Korruptionsverdacht bei der Fifa Dunkle Flecken im Reich des Sonnenkönigs

Zwei Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees sollen angeboten haben, bei der Vergabe der Fußball-WM ein Bewerberland zu bevorzugen - gegen Geld. Eine Ausnahme? Offenbar wohl nicht: Seit Jahren gibt es Bestechungsvorwürfe rund um den Verband und seinen Präsidenten Joseph Blatter.

Fifa-Präsident Blatter: "Welt braucht keine Anti-Korruptionsorganisation"
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Fifa-Präsident Blatter: "Welt braucht keine Anti-Korruptionsorganisation"

Von Jan Reschke


Es gibt ein Video von Joseph "Sepp" Blatter, das ihn in einem leeren Konferenzsaal zeigt. Im Hintergrund ist eine Bühne zu sehen, die Wände des großen Raums sind weiß gestrichen. Locker sitzt Blatter auf einem der Stühle der hinteren Reihen. Sein Jackett hat er abgelegt, um den Kragen seines weißen Hemds hängt ein Schlüsselband. Er stellt sich vor: Er sei Präsident des Fußball-Weltverbands Fifa und Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees. "Und ich bin der Meinung, dass die Welt keine Anti-Korruptionsorganisation braucht."

Doch damit liegt er augenscheinlich falsch. Nicht nur die Welt bräuchte eine Anti-Korruptionsorganisation, sondern wohl auch sein eigener Verband.

Zwei Funktionäre aus dem mächtigen Fifa-Exekutivkomitee, das unter anderem über die Vergabe der Weltmeisterschaften entscheidet, sollen Reportern der "Sunday Times" angeboten haben, ihre Stimmen bei der Entscheidung über die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 und 2022 zu verkaufen. Die Reporter hatten sich als Lobbyisten für das Bewerberland USA ausgegeben. Unschuldsbeteuerungen des nigerianischen Funktionärs und eines ranghohen Mitarbeiters des Fußballverbands Ozeaniens scheinen zwecklos, denn sie wurden dabei auch noch auf Video aufgenommen.

Die Fifa will die Vorgänge untersuchen. In einem offenen Brief an das Exekutivkomitee sprach Blatter von einer "unangenehmen Situation". "Die Informationen, die in dem Artikel stehen, haben eine negative Wirkung auf die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022", schrieb der 74-Jährige. Die Fifa habe umgehend das Material von der "Sunday Times" angefordert. Sobald die Dokumente vorlägen, werde die Fifa zusammen mit der Fifa-Ethikkommission den Fall prüfen.

Doch ob der Verband das richtige Organ dafür ist, scheint zweifelhaft. Denn seit Jahren ranken sich um die Vergabe von Weltmeisterschaften oder TV-Rechten und die Präsidentenwahl Gerüchte um korrumpierte Entscheidungsträger.

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Weltfußballverband Fifa: Sepp Blatter und seine Vizes

  • Im Frühjahr 2008 mussten sich sechs ehemalige Manager der Sportmarketinggruppe ISL/ISMM wegen der Zahlung von 138 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld an hohe Sportfunktionäre verantworten. Mit den Zahlungen wollten die Männer an milliardenschwere TV- und Marketingverträge gelangen. Auch die Fifa war betroffen. Der ehemalige ISL-Finanzchef Hans-Jürg Schmid erklärte damals vor Gericht: "Ansonsten wären diese Verträge von der anderen Seite (unter anderem die Fifa, Anmerkung der Redaktion) nicht unterschrieben worden." Offenbar sind derartige Verfahren bei der Rechtevergabe üblich. Christoph Malms, einst ISMM-Verwaltungsratschef sagte: "Diese Praxis war unerlässlich, sie war branchenüblich, sie gehörte zum Stil des Geschäfts. Ohne das geht es nicht."

    Im Mai 2010 erklärte die Schweizer Staatsanwaltschaft Zug: "Ausländische Personen von Fifa-Organen kamen bis ins Jahr 2000 in den Genuss von Provisionen, die von der ISMM/ISL-Gruppe ausgeschüttet wurden." Und weiter: "Die Zahlungsadressaten unterließen es, die Gelder an die Fifa weiterzuleiten und verwendeten die Vermögenswerte für ihre eigenen Zwecke." Die Konsequenzen hielten sich in Grenzen. Die beteiligten Funktionäre leisteten eine "Wiedergutmachungszahlung" von 5,5 Millionen Euro, das Verfahren wurde im Juni eingestellt.
  • Doch offenbar wurde in der Vergangenheit nicht nur bei der Vergabe von Sportrechten gemauschelt. Was der aktuelle Fall nahelegt - Stimmen gegen Geld - soll bei der Vergabe der WM 2006, die letztlich in Deutschland stattfand, tatsächlich geschehen sein. Besonders der Neuseeländer Charles Dempsey stand unter dem Verdacht, beeinflusst worden zu sein. Bei der finalen Abstimmung, ob das Weltturnier in Deutschland oder Südafrika stattfinden sollte, gewann Deutschland 12:11, bei 24 stimmberechtigten Mitgliedern des Exekutivkomitees. Bei Stimmengleichheit zählt die Stimme des Fifa-Präsidenten doppelt. Doch dazu kam es nicht, es gab eine Enthaltung - Dempseys.

