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Weltfußballverband Fifa: Vizes unter Verdacht

Foto: Johannes Simon/ Bongarts/Getty Images

Korruption im Fußball Neue Bestechungsvorwürfe gegen Fifa-Funktionäre

Dem Weltfußball-Verband Fifa droht ein weiterer Skandal: Mindestens drei Mitglieder des jetzigen Exekutivkomitees sollen jahrelang vom ehemaligen Sportrechtehändler ISL/ISMM Millionen an Schmiergeldern bekommen haben.

Der Weltfußball wird erneut von Korruptionsvorwürfen erschüttert: Vor der Entscheidung über die Gastgeber der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 am 2. Dezember liegen Dokumente vor, die Fußballfunktionäre erneut schwer belasten. Mindestens drei Mitglieder des gegenwärtigen Exekutivkomitees des Weltverbandes Fifa sollen über Jahre Millionen an Schmiergeldern vom ehemaligen Sportrechtehändler ISL/ISMM kassiert haben. Es soll sich um folgende Personen handeln:

  • Brasiliens Verbandschef Ricardo Teixeira,
  • Nicolas Leoz aus Paraguay, Chef der südamerikanischen Fußball-Konföderation Conmebol,
  • Issa Hayatou aus Kamerun, Präsident der afrikanischen Konföderation Caf.

Die Fifa wollte sich bis zum Montagabend nicht zu den neuen Vorwürfen äußern. Nur ein Sprecher des brasilianischen Verbandes CBF teilte für seinen Präsidenten Teixeira mit: "Es gibt nichts Neues. Das ist eine alte Geschichte, die aufgewärmt wird, weil wir vor der Wahl von zwei WM-Endrunden sind."

Von Teixiera und von Leoz waren bereits andere Vergehen bekannt gewesen. Neu ist der Name Hayatou. Alle drei sollen am Donnerstag in Zürich über die Vergabe der beiden Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 mitentscheiden. "Schmiergeldempfänger stimmen mit", titelte an diesem Montag der Züricher "Tagesanzeiger".

Der langjährige Fifa-Präsident João Havelange, dessen Tochter einst mit Teixeira verheiratet war, taucht ebenfalls auf der Liste auf. Diese umfasst zwischen 1989 und 1999 insgesamt 175 Zahlungen in einer Gesamthöhe von rund 122 Millionen Schweizer Franken. Die Echtheit des Dokuments, das der Reporter Andrew Jennings in der BBC-Sendung "Panorama" (wird am Montagabend ausgestrahlt) vorstellt, kann als sicher gelten. Denn schon im ISL-Strafprozess im Frühjahr 2008 in Zug hatte Marc Siegwart, einer der Richter, süffisant von 120 Millionen Schmiergeld gesprochen - nun sind es sogar einige Millionen mehr. Auf eine Anfrage der Sendung "Panorama" reagierten Teixeira, Leoz und Hayatou nicht.

Zahlungen liefen über Tarnfirmen und Stiftungen

Gerichtsfest dokumentiert waren bislang weitere 18 Millionen Franken, die von der ISL-Gruppe zwischen 1999 und 2001 an hohe Sportfunktionäre gezahlt wurden. Insgesamt flossen also rund 140 Millionen Franken. Dafür haben diese Top-Offiziellen aus zahlreichen Sportweltverbänden, nicht nur aus der Fifa, der ISL/ISMM Milliardenaufträge verschafft: Sponsorenverträge, Marketing- und TV-Rechte. Die meisten Zahlungen liefen über Tarnfirmen und Stiftungen in zahlreichen Ländern. Das ISL-Korruptionssystem wurde 2008 in einem Strafprozess gegen langjährige ISL-Manager in Zug vor Gericht seziert.

Auch zahlreiche Barzahlungen gehörten zum Geschäft. Einer der ISL-Manager sagte vor Gericht aus: "All diese Zahlungen waren notwendig, um überhaupt Verträge zu bekommen und dass die (Sportfunktionäre, d. Red.) sich dran halten." Ein anderer sagte: "Das war, als wenn man Lohn bezahlen muss. Sonst wird nicht mehr gearbeitet."

Im Juni 2010 war ein Deal zwischen der Staatsanwaltschaft Zug und der Fifa bekannt geworden. Die Fifa zahlte 5,5 Millionen Franken an die Staatskasse - die Ermittlungen wurden daraufhin eingestellt. Die Namen der bestechlichen Funktionäre sollten für alle Zeiten geheim bleiben. Nun sind einige Personen mehr bekannt sowie etliche Firmen und Stiftungen.

