Krise in Leverkusen "Die Mannschaft ist völlig überspielt"

In einem Gespräch äußert sich Bayer-Geschäftsführer Reiner Calmund über die Krise in Leverkusen, die als Rettung angesehene Winterpause und die mentale Schwäche der Mannschaft.


0:2 hat Bayer Leverkusen gegen den 1. FC Nürnberg verloren, die fünfte Heimpleite der Saison. Das ist Negativrekord für eine Hinserie. Alle Niederlagen kamen ähnlich zustande.

Reiner Calmund: Fünfmal wiederholt sich das wie in einem Drehbuch. Wir sind klar überlegen, hätten deutlich führen müssen. Aber beim ersten Gegentor brechen alle Dämme.

Die Fans haben vor allem das große Aufbäumen vermisst und sind nach dem Spiel auf die Barrikaden gegangen. Zu Recht?

Calmund: Nach dem Rückstand war keine Linie da, weder hinten, in der Mitte, noch vorne. Es fehlte die Ordnung und der Pep, die Spieler wirkten müde im Kopf und in den Beinen. Gott sei Dank kommt jetzt die Pause. Die Spieler haben 14 Tage Zeit, sich zu erholen und zu regenerieren. Mit einer ordentlichen Vorbereitung und einem Jens Nowotny, der uns hoffentlich wieder zur Verfügung steht, wollen wir im neuen Jahr wieder angreifen.

Sind der Mannschaft aber nicht zu lange Alibis wie der Verkauf von Michael Ballack und Zé Roberto, die Verletzungsmisere und die Überbelastung in der vergangenen Saison geliefert worden?

Calmund: Wir fangen in der Stunde null wieder an. Was wir ab der 58. Minute gegen Nürnberg gespielt haben, grenzt an Selbstaufgabe. Der Mannschaft fehlt es an Selbstvertrauen und mentaler Stärke. Aber mit dem ersten Trainingstag im neuen Jahr gilt: Es gibt keine Ausreden mehr.

Es drängen sich Parallelen zum Jahr 1996 auf. Damals wäre die Bayer-Mannschaft fast abgestiegen, rettete sich erst am letzten Spieltag durch ein 1:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern. Stimmen Sie diesem Vergleich zu?

Calmund: Ich habe noch mit Rudi Völler darüber gesprochen. Das spielerische Potenzial der jetzigen Mannschaft ist viel größer. Aber das ist Schall und Rauch, wenn wir nicht den angepeilten Tabellenplatz und die nötigen Punkte haben.

Wie wollen sie aus dem Tabellenkeller rauskommen?

Calmund: Die Winterpause ist für uns Gold wert. Die Mannschaft ist völlig überspielt und braucht diesen Break für Kopf und Körper. Wir müssen alles genau analysieren und uns gut vorbereiten. Wir beschäftigen uns nicht mit dem Abstieg und schauen nur nach vorn.

Die Situation ist allerdings prekär.

Calmund: Wir befinden uns vier Punkte von den Abstiegsrängen, aber auch nur fünf Punkte von den Uefa-Cup-Plätzen entfernt. Wir müssen als erstes im neuen Jahr das gesicherte Mittelfeld erreichen. Das ist das Wichtigste.

Sind Sie von der Mannschaft enttäuscht?

Calmund: Wir sind alle zusammen enttäuscht. Ich bin keiner, der vor einem halben Jahr die Spieler wegen der Erfolge lobt und jetzt die gleichen Leute in die Pfanne haut. Wir sitzen alle in einem Boot und wollen in der Rückrunde erfolgreich sein.

Aufgezeichnet von Ralph Durry, sid



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