Krise bei St. Pauli Willi Reimann wirft hin

Was ist los auf dem Kiez? Die Mannschaft steckt im Abstiegssumpf, die Lizenz ist in Gefahr, Sponsoren suchen das Weite. Jetzt ist auch der Trainer beim Zweitligisten ausgestiegen.


Willi Reimann: "Kann die Erwartungn nicht erfüllen"
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Willi Reimann: "Kann die Erwartungn nicht erfüllen"

Hamburg - Mit der Trennung von Trainer Willi Reimann am Dienstagnachmittag hat die Krise beim Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli einen neuen negativen Höhepunkt erreicht. Der 50 Jahre alte Coach und der Club trennten sich mit sofortiger Wirkung am Dienstagnachmittag. Nach einem mehrstündigen Vier-Augen-Gespräch mit Präsident Heinz Weisener sah der Trainer keine Perspektive mehr für eine erfolgreiche Arbeit bei dem hochverschuldeten Kiezclub. Daraufhin wurde der bis Saisonende laufende Vertrag in beiderseitigem Einvernehmen sofort aufgelöst. Weisener zahlt weiter das Gehalt bis 30. Juni.

"Ich sehe mich nicht in der Lage, mit den finanziellen Möglichkeiten des Vereins die Erwartungen in Hamburg zu erfüllen", sagte Reimann, ehemaliger Profi des Hamburger SV und von Hannover 96, zur angespannten Lage des Clubs. Für die Lizenzerteilung zur kommenden Saison hat der Verein einen Sparetat von nur 10,5 Millionen Mark beim Deutschen Fußball-Bund vorgelegt. Der Schuldenberg wird bis Saisonende auf 6,2 Millionen Mark angewachsen sein. Das Team steht derzeit auf dem 14. Platz und damit lediglich einen Rang vor den Abstiegsrängen. Dennoch wird man sich im nächsten Jahr von Leistungsträgern trennen müssen, deren Gehälter nicht mehr zu bezahlen sind. Nachfolger von Reimann, der als 240. Trainer in der Geschichte der eingleisigen zweiten Bundesliga seit ihrem Bestehen in der Saison 1981/82 vorzeitig seinen Job beenden musste, soll zunächst der bisherige Assistent Dietmar Demuth werden.

"Ich hatte eine sportlich schöne Zeit", sagte Reimann, der am 1. Februar 1999 seinen Job am Millerntor angetreten und die Mannschaft vor dem Abstieg in die Regionalliga bewahrt hatte. "Die Probleme jetzt lagen nicht am Angebot an mich, sondern nur an der Situation des Vereins insgesamt." Als Trainer für die nächste Spielzeit ist neben dem Ex-Pauli-Mittelfeld-Regisseur Peter Knäbel auch Franz Gerber im Gespräch. Der 46-Jährige, der zwischen 1972 und 1988 insgesamt sechs Jahre das Pauli-Trikot trug, war zuletzt für Zweitligist Hannover 96 als Manager tätig, verhalf den Niedersachsen in der vergangenen Saison aber auf dem Trainerposten fast zum Erstliga-Aufstieg. Seit der Winterpause spielt bereits Gerbers Sohn Fabian für St. Pauli.

Elf Verträge des momentanen sportlichen Personals laufen am Ende dieser Spielzeit aus. Dies gibt dem Verein zum einen die Möglichkeit, Gehälter einzusparen, zum anderen sind Top-Verdiener wie Marcus Marin kaum zu ersetzen. Eine Zwickmühle, die keine Hoffnung auf bessere Zeiten macht. Zumal Gespräche mit den sich latent in Rettungsposition befindlichen Vermarktern Sportwelt und Sport A gescheitert sind. Selbst ein Hauptsponsor für die nächste Saison ist noch nicht gefunden.



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