Kolumbien-Trainer Pékerman Mit leiser Leidenschaft

Vier Spiele, vier Siege: Kolumbien tritt bei der WM stärker auf als je zuvor. Vater des Erfolgs ist Trainer José Pékerman. Im Viertelfinale gegen Brasilien trifft er an der Seitenlinie auf einen alten Bewunderer.

AFP

Aus Fortaleza berichtet


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Vor der grauen Wand des Stadiongangs hätte man José Néstor Pékerman auch übersehen können, so geduldig wie unauffällig harrte der Trainer der kolumbianischen Nationalmannschaft dort nach dem Abpfiff des WM-Achtelfinales gegen Uruguay aus. Als er sah, dass sich James Rodríguez mit einem Betreuer näherte, sprang Pékerman aus seiner Deckung hervor und fiel seinem Angreifer um den Hals. Der hatte Kolumbien soeben mit zwei Toren in die Runde der besten Acht geschossen, und Pékerman, nicht gerade ein emotionaler Heißsporn, nutzte den Überraschungsmoment, um sich zu bedanken.

Diese kleine Szene sagt viel aus über das Verhältnis des 64 Jahre alten Fußballlehrers sowohl zu seinen Spielern als auch zu sportlichem Erfolg. Er ist für Pékerman nicht selbstverständlich, sondern mit Disziplin, Arbeit und vor allem den Menschen verbunden, die ihn auf dem Platz möglich gemacht haben. Der Einzug ins Viertelfinale gegen Brasilien (Freitag, 22 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist der bislang größte Erfolg in der Karriere Pékermans, und er ist so überraschend wie logisch.

Darauf, dass Kolumbien bei diesem Turnier überhaupt dabei sein würde, hätte vor wenigen Jahren kaum jemand gewettet. 1998 hatte sich das Team letztmals für eine WM qualifiziert, war in Frankreich aber schon in der Vorrunde an Rumänien, Tunesien und England gescheitert. 14 Jahre später übernahm Pékerman das Amt des Nationalcoaches. Der Argentinier schaffte mit den "Cafeteros" auf Anhieb die WM-Qualifikation. Beim Turnier in Brasilien gewann Kolumbien bisher jedes Spiel - souveräner als alle großen Fußballnationen.

Die kolumbianische Stärke mag viele Beobachter verblüffen, nicht aber das Land selbst. Denn dort hat man die Veränderungen und Entwicklungen der vergangenen zwei Jahre deutlich wahrgenommen. "Seit José Pékerman bei uns ist, hat das Team viele Neuerungen erlebt", sagt die kolumbianische Fußballjournalistin Diana Mórtigo Vélez. "Er hat den Kolumbianern Taktik und Spielstrategien beigebracht, die sie bislang nicht kannten. Und noch wichtiger: Er hat den Profis mentale Stärke geschenkt, sie sind viel selbstbewusster als früher." Erst in diesem Umfeld hätten Spieler wie Rodríguez, Juan Cuadrado und Jackson Martínez richtig aufblühen können.

"Er hat uns die Leidenschaft neu beigebracht"

James Rodríguez ist einer der Stars dieses Turniers, er wurde vom Weltverband Fifa sogar zum bislang besten Fußballer ernannt. Dabei fehlt der ganz Große des kolumbianischen Teams in Brasilien: Radamel Falcao vom AS Monaco, der nicht rechtzeitig von seiner Knie-Operation genesen ist. Der Mannschaft merkt man das nicht an, im Gegenteil. Sie tritt als ballsichere, kompakt organisierte und willensstarke Einheit auf, die sich bisher an jeden Gegner anpassen konnte. Die Angst der Brasilianer vor Pékermans Team ist durchaus begründet.

"Er hat Kolumbien nicht nur gelehrt, wie man anhand von Videos Spiele analysiert oder modernen Fußball spielt, sondern Pékerman wird als derjenige wahrgenommen, der uns die Leidenschaft und Liebe zum Spiel neu beigebracht hat", sagt Mórtigo Vélez. Das liege an seiner Herkunft: Pékerman wuchs in Argentinien auf, einem Land, in dem jeder Junge davon träumt, ein berühmter Fußballer zu werden. Auch Pékerman, geboren in der nordost-argentinischen Provinz Entre Ríos, hatte diesen Traum, doch als Spieler war er nie richtig gut. Mit 28 Jahren musste er seine aktive Karriere beim kolumbianischen Klub Deportivo Independiente Medellín wegen einer Knieverletzung beenden.

