Kritik am Stadiontest "Das ist nicht die Bibel"

Ist der Zustand mancher WM-Stadien wirklich so schlecht, wie die Stiftung Warentest behauptet? Bauexperten halten die Urteile für fragwürdig und kritisieren vor allem die Oberflächlichkeit der Testmethoden. Auch Panikforscher Schreckenberg mahnt zur Besonnenheit.

Von Steffen Gerth


Für Michael Schreckenberg steht fest: "Diese Studie ist nicht das letzte Wort". Ein wichtiger Hinweis - denn wer die aktuellen Erkenntnisse der Stiftung Warentest über die Sicherheit in den zwölf WM-Stadien liest, könnte meinen, dass bereit ein Besuch in den Arenen lebensgefährlich ist.

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WM-Stadien-Fotostrecke: Die Untersuchungsergebnisse im Überblick

Doch Schreckenberg mahnt zur Besonnenheit. "Diese Studie gab in kürzester Zeit einen Überblick über erkennbare Mängel", so der Physikprofessor an der Universität Duisburg gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Für mich ist nichts Schlimmes passiert. Man sollte jetzt einfach die Mängelliste durchgehen und nachbessern", sagt er, bemüht um eine emotionsfreie Debatte.

Arbeiter im Berliner Olympiastadion am Dienstag (bei der Befestigung eines Schutzgitters): "Man sollte jetzt einfach nachbessern"
DDP

Arbeiter im Berliner Olympiastadion am Dienstag (bei der Befestigung eines Schutzgitters): "Man sollte jetzt einfach nachbessern"

In Berlin wurde dieser Ruf bereits erhört, noch im Januar wird Schreckenberg im Auftrag der Stadt das modernisierte Olympiastadion auf Sicherheitsmängel überprüfen. Vor allem die Fluchtmöglichkeiten für Zuschauer wird der Professor unter die Lupe nehmen, denn auf diesem Gebiet gilt Schreckenberg zusammen mit seinem Dresdner Kollegen Dirk Helbing als Kapazität - und das Berliner WM-Stadion hat in der Warentest-Rubrik "Entfluchtung" schlecht abgeschnitten.

Doch wie zuverlässig sind diese Testergebnisse überhaupt? In München seien die Warentest-Fachleute an einem Nachmittag durchs Stadion gelaufen, um die Sicherheit der Spielstätte zu überprüfen, berichtet Jürgen Muth, Betriebsleiter der Münchner WM-Arena.

Reicht das? "Auf keinen Fall", sagt Eva Hinkers, Bauingenieurin beim Düsseldorfer Ableger des international tätigen Ingenieurbüros Arup. Die Firma war unter anderem beim Bau Düsseldorfer LTU-Arena und bei der Münchner Allianz-Arena beteiligt, hat das städtische Stadion von Manchester gestaltet und arbeitet derzeit an der Fertigstellung des Olympiastadions von Peking. Hinkers betont, dass ein seriöses Ergebnis über die Sicherheit in einem Stadion vier bis fünf Ingenieure für mindestens einen Monat beschäftigen würde. "Jedes Stadion hat zum Beispiel ein eigenes Brandschutzkonzept. Um das zu verstehen, braucht es Zeit", sagt die Bauingenieurin.

Auch Schreckenberg betont, dass das Warentest-Ergebnis nicht "als die Bibel der Mängel" angesehen werden dürfe. Beispielsweise wären nicht die Fluchtmöglichkeiten für die Besucher simuliert worden. Der Wissenschaftler kritisiert zudem, dass die Stiftung mit ihren Ergebnissen zu spät an die Öffentlichkeit gegangen sei. "Das war nicht sehr glücklich." Denn schlimmstenfalls erfordern die Nachbesserungen, dass in manchen Stadien Sitze entfernt werden müssen. "Und was passiert dann mit den Leuten, die bereits Tickets für diese Plätze haben?", fragt der Professor.

Dass bei Stadionneubauten neue Erkenntnisse von Wissenschaft und Technik grundsätzlich missachtet würden, bestreitet der Hannoveraner Architekt Marc Schulitz. "Fußballstadien sind von keiner Bauordnung zu erfassen. Hier muss man immer flexibel reagieren." Sein Büro Schulitz und Partner hat in Hannover die AWD-Arena gebaut, ein Stadion, in dem die Warentestprüfer nur geringe Mängel festgestellt haben. Bei den Treppen wurden jedoch "teilweise unregelmäßige Stufen mit geringer Tiefe festgestellt" - doch damit kann Schulitz nichts anfangen. "Beim Bau von Treppen gibt es eine Toleranz von fünf Millimetern", sagt er und nennt die Warentest-Prüfung "kleinkariert".

"Es sei denn, man baut nur noch Bunker"

Auch Bauingenieurin Hinkers spricht davon, dass ein Büro wie ihres natürlich gehalten sei, immer aktuelle wissenschaftliche und technische Neuerungen zu bedenken. "Ein Gebäude lebt ja auch davon." Für Jörg Lange, Hochschullehrer für Bauingenieurwesen an der Technischen Universität Darmstadt, sind wissenschaftliche Erkenntnisse zudem mit Vorsicht zu genießen, "Vieles ist fürs Tagesgeschäft schwierig zu bewerten - und auch umstritten." Lange findet es treffender, wenn der Stand der Technik als Maßstab gilt.

Der Darmstädter Wissenschaftler hat sich ebenfalls mit Fluchtwegen in Stadien beschäftigt, auch er hält angesichts des Tempos der Wartentest-Untersuchungen diese Ergebnisse für leicht überbewertet. Keinesfalls gelten lassen möchte er aber die Behauptung, dass die Sicherheit der deutschen Stadien deswegen optimal sei, weil jahrelang niemand zu Schaden kam. "Bei der Eishalle in Bad Reichenhall ist ja 30 Jahre lang auch nichts passiert", sagt Lange.

Aber ist die Rundum-Sorglos-Arena überhaupt möglich? Offenbar nicht. "Man kann für vielleicht 20 Zuschauer ein Stadion bauen, dass hundertprozentig sicher ist, aber nicht für 50.000", betonte Bauingenieur Lange. Auch die Düsseldorfer Bauingenieurin Hinkers sagt: Absolute Sicherheit werde es niemals geben, "es sei denn, man baut nur noch Bunker".

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