Krise beim DFB Theo gegen den Rest der Welt

Erst der Wettskandal, dann der Löw-Streit: Dauerquerelen erschüttern den Deutschen Fußball-Bund - und Präsident Theo Zwanziger ist mit seinem Krisenmanagement dafür mitverantwortlich. Vor allem die Amerell-Affäre ist ihm völlig aus dem Ruder gelaufen.

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Berlin - Selbst aus dem fernen Portugal kommen in dieser trüben Woche keine guten Nachrichten für den Deutschen Fußball-Bund. Die Frauen-Nationalelf kehrte mit einer Testspielniederlage gegen die USA von der Algarve zurück. Ihre männlichen Kollegen schafften es anschließend, in 90 Minuten nicht eine brauchbare Torchance gegen Argentinien zu generieren. Siege der beiden deutschen Vorzeigeteams hätten allerdings auch nicht ins derzeitige Bild des DFB gepasst. Wettskandal, Vertragsstreit, Schiedsrichteraffäre - der größte Fußballverband der Welt steckt drei Monate vor der Weltmeisterschaft in einer fundamentalen Krise. Es ist die Krise seines Vorsitzenden Theo Zwanziger.

Querelen, Intrigen, Dilettantismus, Führungschaos, Schmutzkampagne - die Worte, die derzeit täglich über den DFB zu lesen sind, erinnern an vergangene Tage, als dem Verband der Ruch einer Geheimloge anhaftete, konspirativer noch als das SED-Politbüro in Ostberlin. Theo Zwanziger war eigentlich angetreten, das Dickschiff des deutschen Sports zu modernisieren, schlanker, wendiger zu machen. Zwanziger hat Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff zum DFB geholt, er hat gegen Diskriminierung gepredigt, er hat Preise bekommen, weil er das Thema Homosexualität im Fußball auf die Tagesordnung setzte. Er hat zum Tod Robert Enkes eine viel beachtete Rede gehalten.

Noch im vergangenen Herbst galt er als Erneuerer, seitdem jedoch ging so ziemlich alles schief. Und Theo Zwanziger hat kräftig dazu beigetragen.

Verhältnis zur sportlichen Leitung angeknackst

Den Wettskandal im europäischen Fußball, der im November über den DFB hereinbrach, hat er zunächst kleingeredet, dann rückhaltlose Aufklärung versprochen. Seitdem war nur noch wenig von ihm zu diesem Thema zu hören. Im Dezember dann hat Zwanziger vorzeitig die Vertragsverlängerung per Handschlag mit Bundestrainer Joachim Löw verkündet - zwei Monate später kam es auf der DFB-Präsidiumssitzung zum großen Krach und zur Verschiebung der Vertragsunterzeichnung.

Der anschließende Friedensschluss von Frankfurt, zu dem sich alle Beteiligten nach außen als geläutert präsentierten, hat die tiefen Verstimmungen nur mühsam überdeckt. Das Verhältnis des DFB zur sportlichen Leitung, zu Löw und Bierhoff, ist schwer angeknackst und die WM-Vorbereitung empfindlich gestört. Wenn die Weltmeisterschaft in Südafrika für die deutsche Auswahl zur Pleite wird, wird man sich an die Verwerfungen vom Februar erinnern.

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Schiedsrichter-Skandal: Die Akteure um Amerell und Kempter

Die Schiedsrichteraffäre schließlich ist dem DFB und seinem Präsidenten völlig aus dem Ruder gelaufen. Erst versuchte man, den Amerell-Rücktritt der Öffentlichkeit mit gesundheitlichen Gründen zu verkaufen. Als Details der tatsächlichen Hintergründe durchsickerten, hüllte sich der DFB erst tagelang in Schweigen, um dann umso massiver Amerell zu belasten. Es gehe darum, das "Schweigekartell" zu brechen, hat Zwanziger begründet, warum der Verband seinen früheren Schiedsrichtersprecher ungewöhnlich schnell der sexuellen Belästigung bezichtigte.

Die Fachwelt war höchst irritiert, und nicht nur Bayern-Boss Karl Heinz Rummenigge fragte sich, "ob das denn nötig" gewesen sei. Amerells Anwalt spricht von einer "Hetzkampagne und Rufmord".

