Kommentar 23 Freunde sollt ihr sein

Jürgen Klinsmann hat sich wieder einmal selbst übertroffen: Mit David Odonkors WM-Nominierung überraschte er das ganze Land. Experten meckern, Fans zetern - doch die Auswahl des Bundestrainers ist mutig und logisch - mit einer Ausnahme.

Von


Um kurz nach 13 Uhr war die Welt für die deutschen Nachrichtenagenturen noch in Ordnung. In Berlin zeigte gerade Jürgen Klinsmanns Videobevollmächtigter Oliver Bierhoff ein schickes Filmchen mit den deutschen WM-Fahrern, und alles lief seinen erwarteten Gang. Jens Nowotny grätschte durchs Bild, hatte aber eh jeder erwartet. Fabian Ernst fehlte im Mittelfeld, na ja, dafür fährt ja Sebastian Kehl mit. Und auch Thomas Hitzlsperger hat ja schon für Deutschland gespielt. Dann sprintete David Odonkor über die Leinwand und die Agenturwelt geriet kurz aus den Fugen.

Neu-Nationalspieler Odonkor (im Trikot der U21): Warum eigentlich nicht?
DDP

Neu-Nationalspieler Odonkor (im Trikot der U21): Warum eigentlich nicht?

22 vorbereitete Kurzporträts kamen gestern ab 13.21 Uhr über den Ticker, nur eben Odonkor nicht – zu überraschend war dessen Nominierung durch Bundestrainer Jürgen Klinsmann gekommen. Erst zwölf Minuten später war das Problem behoben. Odonkors Profil (Geboren am 21. Februar 1984 in Bünde, Verein: Borussia Dortmund. Bisherige Vereine: Holsen-Ahle, Bünder SV. Bisherige Länderspiele: keine. Bundesligaspiele: 73 (2 Tore) -  trudelte doch noch ein. Noch überraschter war vielleicht nur der Nominierte selbst, Klinsmann hatte Odonkor am Tag der Entscheidung zum ersten Mal kontaktiert.

Ist das wirklich Klinsmanns Ernst? Da läuft vielleicht ein Profi bei der WM für Deutschland auf, der noch kein einziges A-Länderspiel absolviert hat, der als überhastet gilt und abschlussschwach. Ein Tor in 31 Spielen der vergangenen Bundesliga-Saison - so einer soll der internationalen Konkurrenz Angst machen? Ja, warum denn eigentlich nicht?

Nutella-Star Kuranyi

Es ist eine völlig richtige Entscheidung Klinsmanns, diesen Blitz aus Bünde einzuladen. Odonkor ist zwar nicht torgefährlich, aber wann gab es zuletzt einen derart schnellen Spieler auf der rechten Mittelfeldseite? Zudem passt er perfekt ins Taktikschema das Bundestrainers, das im Wesentlichen darin besteht, frech nach vorn zu spielen und seinem Team Freiheiten zu gewähren. "Mit seiner Frechheit und seiner Schnelligkeit wird er keine Probleme haben, sich bei uns zurechtzufinden", prophezeit Klinsmann. Auch den verletzten Sebastian Deisler kann Odonkor, Sohn einer Deutschen und eines Ghanaers, durchaus ersetzen, das Toreschießen war nämlich auch Deislers Sache nie so richtig.

So richtig wie die Wahl Odonkors ist auch die Entscheidung, die Schalker Kevin Kuranyi und Fabian Ernst nicht zu nominieren. Ernst spielte eine Saison zum Vergessen und war nie so präsent wie noch zu Bremer Zeiten. Und Kuranyi? Dem war zuletzt auch noch dessen einzige Stärke verlorengegangen – das Gespür, zum richtigen Moment vor dem Tor zu stehen. Der Angreifer, im ersten Amtsjahr Klinsmanns noch der torgefährlichste Spieler, trifft nicht mehr, weder im DFB-Team noch im Verein. Nur drei seiner zehn Treffer erzielte er in der Bundesliga-Rückrunde. Präsent ist Kuranyi nur noch im Nutella-Werbespot – mit schon länger Vergessenen wie Andreas Hinkel und Benjamin Lauth.

