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EM-Analyse Löws Lärm um nichts

Wochenlang hat Joachim Löw geschwiegen, nun nimmt er Stellung zum EM-Aus. Seine aggressive Rede wirkt wie eine Generalabrechnung mit dem Boulevard. Wie der Bundestrainer das DFB-Team zum WM-Titel 2014 führen will, kam in seiner Analyse dagegen kaum vor.

Man kennt Joachim Löw als glatten Hautcreme-Werbemann. Auch in der Rolle des Spitzbuben, der einen Balljungen veräppelt, wurde der Bundestrainer schon gesichtet. Ebenso als Tröster, der seine Spieler nach großen Niederlagen in den Arm nimmt. Bei der Pressekonferenz am Montag in Frankfurt am Main zeigte Löw jedoch ein Gesicht, das man von ihm - zumindest in der Öffentlichkeit - noch nicht kannte. Er wählte in seiner EM-Analyse deutliche Worte und nahm sehr direkt zu einigen Vorwürfen Stellung.

Das Verweigern des Hymnen-Singens, die Debatte um fehlende Führungsspieler und das vermeintliche Verwöhnen und Verhätscheln der DFB-Akteure standen auf Löws Agenda. Alle drei Vorwürfe negierte der Bundestrainer mit höchster Intensität und verwies sie sinnbildlich dorthin, wo sie seiner Meinung nach hingehören: an die Stammtische.

Allerdings: Wirklich wichtige Themen waren das aber auch vor Löws Generalabrechnung nicht. Inhaltlich kann niemand diese Vorwürfe ernstgemeint haben. Es wirkte vielmehr so, als habe sich der Nationaltrainer kurz vor der Pressekonferenz noch einmal jene Ausgabe der "Bild"-Zeitung durchgelesen, die zwei Tage nach dem EM-Aus zum Rundumschlag gegen das DFB-Team ausholte.

Anders ist nicht zu erklären, warum er sich mit Themen wie dem Nicht-Singen der Nationalhymne beschäftigte und sogar versicherte, er werde "demnächst mit allen Spielern noch einmal grundsätzlich über dieses Thema sprechen". Es gibt wohl nur sehr wenige Fußballexperten, die das Fehlen der Gesangsqualitäten als seriösen Grund für das vorzeitige EM-Ausscheiden herangezogen haben.

An einer seriösen, tiefgründigen Analyse vorbei

Genauso wenig ist die Debatte über verwöhnte Nationalspieler auch nur ansatzweise gerechtfertigt. Sie ist sogar fast noch oberflächlicher als die Hymnen-Diskussion, da der Standard der Betreuung der deutschen Nationalspieler - wie Löw richtig anmerkte - keinesfalls anders ist als der anderer großer Verbände. Oder erwartet tatsächlich irgendwer, dass das DFB-Team Italien gestoppt hätte, wenn Bastian Schweinsteiger und Co. die Nächte vorher in einer Jugendherberge verbracht hätten?

Und auch Löws letzter Punkt, das Fehlen von Führungspersönlichkeiten, beurteilte der Nationaltrainer aus der Sicht einer boulevardesken Warte. Er hob die Diskussion auf eine Ebene, bei der über die deutschen Nationalspieler als "Memmen" oder "Weicheier" geurteilt werde. Dies geht aber völlig an einer seriösen, tiefgründigen Analyse vorbei.

Löw benannte Schweinsteiger, Philipp Lahm und Miroslav Klose "als absolute Führungsspieler, die alle Vorgaben so erfüllt hätten, wie ich es wollte". Er sagte, dass es im Nationalteam "keine flache Hierarchie" gebe. Das ist aber auch gar nicht der Kern der Kritik gewesen.

In dieser Debatte geht es nicht um ein "Memmentum"

Hätte Löw, der anmerkte, "dass die tiefgründige, abschließende Analyse der EM noch nicht stattgefunden hat, weil dafür noch zu wenig Zeit war", sich die richtigen Fragen gestellt, hätte seine Rede tatsächlich interessant werden können. Warum gab es denn bis auf Sami Khedira keinen Spieler, der sich willentlich gegen die Niederlage im Halbfinale stemmte? Wo waren die DFB-Akteure, die in einem solch entscheidenden Spiel auch mal ohne eine Trainer-Anweisung bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und die richtigen Entscheidungen zu fällen? In dieser Debatte geht es nicht um ein "Memmentum", sondern um Spielerpersönlichkeiten, die sportliche Lösungen in prekären Momenten finden.

Doch statt darüber zu sinnieren, dass diese Individualisten für eine erfolgreiche Mannschaft notwendig sind und man künftig Spieler wie Khedira, Manuel Neuer oder Mats Hummels, die nicht die Verantwortung scheuen, noch stärker fördern und positionieren muss, sprach Löw lieber darüber, was das DFB-Team in Polen und der Ukraine alles besser gemacht hat im Vergleich zur WM 2010 in Südafrika.

Der Nationaltrainer kam dabei zu dem Ergebnis, dass er und sein Team "nicht von dem Weg abrücken werden, den wir einst eingeschlagen haben". Er wolle zukünftig das Pressing noch stärker fokussieren, die Defensivabläufe perfektionieren und den Torabschluss effizienter gestalten.

Das ist Löws Plan, um in zwei Jahren der erste europäische Weltmeister in einem südamerikanischen Land zu werden. Man hätte schon erwarten können, dass ein solch traumatisches Scheitern bei der EM ein paar innovativere Ideen freisetzt, statt inhaltslose Debatten neu aufzukochen.

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