Britischer Humor im Fußball Handgemenge mit Halbfettmilch

Die Briten haben einen speziellen Humor - auch beim Fußball. Er zeigt sich bei Namen von Hobbyteams ebenso wie bei der Faszination für die Manchester-Schlägerei, schreibt Hendrik Buchheister.

José Mourinho
AFP

José Mourinho


Der britische Humor ist so berühmt wie das britische Essen und die britischen Elfmeterschützen, wenn auch aus anderen Gründen. Während Letztere im internationalen Vergleich eher mäßig abschneiden, ist der Humor der Briten weltweit anerkannt. Das wusste ich natürlich schon vor meinem Umzug nach England. Jetzt erlebe ich im Alltag, was diesen Humor eigentlich ausmacht.

Ein paar Beispiele: Ich spiele regelmäßig in einer Fünfermannschaft. Unser Team hat natürlich auch einen Namen, wir heißen: "Riquelme for a dream". An der Namensfindung hatte ich leider keinen Anteil, doch ich habe höchste Bewunderung für den Mitspieler, der sich dieses Wortspiel aus Juan Román Riquelme, dem argentinischen Ex-Fußballer, und dem Drogen-Drama "Requiem for a dream" ausgedacht hat. Genau so gilt mein Respekt demjenigen, dem der Teamname "Neville wears Prada" eingefallen ist.

Der britische Humor ist eher feinsinnig, er verlangt eine gewisse Fachkenntnis und schreit nicht: "LOS, LACHEN!" Anders als in Deutschland, wo Freizeitmannschaften "Juventus Urin" oder "Dynamo Tresen" heißen. Auch lustig. Aber eben anders. Offensichtlicher, aufdringlicher.

Autoren-Info
  • Verena Knemeyer
    Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, sah seine ersten Fußballspiele im alten Wolfsburger VfL-Stadion. Später - als Journalist - war er für den Fußballnorden zuständig. Nachdem es nicht gelang, den HSV in die zweite Liga zu schreiben, folgte der Wechsel nach England: Er berichtet seit August 2017 aus Manchester über britischen Fußball und hofft weiterhin auf eine Karriere als Torwart.

  • Alle Folgen der Kolumne "Life Goals"

Neulich hatten wir mit unserer Mannschaft Weihnachtsfeier. Wir saßen im Pub, schauten Fußball und tranken Bier. Der Laden war ziemlich voll und ein großer Teil der Besucher mit auffallend hässlichen Weihnachtspullovern bekleidet. Ich wusste, dass die Engländer eine Vorliebe für diese Pullover haben, natürlich verkauft auch jeder Premier-League-Verein solche Exemplare mit dem jeweiligen Klubwappen. Aber ich war mir nicht im Klaren darüber, dass man mit diesen Dingern wirklich unter Menschen geht. Das gehört eben auch zum britischen Humor. Dass man über sich lachen kann. Dass man sich nicht zu ernst nimmt.

Ein hübsches Beispiel für diese Selbstironie hat gerade der ehemalige Arsenal-Profi Paul Merson geliefert, der jetzt als Fernseh-Fachmann arbeitet. Bei seiner Analyse sollte er so viele Oasis-Liedertitel wie möglich unterbringen, wovon seine Kollegen natürlich nichts wussten. Anlass für dieses Experiment war der Umstand, dass am gleichen Wochenende Noel Gallagher beim Manchester-Derby sein Debüt als TV-Experte gab. Merson erfüllte seine Aufgabe mit großem Engagement. Und ich versuche mir seitdem vorzustellen, wie Lothar Matthäus in einer Live-Sendung Songtitel von, sagen wir, Heinz Rudolf Kunze in seine Ausführungen einstreut. Es fällt mir schwer.

Selbst die Nachbetrachtung des Duells zwischen City und United war in Teilen humorvoll. Das große Thema war das Handgemenge, das sich die Delegationen der beiden Klubs nach Schlusspfiff im Spielertunnel des Old Trafford lieferten. Die ganze Woche hielt die Aufarbeitung des Geschehens das Land in Atem.

Die Zeitungen rekonstruierten die Auseinandersetzung so detailliert und anschaulich wie eine entscheidende Weltkriegsschlacht. Auch seriöse Häuser informierten ihre Leser mit Freude darüber, dass der Plastikbehälter, der Uniteds Trainer José Mourinho knapp verfehlte, nicht einfach nur Milch enthalten habe, sondern Halbfettmilch, und dass der United-Mitarbeiter, der stattdessen getroffen wurde, jetzt eine stattliche Rechnung bei der Reinigung bezahlen müsse.

Da war er wieder, der britische Humor.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Stäffelesrutscher 16.12.2017
1.
Heinz Rudolf Kunze mit Noel Gallagher zu vergleichen - ist das jetzt britischer oder deutscher Humor?
godelboy 16.12.2017
2. Hertha Hackedichter
Ja, natürlich haben die Briten einen schönen Humor, das merkt jeder aufs Neue, der damit in Berührung kommt. Aber das wäre doch überhaupt mal eine schöne Gelegenheit, einen kleinen Wettbewerb für originelle Kneipenkickermannschaftsnamen zu starten. Manchmal haben schlichtere Namen auch ihren Reiz. Wir hatten seinerzeit Teams wie "Rapid Rückwärts" (in Analogie an das erst später enstandene "Elastische Offensive" übrigens auch schlicht und ergreifend "Vorwärts Rückwärts"), weiterhin "TuS Bacchus", "Lok Lufthoheit" oder "Fools Forest", man erkennt die Ära. Ziemlich alliterationslastig das Ganze, ich erinnere mich trotzdem gerne daran. Was übrigens die Entwicklung der Pubs angeht, tun mir die Briten aufrichtig leid. Ich habe noch die Zeiten erlebt, in dem ein Pint um ein Pfund gekostet hat – heute zahlt man zum Teil das Fünffache. Das tut richtig weh, da hilft nur noch Dichtkunst, hackedicht ist teuer geworden.
Immanuel K. 16.12.2017
3. Hm - dass die Briten...
...über sich selber lachen können und sich selber nicht so ernst nehmen, scheint sich aber nur auf manche Lebensbereiche zu beziehen - beim Brexit und den Verhandlungen darüber, erleben wir gerade das Gegenteil...
bollle 16.12.2017
4. Die kack Briten
sind einfach viel lustiger. Dort haben die Nobelpreisträger in ihren Ehrenreden gefälligst davon zu sprechen, dass ihre Erkenntnisse nur durch Ungeschick und Zufall zustande kamen, und sich das Komitee mit hoher Wahrscheinlichkeit geirrt haben müsse. Sollte sich jemand damit brüsten, hielte man ihn für einen Idioten. Das ist so bewundernswert. Unsere Studentenmannschaft des Fachbereichs Biolologie hieß Lokomotive Pseudopodien.
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