Nicht mal die Berufung Jens Nowotnys ist sonderlich kontrovers. Der 32-Jährige war mitverantwortlich dafür, dass sich Leverkusen als zweitbestes Rückrundenteam die Uefa-Cup-Teilnahme sicherte. Viel wichtiger ist aber dessen Erfahrung aus 334 Bundesliga- und 45 Länderspielen und die Variabilität, die Nowotny der DFB-Abwehr ermöglicht. Der Verteidiger kann zentral defensiv spielen – bei einer Umstellung der Taktik auf ein 3-4-3 oder 3-5-2 unerlässlich. All das konnten die Mitkonkurrenten um den freien Platz in der deutschen Hintermannschaft (der Kölner Lukas Sinkiewicz und Manuel Friedrich aus Mainz) nicht leisten.

Zudem zeigt ein Blick in die Geschichte deutscher WM-Teams, dass weise Abwehrmänner im fortgeschrittenen Alter nie eine schlechte Wahl waren. Man frage nach bei Thomas Linke (2002) oder Klaus Augenthaler (1990). Beide waren auch jeweils 32 Jahre alt.

Alles in allem entspringt der 23-köpfige Kader der Logik und nicht der Emotion. Sogar Hitzlspergers Berufung ist nachvollziehbar. Der hat zwar keine tolle Saison in Stuttgart gespielt, dafür aber einen starken linken Fuß; über solch einen verfügt im deutschen WM-Kader nur noch Marcell Jansen (Mönchengladbach). Oliver Neuville, dessen Teamkollege bei der Borussia, traf im letzten Länderspiel (4:1 gegen die USA), kam bei Gladbach auf zehn Saisontore und mal ehrlich: Es gibt leider wenige deutsche Stürmer, die besser sind als Neuville.

Am Ball eine Zumutung

Auch Mike Hanke ist es nicht. Und deshalb bleibt es das einzige Rätsel, warum auch der Wolfsburger das Mannschaftsquartier im Berliner Schlosshotel Grunewald beziehen darf. Nur acht Tore hat er in dieser Saison für den Fast-Absteiger aus Niedersachsen erzielt, war zuletzt formschwach und ist dazu noch für die ersten beiden Vorrundenspiele gesperrt. Aber Hanke ist ein Wiedergänger des Spielers Klinsmann – am Ball eine Zumutung, aber kämpferisch Weltklasse. Manchmal schießt der 22-Jährige sogar Tore. Vor allem aber ist er pflegeleicht.

Dieses Kriterium war offenkundig eines der entscheidenden für Klinsmann bei der Auswahl seines WM-Teams, schließlich hat er mit dem zurückgestuften Torwart Oliver Kahn schon einen Problemfall in seinen Reihen. Warum sich also noch einen widerspenstigen Thomas Brdaric (der noch bei der EM 2004 und dem Konföderationen-Cup dabei war), einen latent unzufriedenen Ernst oder einen ständig Ansprüche stellenden Kuranyi ins Boot holen?

Schließlich gilt es, eine "Gemeinschaft" (Klinsmann) zu werden. Denn wenn es etwas werden soll mit dem WM-Titel 2006, müssen des Bundestrainers 23 Spieler Freunde für vier Wochen werden. So wie damals 1954, als es weder eine Blockbildung aus Bayern und Gladbachern (1974) noch eine Legionärstruppe aus Mailändern und Römern (1990) gab, sondern viele Fußballer aus vielen verschiedenen Vereinen, die nicht viel hatten, außer dem realitätsfremden Glauben, irgendwie den Titel holen zu können.

Zum Trainingslager schickt Klinsmann seine Gruppe übrigens nach Genf, 200 Kilometer entfernt von Spiez, wo 52 Jahre zuvor Sepp Herbergers Gemeinschaft während der WM wohnte. Nach dem WM-Titel 1954 ging es aufwärts in diesem Land – auch das hätte heute eine gewisse Logik.

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.