Deutsche Spiel abgerutscht.. das immer so sehr kritisiert wurde.. als zu defensiv.. mutlos.. blutleer mit zu wenig druck.. da sagt der Bundestrainer noch vorher: "Die Spanier machen von alleine keine Fehler." und dann stellt man sich (für mich gefühlt) mit 12 Mann hinten rein.. vorne sollt dann wohl der liebe Gott helfen. meine Bilanz: *War gut, aber für die Zukunft zählt nur noch ein _Titel_.*
derlabbecker 10.07.2010
3. war gut!!!
sehr positiv in meinen Augen. Und die Entdeckung ist ja wohl der Thomas Müller. Selbst im Spiel um Platz 3 rannte der noch in der 90. Minute wie ein Berserker über den Platz. Respekt.
juxeii 10.07.2010
4. ...
Zitat von sysopPlatz 3 bei der WM in Südafrika - wie sehen Sie die Leistung des Teams und von Bundestrainer Joachim Löw?
ich bin immer noch untröstlich für den angsthasen-fußball gegen spanien. ich will den alten rumpelfußball zurück, mit dem hat man wenigstens ein paar titel geholt, sorry :( schön mit dem ball spielen, das kann man auch im zirkus von ein paar bären bewundern.
markus003 10.07.2010
5. Natürlich super ...
... aber was ich dennoch enttäuschend finde und im Nachhinein kann man sehen wie vergesslich der DFB und die Spieler sind, hätte ich es für angemessen gehalten, wenn sie nach dem Spiel Robert Enke in Erinnerung behalten hätten. Schließlich war er vor einigen Monaten die Nummer EINS der deutschen Nationalmansschaft und sollte es auch in dieser WM sein. Und nach der (jetzt muss ich es leider so sehen) scheinheiligen Diskussion nach seinem Tode, waren sie nicht mal in der Lage dazu ... ist leider auch eine Charakterfrage, die hat Lahm in dieser Frage zumindest nicht bewiesen. Aber wir müssen ja alle schön optimistisch nach vorne schauen, nee? Da hätte für mich die Mannschaft wirklich an Sympathie punkten können.
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