Kraut im Feindesland, Teil II Heiliger Bimbam, der Engländer!

Eine hippe Party bei schalem Bier, der glorreiche EM-Auftritt der Keegan-Truppe, charmante Beleidigungen und die Rettung in Form eines schottischen Taxifahrers.

Von Christiana Clapcich


London - Nach meinen Erfahrungen am vergangenen Wochenende dachte ich mir, es wäre doch ganz nett zur Abwechslung mal mit Engländern - will sagen meinen Kollegen - auszugehen. Gesagt getan, gab es doch eine "wahnsinnig tolle" MTV-Party in irgendeinem hippen Club. Endlich mal etwas anderes als schale Biere im Pub - aber vor allem endlich mal andere Gesprächsthemen als Fußball und Deutschland und Deutsche im Fußball.

Dachte ich!!!!!

Wie um Himmels willen kam ich auch auf die absurde Idee, dass den Engländer an und für sich derzeit etwas anderes interessiert als dieses EINE Spiel am Samstag.

O.k. - bis gestern war es vielleicht Olympia und das "sensationelle" Abschneiden der englischen Mannschaft. Platz zehn im Medaillenspiegel, ordentlich zwar, aber irre ich mich hier? Wo sind wir doch gleich gelandet? Ach ja, Platz fünf, beste europäische Nation, ich hatte das fast schon vergessen.

Clapcich: Alles bestens bis die reizende Kollegin in die Runde feuerte
SPIEGEL ONLINE

Clapcich: Alles bestens bis die reizende Kollegin in die Runde feuerte

Aber mal ehrlich, kein Engländer hätte mich wegen irgendeiner deutschen Medaille angepöbelt. Beim Fußball hört das berüchtigte Fair Play der Engländer auf - na ja, außer sie spielen gegen Südkorea oder Kamerun vielleicht.

Ich bin schon wieder vom eigentlichen Thema weg. MTV-Party also: Man möchte meinen, die dort versammelten "wichtigen" Menschen hätten andere Gesprächsthemen als das Spiel am Samstag. Weit gefehlt!

Ich stand dort also wieder mal mit meinem schalen Bier inmitten einer Gruppe Engländer, die gar nicht gemerkt haben, dass ich Deutsche bin (doch kein Tattoo auf der Stirn, hurra!) - bis meine reizende Kollegin Liz in die Runde feuerte: "Christiana ist übrigens Deutsche und Fußballfan." Danke Liz, geh' morgen früh direkt in den Keller und tüte das Mailing ein.

Was soll ich sagen, es kam, wie es kommen musste, aber wenigstens hatten DIE Jungs ihre Wortwahl unter Kontrolle. Ein belustigtes "Ha, ha" und "Ho, ho"... Ich würde doch nicht ernsthaft glauben, dass wir am Samstag gewinnen. Erstes Tor Scoles, zweites Heskey! Ob ich denn die EM verfolgt hätte?

Welch eine bescheuerte Frage. Klar habe ich! Habe zwei grottenschlechte Mannschaften bei einem miserablen Fußballspiel zusehen müssen. Da hätten sie uns gezeigt, wer wirklich Fußball spielen könne. Hätten sie uns doch nach 34 Jahren endlich wieder glorreich besiegt, und das würde jetzt immer so bleiben.

Heiliger Bimbam! Lasst sie in dem Glauben, die Engländer. Glorreich besiegt, so, so. Sind denn die nicht auch in der Vorrunde ausgeschieden? Aber das ist ja dann eigentlich egal, geht es doch lediglich darum, den "old enemy" zu schlagen - wenn man daraufhin selber rausfliegt... Menschenskind, englische Logik eben.

In solchen Fällen pflege ich gewöhnlich zu tun, was schlaue Frauen so machen: Ich grinste die Jungs lediglich freundlich an, meinte nur "take it easy", ging an den Tresen, holte mir ein weiteres schales Bier und kam mit jemand anderem ins Gespräch. Das Thema? Was soll ich sagen, man kann es ahnen.

Der lauschige Abend auf der MTV-Party endete in einer Taxifahrt durchs nächtliche London. Mein Cabby in dieser Nacht war übrigens ein Schotte. Hatte ich bereits erwähnt, wie sehr ich die Schotten mag!



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.