Eine Zeit lang schlug er sich in Buenos Aires als Taxifahrer und mit Gelegenheitsjobs durch, sein Traum ließ ihn dabei nie ganz los. Pékerman absolvierte die Ausbildung zum Fußballlehrer und trainierte über ein Jahrzehnt Nachwuchsmannschaften in Argentinien und Chile. Bis ihn 1994 der argentinische Verband als Jugendtrainer engagierte. Dort strukturierte er die Nachwuchsarbeit um, sorgte dafür, dass Ärzte, Psychologen, Physiotherapeuten und Scouts den Trainerstäben angegliedert wurden. Mit den Junioren gewann er drei WM-Titel in Folge.

Eine argentinische Zeitung schrieb über ihn: "Er ist der Meister im Fördern junger Talente und versteht es, den jugendlichen Elan so einzusetzen, dass seine Zöglinge das Spielfeld beherrschen."

Scolari ahmt Stil und Taktik nach

Doch mit dem Fußball der Erwachsenen hatte Pékermann lange zu kämpfen. Von 2004 bis 2006 war er Nationaltrainer seines Heimatlandes. Bei der WM in Deutschland scheiterte Argentinien im Viertelfinale an Gastgeber Deutschland, Pékerman räumte taktische Fehler ein und trat noch am selben Abend zurück. Einer seiner früheren Spieler sagt: "So ist José: konsequent und ehrlich zu sich und anderen."

Deshalb lege er auch heute, als kolumbianischer Nationaltrainer, einen besonderen Wert auf den menschlichen Umgang im Team. Pékerman bemühe sich um eine familiäre Atmosphäre, "in der jeder in seinem eigenen Stolz respektiert wird", sagt der Spieler. Er habe den Trainer als diszipliniert, arbeitssüchtig und fußballverliebt erlebt, "ein bisschen verrückt ist er schon". Es ist wohl diese Mischung, die aus Kolumbien eine Mannschaft werden ließ, die hervorragenden Fußball spielen kann und, befreit vom großen Erwartungsdruck, daran auch Freude hat.

Die Ironie des Schicksals will es, dass Pékerman im Viertelfinale ausgerechnet auf den Trainer trifft, der einst erklärte, seinem Team den Stil und die Taktik Pékermans ans Herz zu legen. Das war 2002 und die Worte kamen vom damaligen wie heutigen brasilianischen Coach Luiz Felipe Scolari. Brasilien wurde 2002 Weltmeister - und Pékermann sei einer der Väter dieses Triumphes gewesen, sagte Scolari.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
nemensis_01 03.07.2014
1. Hoffendlich
hat man Pekermann mitgeteilt, dass der nächste Gegner Brasilien heisst und die Reise damit für ihn zuende ist.
noonecares 03.07.2014
2. schon witzig...
... dass er als argentinier ausgerechnet von scolari, einem brasilianer, so hochgelobt wird. Da sollte man meinen, argentinier und brasilianer "hassen" sich...
Benefit 03.07.2014
3. Nichts ist zu Ende
Zitat von nemensis_01hat man Pekermann mitgeteilt, dass der nächste Gegner Brasilien heisst und die Reise damit für ihn zuende ist.
Das hat man hoffenTlich nicht getan. Die Jungs sind gut drauf und die Brasilianer bisher nicht wirklich überzeugend. Schön reinhängen und alles ist möglich! :)
TBF 03.07.2014
4.
Zitat von sysopAFPVier Spiele, vier Siege: Kolumbien tritt bei der WM stärker auf als je zuvor. Vater des Erfolgs ist Trainer José Pékerman. Im Viertelfinale gegen Brasilien trifft er an der Seitenlinie auf einen alten Bewunderer. http://www.spiegel.de/sport/fussball/kolumbien-gegen-brasilien-trainer-pekerman-vor-dem-wm-viertelfinale-a-978647.html
na dann hoffen wir doch mal, dass pekermann auch dieses mal in einem eventuellen halbfinale seinen wichtigsten Spieler voreilig auswechselt.
karend 03.07.2014
5. Tore
Zitat von sysopAFPVier Spiele, vier Siege: Kolumbien tritt bei der WM stärker auf als je zuvor. Vater des Erfolgs ist Trainer José Pékerman. Im Viertelfinale gegen Brasilien trifft er an der Seitenlinie auf einen alten Bewunderer. http://www.spiegel.de/sport/fussball/kolumbien-gegen-brasilien-trainer-pekerman-vor-dem-wm-viertelfinale-a-978647.html
Ich möchte die Kolumbianer tanzen sehen. Mehrmals in dem Spiel; sogar einmal mehr als Brasilien jubelt.
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