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Kölns Ex-Manager Schmadtke: Bilder einer Karriere

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Köln-Sportdirektor Schmadtke Mach et joot, Chaos!

Aufregung, Selbstmitleid, Überhöhung: Köln gilt seit Jahrzehnten als unregierbarer Traditionsclub. Seit Saisonbeginn ist vieles anders beim Zweitligisten, der neue Sportdirektor Jörg Schmadtke hat dem Verein Gelassenheit beigebracht. Wie hat er das nur geschafft?

Eigentlich ist Jörg Schmadtke während seiner ersten Monate beim 1. FC Köln als sehr besonnener Sportdirektor in Erscheinung getreten, aber neulich hat er dann doch für Angst und Schrecken gesorgt. Auf die Frage ob er plane, irgendwann Lukas Podolski zurück an den Rhein zu holen, erwiderte er vielsagend: "Wir werden zu gegebener Zeit mal schauen." Natürlich hat sofort der alte Kölner Superheldenreflex gegriffen: "Aha! Schmadtkes Gedanken zu Poldi", titelte der "Express", während der "Stadtanzeiger" die Schlagzeile "Jörg Schmadtke: Podolskis Rückkehr zum FC möglich" wählte. Ein paar Nostalgiker dürften sich tatsächlich gefreut haben, die Mehrheit der Anhänger schien aber eher entsetzt.

Die Kölner sind nämlich gerade dabei, sich in einen neuen FC zu verlieben. In einen Club ohne die Figuren des Niedergangs. Ohne Podolski, Overath und Daum. In Müngersdorf werden inzwischen Talente wie Yannick Gerhardt, Jonas Hector oder Timo Horn bejubelt, der österreichische Fachmann Peter Stöger überzeugt mit seiner pragmatischen Arbeit, und im Hintergrund zieht der supergelassene Jörg Schmadtke die Fäden.

Den kleinen Podolski-Aufreger mag der neue Sportdirektor nicht weiter kommentieren, er weiß genau, dass jede neue Aussage dazu eine völlig nutzlose Debatte fortsetzt. Lieber verkündet Schmadtke: "Wir arbeiten hier alle im Moment sehr zielgerichtet, mit einer guten Balance zwischen Freude, Spaß und Ernsthaftigkeit."

"Oder es ist gar nicht so extrem"

Es kursiert bekanntlich der Verdacht, dass es in Deutschland keinen Fußballstandort gibt, der stärker kontaminiert ist mit den zerstörerischen Giften des Geschäfts: mit einer fatalen Unfähigkeit zur Selbstkritik, permanenten Indiskretionen, der Glorifizierung vergangener Zeiten und einer maßlos überhöhten Verehrung Einzelner. Nun sitzt Schmadtke in seinem neuen Büro im schicken Verwaltungstrakt des Geißbockheims, wo er seit Juli arbeitet, hebt die Augenbrauen und sagt: "Entweder haben die Dinge sich geändert. Oder die Journalisten warten alle mal ab, schauen und wetzen bereits die Messer. Oder aber, es ist beim FC gar nicht so extrem, wie immer behauptet wurde."

Genau wird der 49-Jährige das erst wissen, wenn er die erste echte Krise erlebt hat, Angst hat er aber nicht vor dem Kölner Wahnsinn, den seit den frühen neunziger Jahren niemand unter Kontrolle bringen konnte. Was aber in jedem Fall neu ist: Mit Schmadtke lenkt nun ein Mann den Club, der eher ein Konfliktlöser als ein Konfliktvermeider ist. Die Presseabteilung hat er beispielsweise angewiesen, nicht mehr jeden Satz aus den Interviews zu streichen, der irgendwie Anstoß erregen könnte. Die Spieler sollen lernen, zu ihren Aussagen zu stehen. "Je komplizierter eine Aufgabe ist, desto interessanter finde ich es, sie zu bewältigen", sagt der gebürtige Düsseldorfer.

Und zu den Widrigkeiten beim FC gehört neben dem schwer zu moderierenden Umfeld ein Schuldenberg von über 30 Millionen Euro, der Handlungsspielraum einschränkt. "Es stimmt, dass wir eine wirtschaftlich schwierige Situation haben", räumt Schmadtke ein, so etwas wie einen Aufstiegszwang gebe es trotzdem nicht. Zumindest nicht in dieser Saison.

Nach einem Drittel der Spiele befindet sich der Club ohnehin auf dem direkten Weg zurück in die Bundesliga, vor dem Spiel am Abend gegen 1860 München (20.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sport1) liegt der FC auf dem zweiten Tabellenplatz. "Hier wurde schon in der vergangenen Saison sehr umsichtig agiert und eine Mannschaft zusammengestellt, an der man arbeiten kann, in der Entwicklungen erkennbar sind", sagt Schmadtke, dem mit der Verpflichtung von Patrick Helmes am Ende des Sommers noch ein echter Coup gelang.

Anecken und ruhig bleiben

Wichtiger ist allerdings, dass Kaderplaner Jörg Jakobs, ein alter Vertrauter des Sportdirektors, bereits im Vorjahr ein Fundament geschaffen hat, das auch durch den überraschenden Rücktritt von Trainer Holger Stanislawski im Sommer nicht erschüttert werden konnte. "Unmittelbar nach dieser Entscheidung war hier schon so ein bisschen Aufregung", berichtet Schmadtke, der damals noch gar nicht in Köln unterschreiben hatte. "Aber jetzt haben wir mit Peter Stöger jemanden mit klaren Vorstellungen, der sehr offen in der Kommunikation ist." Letzteres ist Schmadtke wichtig.

Der Freund offener Worte muss lachen bei diesem Thema, auf das er natürlich ständig angesprochen wird, weil er seinen Vertrag in Hannover auch wegen des dissonanten Verhältnisses zum dortigen Trainer auflöste. "Geprägt hat meine Zeit in Hannover nicht mein Verhältnis zu Mirko Slomka, sondern der vierte und der siebte Tabellenplatz und die sehr erfolgreiche Teilnahme am Europapokal", meint er. Schmadtke eckt zwar an, aber er ist auch ein Meister der Deeskalation. "Wenn die Dinge so gut laufen wie im Moment, dann kann ich in der Ecke stehen und alles beobachten", sagt er, "aber wenn es stürmisch wird, begebe ich mich selbst nach vorne und sage: Bleibt ihr mal ruhig, ich mache das schon."

Eine kleine Kostprobe dieser Strategie hat er den Kölnern beschert, als er die "FC-Euphoriebremse" produzieren ließ . In dem kleinen Video sagt er vor dem Hintergrund asiatischer Entspannungsklänge in einer Art Endlosschleife: "Liebe FC-Fans, ruhig, nur ruhig." Man kann in dem Video sehen, wie viel Spaß er an dem kleinen Gag hat. "Man sagt uns ja nach, nach zwei Siegen sofort die Champions League zu attackieren", sagt er. "Da war das so ein selbstironischer Hinweis darauf, dass wir noch eine sehr lange Strecke vor uns haben." Und Merkmale wie Selbstironie oder Gelassenheit haben dem Kölner Fußball tatsächlich viele Jahre gefehlt.

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