Löws Regisseur Ganz Kroos

In wichtigen Spielen tauchte Toni Kroos früher oft unter. Doch jetzt scheint der Münchner seine Rolle in der Nationalelf gefunden zu haben: Beim WM-Sieg über Portugal glänzte er als Regisseur.

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Aus Salvador berichten und


Sobald der Ball den Fuß von Toni Kroos verlässt, trippelt der Mittelfeldspieler sofort zwei, drei Schritte zurück, guckt nach links, guckt nach rechts. Er beginnt gleichzeitig mit seinen Armen zu fuchteln und den Ball gleich wiederzufordern.

So entwickelte sich fast jeder gefährliche Angriff beim 4:0 der deutschen Mannschaft gegen Portugal. Insgesamt kam der 24-Jährige auf 91 Ballkontakte und eine Traum-Passquote von 97 Prozent. Kroos war der Dreh- und Angelpunkt im deutschen Spiel, ein echter Regisseur.

Dabei war der Spieler von Bayern München im deutschen Nationalteam lange Zeit äußerst umstritten. Bundestrainer Joachim Löw kreierte für Kroos einst den Begriff "Zwischenspieler". Damit war der Mann aus Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern quasi gebrandmarkt: Kroos war auf einmal kein Zehner mehr, auch kein Achter und schon gar kein defensiver Sechser. Er war irgendwo dazwischen.

Seine Defensivqualitäten reichten häufig nicht, um bei den großen Spielen als Abräumer vor der Abwehr zu glänzen. Und als Regisseur hinter den Spitzen wirkte Kroos zu langsam. Löw schien ihn zwar unbedingt in sein Team pressen zu wollen. Kroos passte aber partout nicht hinein.

Spiele wie das Halbfinalaus gegen Italien, als er den überragenden Spielmacher Andrea Pirlo bewachen sollte, scheiterten krachend. Auch beim desaströsen 4:4 gegen Schweden in Berlin wurde das mangelhafte Abwehrverhalten von Kroos deutlich sichtbar.

Gegen Portugal überraschte Löw nun mit einer neuen Taktik. Das 4-3-3-System, in dem es keinen echten Spielmacher mehr hinter den Spitzen gibt, weil Mario Götze, Thomas Müller und Mesut Özil immer wieder über diese Position rotieren, scheint nun wie maßgeschneidert für Kroos zu sein. Das neue Löw-System ähnelt der Taktik von Kroos' Vereinstrainer Pep Guardiola. Auch in München zeigte Kroos zuletzt eindrucksvoll, wie immens wichtig er für ein Team sein kann.

Spezialist für den vorletzten Pass

In der vergangenen Saison bestritt Kroos in der Bundesliga 29 Spiele für den deutschen Meister, zwölf in der Champions League. Nachdem er bereits ein Jahr zuvor eine tragende Rolle beim Triple-Sieg der Bayern gespielt hatte, wurde er auch in der abgelaufenen Saison eine der dominierenden Figuren beim Double-Erfolg. Seine Werte sind dabei trotzdem wenig beeindruckend: In der Bundesliga erzielte er 2013/2014 lediglich zwei Tore und schaffte nur vier Torvorlagen. Wenig für einen Mittelfeldspieler.

Doch solche Statistiken werden der Rolle von Kroos bei den Bayern nicht gerecht. Der 24-Jährige wurde dort zu einem Spezialisten für den vorletzten Pass. Er erkennt Räume für die wendigen, schnellen Spieler wie Arjen Robben oder Götze und spielt sie klug an.

Gegen Portugal leitete Kroos beinahe jede gefährliche Situation im gegnerischen Strafraum ein. Das 2:0 von Mats Hummels legte er mit einem präzisen Eckball vor. "Toni ist ein besonderer Spieler", sagt Per Mertesacker. Der Abwehrmann lobt besonders die Ballbehandlung unter Druck und das strategische Denken von Kroos. "Seine langen Bälle haben uns auch mal Entlastung gegeben", sagt Jérôme Boateng.

Kroos scheint bei dieser WM damit seine Rolle von Beginn an gefunden zu haben. Ihn scheint auch nicht abzulenken, dass sein 2015 auslaufender Vertrag bei den Bayern immer noch nicht verlängert wurde und es beinahe täglich neue Gerüchte über Angebote europäischer Topklubs an ihn gibt.

Jahrelang war Bastian Schweinsteiger präsenter im Mittelfeld. Dass der Vize-Kapitän nicht fit ist, dürfte Kroos entgegenkommen. Denn beide sind sich in ihrer Anlage sehr ähnlich. In der Vergangenheit kreuzten sich deshalb auch ihre Laufwege zu häufig.

