Kritik am Kapitän Ballack wehrt sich gegen Wadenbeißer

Es hatte sich angekündigt: Michael Ballack spielt wegen einer Wadenverletzung gegen Costa Rica nicht. Ersatz für den Kapitän ist schon gefunden, aber einen längeren Ausfall könnte das DFB-Team nicht verkraften. Der Spielmacher wehrt sich gegen den Vorwurf der Unprofessionalität und erhält Unterstützung vom Manager der Nationalmannschaft.

Auch nach der schlechten Nachricht ist immer noch alles gut. Jürgen Klinsmann sitzt auf dem Podium des Berliner ICC, wo der DFB seine Pressekonferenzen abhält, und lächelt. Der Bundestrainer hat gerade verkündet, dass Michael Ballack für das WM-Eröffnungspartie gegen Costa Rica ausfallen werde. Doch Klinsmann wirkt nicht wie einer, der auf den wichtigsten Spieler für das wichtigste Spiel der deutschen Mannschaft seit Jahren im wichtigsten Turnier seit Jahrzehnten verzichten muss.

"So wie die Stimmung derzeit bei uns ist, sorgt der Ausfall für eine zusätzliche Motivation", sagt Klinsmann, der die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt hat. Die Ersatzspieler seien jetzt "heiß", namentlich Tim Borowski und Sebastian Kehl würden sogar "auf Hochtouren laufen", versichert der 41-Jährige. Das klingt fast so, als habe die Mannschaft Ballacks Ausfall gebraucht, um in Stimmung zu kommen. Aber Klinsmann will natürlich etwas anderes sagen: Der "Leader und Anführer" ist zu ersetzen, es wird irgendwie auch ohne ihn klappen. Wirklich?

Für das Spiel gegen Costa Rica hat der Coach sogar Recht. Zwar wurden die Mittelamerikaner in den vergangenen Wochen durch die DFB-Verantwortlichen konsequent stark geredet, auch Klinsmann wies heute noch einmal auf den 3:0-Erfolg der "Ticos" in der WM-Qualifikation gegen die USA hin ("Die haben die Amerikaner fast überrollt"). Aber teamintern ist ein Sieg im Eröffnungsspiel fest eingeplant, Lukas Podolski fordert stellvertretend, man müsse Costa Rica "weghauen".

Eine realistische Einschätzung des Angreifers. Bis auf den ehemaligen England-Profi Paulo Wanchope (Sturm), Spielmacher Walter Centeno und Abwehrmann Gilberto Martinez vom italienischen Zweitligisten Brescia ist der Kader zu schwach besetzt und leicht auszurechnen. Zudem hat DFB-Chefscout Urs Siegenthaler das Team dreimal beobachtet, es ist unwahrscheinlich, dass der Nationaltrainer Costa Ricas, Alexandre Guimaraes, Klinsmann noch überraschen kann.

Es bedarf keines Michael Ballack, diesen Gegner zu besiegen. Dessen Position in der Zentrale wird der Bremer Borowski einnehmen, der gegen Luxemburg beim 7:0 überzeugte und gegen Kolumbien nach seiner Einwechslung zum 3:0-Endstand traf.

Zwar waren diese Begegnungen mit der Hochdruck-Situation eines WM-Spiels nicht zu vergleichen, aber Borowski ist diese aus der Champions League gewohnt. Zugute kommt dem 26-Jährigen neben dem gewachsenen Vertrauen der Mitspieler auch sein Charakter. "Kaltblut" nennt ihn einer, der ihn kennt, Borowski mache sich nicht viele Gedanken über Druck, "er ist ein kühler, norddeutscher Typ, und so spielt er auch".

"Eine Frechheit"

Mit der Gelassenheit dürfte es aber vorbei sein, wenn Ballack länger ausfallen sollte. Schon im zweiten Gruppenspiel gegen Polen am 14. Juni, in dem es um den ersten Platz in der Gruppe A und damit eine gute Ausgangsposition für das Achtelfinale gehen könnte, reicht allein ein kühler Kopf nicht mehr aus. Dann wären Qualitäten gefragt, die im deutschen Mittelfeld nur Ballack vorweisen kann. Es geht um Präsenz und Körpersprache, es geht um Symbolisches wie ein taktisches Foul an der Mittellinie.

Sollte der 29-Jährige gegen Polen nicht auflaufen können, wird auch die Kritik an ihm zunehmen. Der Bundestrainer machte heute schon einen behutsamen Anfang, als er dem Mittelfeldspieler vorhielt, die Verletzung "unterschätzt" zu haben, weil Ballack erst drei Tage nach dem Kolumbien-Spiel einen Arzt konsultiert hatte.

Die Presse war in den vergangenen Tagen weniger diplomatisch gewesen und hatte dem Kapitän Unprofessionalität vorgeworfen. Doch der Gescholtene wehrte sich heute. "Eine Frechheit" nennt Ballack dies, nach dem Länderspiel gegen Kolumbien sei er "beschwerdefrei" nach Hause gefahren. Erstmals habe er am Sonntagabend leichte Muskelprobleme verspürt. "Daraufhin habe ich mich am Montag unmittelbar nach der Ankunft in unserem Berliner WM-Quartier bei der medizinischen Abteilung des DFB in Behandlung gegeben", so der Spielmacher.

Auch der Manager der Nationalmannschaft nahm den Kapitän in Schutz. "Er hat sich professionell verhalten, die Anschuldigungen sind nicht angebracht. Die Probleme sind erst am Sonntagabend aufgetreten", sagte Oliver Bierhoff nach der Ankunft des DFB-Trosses in München.

Für Ballack stehen demnächst "Sonderschichten" (Klinsmann) an, Ballack müsse "doppelt so viel arbeiten wie die anderen. Er muss die Basis haben, auf internationalem Niveau zu sein", fordert der Bundestrainer. Der Rest des Teams werde sich derweil gegen Costa Rica auf dem Platz "zerreißen", verspricht Klinsmann. "Denn wie wir uns da zeigen, das wird die Stimmung vorgeben. So wird es dann vier Wochen lang bleiben." Bleibt zu hoffen, dass in der Zwischenzeit auch der Kapitän wieder fit wird.

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