Zwischendurch erklärte Zwanziger die Affäre kurzerhand für beendet - nur um anschließend wiederholt in der Öffentlichkeit mit weiteren Informationen nachzulegen. Seitdem kommen fast täglich intime Details um Amerell und Konsorten ans Tageslicht. Wer in dieser Sache wann wie schuldig geworden ist, scheint mehr und mehr fraglich. Der Beschuldigte selbst legt einer außergerichtlichen Einigung mit dem DFB zum Trotz nach und fährt medienträchtig bei "Kerner" schwere Geschütze auf. Amerell will sämtliche Schiedsrichter verklagen, die ihn belasten. Statt den Deckel über das Schiedsrichterunwesen zumachen zu können, wie Zwanziger das wollte, wird die Affäre nur noch größer statt kleiner.

Der Kollateralschaden ist längst da: In der Debatte werden Homosexualität und sexuelle Belästigung mittlerweile vermengt. Der DFB-Präsident, der Schwulsein im Sport enttabuisieren wollte, hat dazu beigetragen, dass sich das Tabu verfestigt.

Verbandsdinge werden persönlich genommen

Viele fragen sich, warum Zwanziger so gehandelt hat. Doch in der Schiedsrichteraffäre wiederholen sich einmal mehr Muster der Amtsführung Zwanzigers. Der frühere CDU-Politiker wirkt in der Außendarstellung zwar väterlich, liberal, pastoral geradezu. Aber er handelt auch immer wieder sprunghaft, emotional, aufbrausend. DFB-Mitarbeiter berichten davon, wie sehr er aus der Haut fahren kann, wenn Dinge nicht in seinem Sinne laufen. Verbandsangelegenheiten macht er gerne zu persönlichen Anliegen, persönliche Angelegenheiten zu Verbandsdingen. Alles ist Chefsache.

Dem DFB-Boss Zwanziger, so scheint es, gehen zuweilen die Gäule in einer Art durch, die dem Volljuristen Zwanziger das Grausen einflößen würde. Vor zwei Jahren verzettelte er sich, für viele im DFB nicht nachvollziehbar, mit dem Journalisten und Blogger Jens Weinreich in einem Rechtsstreit, der zunehmend Züge eines Kleinkriegs annahm. Schon damals verknüpfte er den Ausgang des Rechtsstreits mit seinem persönlichen Schicksal - ähnlich wie er es jetzt im Fall Amerell wieder getan hat.

In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" zum Vertragsstreit mit Löw und Bierhoff hat der DFB-Präsident im Februar gesagt: "Wir leben halt nicht in einer heilen Welt, es gibt Eitelkeiten, Begehrlichkeiten, Befindlichkeiten." Theo Zwanziger trägt einiges dazu bei, dass dem so ist.