Angesprochen auf seine neue Rolle, wirft Toni Kroos im Tunnelgang von Salvador den Kopf in den Nacken. Er fährt sich mit der rechten Hand über seine nassen Haare. "Es ist erst unser erstes Spiel gewesen, und es war auch noch nicht alles überragend. Wir müssen weiter arbeiten. Vor allem an unserer Rückzugsbewegung, da müssen wir alle stabil und kompakt bleiben."

Es scheint, als habe Kroos mit seiner neuen Position auch neue Werte entdeckt.

Deutschland - Portugal 4:0 (3:0)
1:0 Müller (12., Foulelfmeter)
2:0 Hummels (32.)
3:0 Müller (45.+1)
4:0 Müller (79.)
Deutschland: Neuer - Jérôme Boateng, Hummels (ab 73. Minute Mustafi), Mertesacker, Höwedes - Lahm, Khedira - Özil (ab 63. Schürrle), Kroos, Götze - Müller (ab 82. Podolski)
Portugal: Rui Patrício - Alves, Pepe, Pereira, Coentrão (ab 65. André Almeida) - Veloso (ab 46. Costa) - Meireles, Moutinho - C. Ronaldo - Hugo Almeida (ab 28. Eder), Nani
Schiedsrichter: Milorad Mazic (Serbien)
Zuschauer: 51.081
Gelbe Karten: - Pereira
Rote Karte: Pepe nach einer Tätlichkeit (37.)
Ballbesitz (in Prozent): 57/43
Zweikämpfe (gewonnen, in Prozent): 57/43
Schüsse: 13/13

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insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
matthäuspassion 17.06.2014
1. Heute so, morgen so
Tony Kroos wurde monatelang gebasht, seine Kompetenz beim FCB und der NM ordentlich in Frage gestellt und nun? Ab gestern abend zählt er auf einmal zu den Besten, wird mit 1 benotet, spielt Sahnepässe, die vorher keiner bemerkt haben will. Da sieht man mal wieder, dass Wahrnehmung was mit der geistigen Verfassung des Betrachters zu tun hat. Ich jedenfalls mag Spieler, die Übersicht haben, Feingefühl im Fuß haben und trotzdem auch 25m Granaten abfeuern können. Also die Dauerkritiker sollten sich mal entscheiden, ihn als Topspieler mit vielen Facetten wertzuschätzen.
warndtbewohner 17.06.2014
2. Abwarten..
er hat in der Tat gut gespielt. Voreiliges Lob ist aber fehl am Platze. Gegen Real hat er erbärmlich versagt. Die richtigen Gradmesser für seine Leistung kommen noch..
freddy305 17.06.2014
3. optional
Es wird fast nur über Müller geredet,aber der wahre Gewinner des Abends war Toni Kroos.
dallgaard 17.06.2014
4. Zwischenspieler?
... was ist das jetzt schon wieder? Will man es, wie vom Kommentator versuht, an der Rückennummer festmachen, dann ist es sehr wohl die "8"... Was m.e. nicht ausreichend gewürdigt wurde in dm ommentar ist, dass Kroos der einzige Spieler ist, der lang Pässe spielen kann und auch spielt. Darin unterscheidet er sich deutlich von Schweinsteiger, der zwar auch auf eine Passquote von knapp 100% kommt, aber nur 2-Meter-Sicherheitspässe spielt.
deefens 17.06.2014
5.
Zitat von matthäuspassionTony Kroos wurde monatelang gebasht, seine Kompetenz beim FCB und der NM ordentlich in Frage gestellt und nun? Ab gestern abend zählt er auf einmal zu den Besten, wird mit 1 benotet, spielt Sahnepässe, die vorher keiner bemerkt haben will. Da sieht man mal wieder, dass Wahrnehmung was mit der geistigen Verfassung des Betrachters zu tun hat. Ich jedenfalls mag Spieler, die Übersicht haben, Feingefühl im Fuß haben und trotzdem auch 25m Granaten abfeuern können. Also die Dauerkritiker sollten sich mal entscheiden, ihn als Topspieler mit vielen Facetten wertzuschätzen.
Das liegt ganz einfach daran dass die Form von Toni Kroos seit Jahren so stark schwankt wie der DAX. Ich habe noch keine 3 überragenden Spiel am Stück von Kroos gesehen, meist ist eins excellent, das nächste durchschnittlich und das dritte dann unter aller Kanone.
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