    "Den Hauptausschlag für meine Entscheidung gab, dass im Kreis meiner Fifa-Kollegen gemunkelt wurde, der Dempsey nimmt Geld von Südafrika. Dem wollte ich mit der Enthaltung entgegentreten", sagte der Neuseeländer damals der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Allerdings wollte er auch "nicht tolerierbaren Druck durch einflussreiche europäische Interessengruppen" wahrgenommen haben.

"Wir haben einen Geldbetrag angenommen"

Von derartigen Vorwürfen wird die Fifa schon lange begleitet. Derjenige, der für die größte Transparenz und Aufklärungsarbeit sorgen könnte, muss sich selbst immer wieder des Vorwurfs erwehren, Wahlen zu seinen Gunsten zu beeinflussen - Fifa-Präsident Joseph Blatter. Als Präsident ist er oberster Chef einer Organisation mit 208 Mitgliedsverbänden. Bei der Wahl Blatters 1998 und 2002 soll nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein.

2002 berichtete die "Daily Mail", Blatter solle sich 1998 seine Wahl erkauft haben. Mohiadin Hassan Ali, ehemaliger Vizepräsident des somalischen Verbands, erklärt damals, Schmiergelder entgegengenommen zu haben. "Wir haben einen Geldbetrag angenommen, um im Namen des Verbands von Somalia für J.S. Blatter bei der Fifa-Präsidentenwahl in Paris zu stimmen", stand in dem Bekenntnis, das der "Daily Mail" vorlag.

"Über Nacht 30 Stimmen verloren, da muss etwas passiert sein"

Der somalische Verbandspräsident Farah Addo erklärte in einer Stellungnahme im Schweizer Fernsehen, man habe ihm unmittelbar vor der Wahl insgesamt 100.000 Dollar geboten, wenn er für Blatter und nicht für den Schweden Lennart Johansson, Blatters Konkurrenten, stimme. Das Geld sei von einem arabischen Fifa-Exekutivmitglied überreicht worden. Blatter sagte dazu: "Farah Addo ist Verbandspräsident von Somalia und eine zwielichtige Gestalt."

Schon damals gab es Zweifel an der Korrektheit der Wahl. Der unterlegene Johansson hatte seinerzeit erklärt: "Wir haben über Nacht 30 Stimmen verloren, da muss etwas passiert sein." Später nahm er seine Vorwürfe aber wieder zurück und erklärte, "nie derartige Bestechungsvorwürfe" gegen Blatter erhoben zu haben. Blatter selbst wies stets alle Vorwürfe "in aller Form vehement zurück".

Auch Blatters Wiederwahl 2002 wurde von Vorwürfen begleitet. Der ehemalige Fifa-Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen warf Blatter Korruption, Betrug, Vetternwirtschaft, Amtsmissbrauch und finanzielles Missmanagement vor. Elf Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees hatten Blatter angezeigt, die Mehrheit von ihnen die Klage nach Blatters Wiederwahl im Mai 2002 aber zurückgezogen. Die für den Kanton Zürich, wo die Fifa ihren Hauptsitz hat, zuständige Bezirksanwaltschaft teilte im Dezember 2002 mit, dass Blatter kein strafbares Verhalten unterstellt werden könne.

Im Juni 2011 möchte sich Blatter erneut wählen lassen. Seine Mission, die Fifa noch besser aufzustellen, sei "noch nicht beendet".



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Trashosaurus 17.10.2010
1. Wenn wunderts
Wundert es noch jemand das in einem internationalen Konsortium, in welchem ein machtgeiler alter Schweizer herrscht, wie ein afrikanischer Diktator, die kleineren Räder der Entscheidungskette ebenfalls dem großen Zampano nacheifern? Blatter verkörpert wie kein zweiter, dass die FIFA und die von ihr vergebene WM zu aller erst im Interesse des Geldes handelt. Der Fussball / Sport, diejenigen die ihn betreiben und diejenigen welche ihn anschauen müssen hinter monetären Interessen zurücktreten. Außerdem gilt für die Fifa das gleiche wie für andere internationale Verbände und Organisationen. Man schaue sich das Gemauschel und die Korruption in der internationalen Walfangbehörde (IWC) oder das gebaren des IOC (Olympische Spiele) an. Hier werden die systematisch die Stimmen von afrikanischen und karibischen Staaten gekauft. Dagegen unternommen wird wenig. Es wäre doch sehr sinnvoll, solchen Staaten für 2-4 Jahren die Mitwirkung bei Entscheidungen zu verbieten, wenn Sie der Bestechung bzw. Vorteilnahme überführt werden.
ratxi 17.10.2010
2. Wieso?
Zitat von sysopHochrangige Fußballfunktionäre stehen unter dem Verdacht, ihre Stimmen zur WM-Vergabe zu verkaufen. Schon in der Vergangenheit gab es Gerüchte um korrupte Fifa-Funktionäre. Glauben Sie, dass in der Fifa unabhängig entschieden wird?
Jeder nimmt doch, was er kriegen kann. Ist es nicht das , was wir alle von klein auf lernen?
.link 17.10.2010
3. ach...
...Deutschland hat die WM doch auch nur aufgrund eines kleinen aber feinen Geschenkkorbes bekommen ;)
Koltschak 17.10.2010
4. "Mitgliedern ist es untersagt, Dritte zu bestechen"
Vielleicht haben ja Persohnen ohne Glied versucht die Funktionäre zu kaufen. Dann wäre es ja Rechtens.
ricocoracao 17.10.2010
5. .
..bei der FIFA und auch dem IOC ist das doch normal, wieso nun diese Aufregung ?
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