insgesamt 366 Beiträge
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Knütterer, 04.03.2010
1. Zwanziger hat....
Zitat von sysopDer Fall Amerell sorgt seit Wochen für Wirbel, auch der Vertrag von Bundestrainer Joachim Löw wurde noch nicht verlängert. DFB-Präsident Theo Zwanziger steht in der Kritik. Wie bewerten Sie seinen Umgang mit diesen Personalien?
.. sich hier nach meiner Einschätzung völlig falsch und grottenschlecht gezeigt! Solch eine Aktion schadet ihm auf dem Zenit seiner Karriere deutlich!
Justitia 04.03.2010
2.
Zitat von sysopDer Fall Amerell sorgt seit Wochen für Wirbel, auch der Vertrag von Bundestrainer Joachim Löw wurde noch nicht verlängert. DFB-Präsident Theo Zwanziger steht in der Kritik. Wie bewerten Sie seinen Umgang mit diesen Personalien?
Zwanziger hat mit Amerell eine aussergerichtliche Einigung erzielt, die einem Sieg im nun abgeblasenen Rechtsstreit mit Amerell nahezu gleich kommt. Damit Punkt für Zwanziger. In der Sache Löw/Bierhoff hat er den beiden gezeigt, daß sie die Angestellten sind und er die Arbeitgeberseite vertritt und dementsprechend die Rollenverteilung auch bleibt. Da eine Fortführung des Vertrags mit Löw bei einem peinlichen Verlauf der WM für die NM eh nicht sinnvoll wäre, hat auch hier Zwanziger richtig gehandelt. Damit ein weiterer Punkt für Zwanziger. Meiner Meinung nach kann man Zwanziger lediglich vorwerfen, daß er zu einem früheren Zeitpunkt Löw bereits eine Verlängerung des Vertrags angeboten hatte. Dies fand ich eher ungeschickt, den Verlauf der WM hätte er abwarten sollen.
paretooptimal 04.03.2010
3. DFB sollte Konkurrenz bekommen
Zitat von sysopDer Fall Amerell sorgt seit Wochen für Wirbel, auch der Vertrag von Bundestrainer Joachim Löw wurde noch nicht verlängert. DFB-Präsident Theo Zwanziger steht in der Kritik. Wie bewerten Sie seinen Umgang mit diesen Personalien?
Der DFB hat sich seit Jahrzehnten zu einer Hydra entwickelt, wo jeder Funktionär sein eigenes Süppchen kochen will. Wichtig sind die aktiven Fußballer und nicht der übermächtige Verband. Man sollte über einen neu zu schaffenden konkurrierenden Verband nachdenken, der dem DFB Paroli bieten kann.
simonleipzig 04.03.2010
4. Sieg für Zwanziger im Fall Amerell
Zitat von sysopDer Fall Amerell sorgt seit Wochen für Wirbel, auch der Vertrag von Bundestrainer Joachim Löw wurde noch nicht verlängert. DFB-Präsident Theo Zwanziger steht in der Kritik. Wie bewerten Sie seinen Umgang mit diesen Personalien?
Zwanziger hat im Fall Amerell (wie auch in vielen anderen schwierigen Fällen) mit Augenmaß aber auch einer klaren Linie gehandelt. Das spricht eindeutig für ihn und für ein Ende des Unter-die-Decke-kehrens von MV (der das ja jetzt in der Presse erst wieder gefordert hat). Zwanziger konnte sich mit den eidesstattlichen Erklärungen von vier jungen Schiedsrichterkollegen sicher sein, dass die Vorwürfe von Michael Kempter in Sachsen sexueller Belästigung der Wahrheit entsprechen. Amerell hatte damit keine Wahl: Er musste seine Klage zurückziehen, nun darf jeder die entsprechenden Vorwürfe wiederholen. Ich bin sehr gespannt, wie er sich da heute abend bei Kerner in SAT 1 aus der Affäre ziehen will. Übrigens hat das Ganze überhaupt nichts mit der Frage zu tun, ob Michael Kempter schwul ist oder nicht. In jedem Fall verbietet sich bei einem solchen Abhängigkeitsverhältnis Amerell-Kempter jeglicher Annäherungsversuch - in welcher Form und Art auch immer. Ein Schiedsrichterbeobachter kann und darf schwul sein, ebenso wie ein junger Schiedsrichter (allerdings wohl ohne es öffentlich zu machen, so weit sind die Fußballfans noch nicht). Aber er darf Privates eben nicht mit seiner Arbeit vermischen. Das hat auch Theo Zwanziger immer wieder betont. Danke für diesen offenen und klaren Umgang mit einem (leider) immer noch schwierigen Thema.
woscho 04.03.2010
5. Das Krisenmanagement von Herrn Zwanziger
ist merkwürdig. Ausschnitt: "Der DFB zeigte sich in einer Pressemitteilung zufrieden mit der Einigung: "Der Zivilprozess ist damit für uns in jeder Hinsicht erfolgreich abgeschlossen", sagte Rechtsanwalt Christian Schertz, der den DFB vertrat". >Zwanziger hatte vor der Verhandlung seine Demission angekündigt, sollte der DFB den Prozess gegen Amerell verlieren. "Dann muss ich selbstverständlich sofort von meinem Amt zurücktreten", so der 64-jährige Jurist im Magazin "Kicker".< Hier klingt Herr Zwanziger mit einer Rücktrittsdrohung wie der zurückgetretene Kanzler Schröder und seine Misstrauensfrage von 2005. Weiß der Geier, die Anschuldigungen dieser Schiedsrichter gegen Manfred Amerell gehören bekannt gemacht, ansonsten bleibt ein Mauschelgeschmack. Das seltsame Rechtsempfinden beim DFB.
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