Kommentar Mann ohne Fallhöhe

Von Thomas Lötz


Lothar Matthäus hat in der Nacht auf Montag eine richtige Entscheidung getroffen. Den Posten des Teamchefs bei Eintracht Frankfurt abzulehnen, damit hat der Altinternationale allen gedient. Den Fans, die in der Mehrzahl gegen ihn waren; dem Verein, der die Anti-Lothar-Stimmung seiner Anhängerschaft großherzig ignorierte; vor allem aber hat Matthäus wie immer in seiner Karriere auch an sich selbst gedacht.

Das Risiko, sein erstes Engagement als Trainer oder Teamchef beim abstiegsbedrohten, sogenannten Traditionsverein könne zum Flop geraten, erschien Matthäus als zu groß. Unglaublich, oder? Lothar Matthäus, der ewige Lothar, "Lothar Nazionale", der Mann, der bei der EM im letzten Jahr - wenngleich fälschlicherweise - noch fest davon überzeugt war, die Nationalmannschaft ins Halbfinale führen zu können und danach dem Irrglauben verfiel, mit fast 40 den US-Soccer pushen zu müssen - dieser Mann hat erkannt, einer Aufgabe im Fußball nicht gewachsen zu sein?

Nein. Natürlich muss man die Absage nicht als Eingeständnis der Versagensangst lesen. Matthäus war das Angebot aus Frankfurt einfach nicht standesgemäß genug. Ein abstiegsbedrohter Club, ein mutmaßlich befristeter Vertrag bis Saisonende, eine Stadt, die ihn, das Bayern-Ekel, auf Teufel nicht wollte. So lässt ein 39-jähriger Rekordnationalspieler nicht mit sich umspringen. Matthäus, glaubt Matthäus, verdient es, hofiert, geliebt, vergöttert zu werden. Doch Matthäus hat sich dem Risiko Frankfurt verweigert. Er ist zum Mann ohne jegliche Fallhöhe geworden.



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