Kommentar Um Haaresbreite

Von Till Schwertfeger


Aus dem Fall Christoph Daum ist der tiefe Fall eines Menschen geworden, der immer nach ganz oben strebte - ein Fall ins Bodenlose. Wie kaum ein zweiter der Fußball-Branche hat Christoph Daum in seiner Laufbahn den öffentlichen Showdown gesucht, sich medial inszeniert. Ein solcher Showdown ist ihm jetzt zum Verhängnis geworden. Am 9. Oktober hatte der mit Drogen in Verbindung gebrachte Fußball-Lehrer live via TV angekündigt, durch eine freiwillige Haarprobe seine Unschuld zu beweisen. Doch zwei Wochen später erwies sich die Haarprobe als positiv - der designierte Bundestrainer hat sich damit selbst abgeschossen.

Christoph Daums Lebenstraum, die deutsche Fußball-Nationalelf zu trainieren, die für "Keine Macht den Drogen" wirbt, ist zerplatzt. Dabei verfehlte Leverkusens Erfolgstrainer sein großes Ziel quasi nur um Haaresbreite. Aus der - durch Äußerungen in der Presse auch von ihm selbst ausgelösten - Daum/Hoeneß-Affäre war er als scheinbar unschuldiges Opfer und gleichsam als Sieger hervor gegangen. Schon aus Gründen der Political Correctness musste der DFB jetzt an Christoph Daum festhalten. Aber in Christoph Daums Selbstverständnis sehen richtige Sieger anders aus. Mit der Haarprobe wollte es der geltungssüchtige Parvenü allen zeigen. Doch Christoph Daum pokerte zu hoch.

In der Wissenschaft ist unumstritten, dass Drogen noch lange nach ihrem Konsum in Haaren nachzuweisen sind. Offenbar hatte Christoph Daum schlechte Berater. Oder er leidet an Realitätsverlust. Jetzt sehen sich all jene bestätigt, die den Mann mit den flackernden Augen seit jeher mit Drogen in Verbindung brachten.

In diesem Trauerspiel allerdings gibt es keine Gewinner. Nicht Bayern-Manager Uli Hoeneß, der die schwerste Krise im deutschen Fußball seit dem Bundesliga-Skandal ausgelöst hat. Nicht "Firle-Franz" Beckenbauer, der Christoph Daum jetzt plötzlich einen "kranken Mann" nennt, dem geholfen werden müsse. Nicht Gerhard Mayer-Vorfelder, DFB-Boss in spe, der seine Zukunft eng mit dem Bundestrainer Christoph Daum verknüpft hatte. Nicht die Nationalelf und nicht Bayer Leverkusen, die beide nicht wissen, wer künftig auf ihren Trainerbänken Platz nimmt. Nicht Fußball-Deutschland, Ausrichter der WM 2006, das an Ansehen verloren hat.

Der größte Verlierer aber ist Christoph Daum. Als der erfolgsbesessene Coach 1992 durch einen Wechselfehler seinem damaligen Klub VfB Stuttgart den Einzug in die Champions League vermasselte, war er davon über Monate schwer gezeichnet. Diesmal könnte es noch länger sein.



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