Top-Verdiener war der Brasilianer Ricardo Teixeira

Der Korruptionsskandal ist damit auch im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) angekommen. Denn neben Havelange gehört auch Hayatou dem IOC an. Außerdem soll gemäß des Dokuments, das SPIEGEL ONLINE bekannt ist, der Senegalese Lamine Diack Geld kassiert haben. Diack, in seiner Heimat als künftiger Staatspräsident gehandelt, ist seit 1999 Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF und in dieser Eigenschaft IOC-Mitglied.

Top-Verdiener war demnach der Brasilianer Ricardo Teixeira, der von der ISL über Tarnfirmen bis 1999 rund 9,5 Millionen Dollar erhalten haben soll. Weitere 2,5 Millionen, das war seit 2008 bekannt, kassierte er zwischen 1999 und 2001. Teixeiras Vergehen sind unter anderem in Untersuchungsberichten des brasilianischen Parlaments nachzulesen. Doch Teixeira hat zahlreiche Fürsprecher: daheim in der Politik und bei der Fifa Präsident Joseph Blatter.

Erst vor zwei Wochen hatte das brasilianische Magazin "Lance" enthüllt, dass Teixeira als Präsident des brasilianischen Verbandes CBF und Chef des WM-Organisationskomitees 2014 Verträge mit sich selbst abgeschlossen hat. Die WM wird von einer Firma organisiert, die zu 99,9 Prozent dem CBF und zu 0,1 Prozent Teixeira gehört - über die Aufteilung eines etwaigen WM-Gewinns entscheidet aber allein Teixeira, unabhängig von den Gesellschaftsanteilen.

Fifa und IOC von Anti-Korruptionsregeln nicht erfasst

Für Nicolas Leoz, schon seit 1986 Südamerikas Fußballchef und eng mit Teixeira und Havelange verbandelt, sind demnach 864.000 Franken Schmiergeld notiert - zuzüglich jener 211.625 Franken, die schon länger bekannt waren. Die IOC-Mitglieder Hayatou und Diack kassierten wohl vergleichsweise wenig. Hayatou soll 1995 einmal 24.700 Franken in bar erhalten haben, Diack drei Bar-Tranchen, insgesamt 52.680 Franken. Der Schmiergeldbote des ISL-Konzerns, Jean-Marie Weber, arbeitet bis heute für Hayatou und für Diack.

Das IOC und seine Ethik-Kommission haben sich nie mit dieser Thematik auseinandergesetzt und wie die Fifa stets darauf verwiesen, dass der Erhalt von Bestechungszahlungen zwischen 1989 und 2001 in der Schweiz nicht strafbar gewesen sei. Präzise betrachtet ist er das auch heute noch nicht: Zwar würde ein Korruptionsgeflecht, wie es die ISL-Gruppe aufgebaut hatte, heute vom Gesetz über den unlauteren Wettbewerb erfasst und wäre strafbar. Doch Sportfunktionäre und ihre milliardenschweren Konzerne wie Fifa und IOC, die zumeist in der Schweiz residieren, genießen weiter den rechtlichen Status von Vereinen, werden daher von Anti-Korruptionsregeln nicht erfasst.

Der Erhalt von Bestechungszahlungen etwa im Zusammenhang mit der Vergabe der beiden Fußball-Weltmeisterschaften an diesem Donnerstag gilt quasi als vereinsinterne Angelegenheit der Fifa. Vor zwei Wochen hatte die Fifa-Ethikkommission zwei Exekutivmitglieder und vier weitere Funktionäre suspendiert. Darunter waren Amos Adamu aus Nigeria und Reynald Temarii aus Tahiti, die den Anschein erweckt hatten, bestechlich zu sein.

Für den IOC-Patron Havelange ist in den Unterlagen am 3. März 1997 eine Zahlung von 1,5 Millionen Franken verzeichnet. Dies wäre dann ein Dreivierteljahr, nachdem die ISL-Gruppe gemeinsam mit dem Münchner Rechtehändler Leo Kirch für 2,8 Milliarden Franken die TV-Vermarktung der Weltmeisterschaften 2002 und 2006 erworben hatte, geschehen. Im Jahr 1997 sicherte sich die ISL auch die Vermarktung der WM-Sponsorenrechte in Höhe von einer knappen Milliarde Franken.

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