Kultclub Torquay United Möwen im Höhenflug

Jahrzehnte spielte Torquay im englischen Profifußball. Dann aber folgte der Absturz. Für viele Clubs hätte dies das Ende bedeutet, doch die Südengländer berappelten sich. Auch "11 FREUNDE"-Autor Matthias Paskowsky freut sich über den Aufschwung bei United.

Meine Lieblings-Bildunterschrift endet so: "... nicht ausgeschlossen". Egal, ob der Satz mit "Baldige Heirat" oder "Nachwuchsplanung" anfängt. "... nicht ausgeschlossen", diese Formulierung eröffnet ein unendliches Reservoir an nichts sagenden Einstiegen oder völlig irren Annahmen wie zum Beispiel "Englischer Sieg im Elfmeterschießen …". Obwohl, Wunder gibt es immer wieder, hat uns jedenfalls Schlagersängerin Katja Ebstein Glauben gemacht. Und irren ist bekanntermaßen menschlich.

Nicht mehr ausgeschlossen ist seit 20 Jahren, dass sich ein Club in England komplett aus dem Profifußball verabschiedet, denn ab der Saison 1986/1987 wurde der Abstieg auch für das Schlusslicht der 4. Liga eingeführt. Derzeit müssen sich sogar der Vorletzte und das Tabellenschlusslicht den Weg in die nächsttiefere Klasse antreten - und werden damit womöglich ganz schnell nur noch zu einer Erinnerung.

Torquay United, das kann man so gut wie ausschließen, wird dies nicht passieren, obwohl es den Club vergangenen Saison auch erwischt hat. Zum ersten Mal in 80 Jahren Zugehörigkeit zur League, in denen es bis dahin einige Male gelungen war, gerade noch so den Abstieg zu vermeiden. Die Gulls ("Die Möwen"), wie der in der Grafschaft Devon an der sogenannten "Englischen Riviera" beheimatete Club genannt wird, galten als Spezialisten für die Rettung in letzter Sekunde. Der abschließende Spieltag vor 20 Jahren gegen Crewe ist gar ein Stück Folklore, weil ein Polizeihund einen Spieler biss und Torquay am Ende der dafür anberaumten Nachspielzeit zum erlösenden 2:2 traf. Doch vergangene Saison war niemand mehr da, der helfen konnte - und nun spielt der Verein nur noch semiprofessionell.

Der Fall in die so genannte Conference League gilt im englischen Profigeschäft als finales Schreckenszenario und bedeutete für manchen Verein das Aus. Aberdare Athletic ist so ein Club. Um dessen Werdegang zu verfolgen, muss man in Chroniken schon ein paar Seiten mehr umblättern. Das Aus kam nämlich 1927 - und weil der Fußball so gerne seine eigenen Geschichten schreibt, war es natürlich Torquay, dem Aberdare damals hatte weichen müssen.

Den "Gulls" jedoch hat der Abstieg in der vergangenen Saison gut getan, weil er sie gereinigt hat. Anfang der neunziger Jahre hatte sich Mike Bateson in den Verein eingekauft. Der Geschäftsmann war mit dem Verkauf von Doppelverglasungen reich geworden und fest entschlossen, nun auch im Fußballgeschäft für den notwendigen Durchblick zu sorgen.

Doch nach 16 Jahren Herrschaft sieht seine Bilanz nicht rosig aus. Der Verein blieb schuldenfrei, immerhin. Aber die besten Spieler wurden verschachert, die Jugendarbeit war praktisch nicht mehr existent und so etwas wie strategische Planung gab es nicht mehr, seit Bateson die Lust verloren und mit der Suche nach einem Käufer begonnen hatte. In der vergangenen Saison gipfelte der schleichende Verfall in einem Possenspiel, das unter anderem die kürzeste Trainertätigkeit der englischen Fußballgeschichte hervorbrachte. Nur zehn Minuten war Leroy Rosenior im Amt, dann wurde er von neuen Eigentümern wieder an die Luft gesetzt.

Besserung setzte ein, als ein Konsortium lokaler Geschäftsleute die Torquay-Anteile kaufte und mit dem Großreinemachen begann. Das aktuelle Budget liegt trotz des Abstiegs über dem des Vorjahres, der Kader wurde aufgefüllt und die Nachwuchsarbeit wieder aufgenommen. Selbst das Stadion soll so schnell wie möglich renoviert werden. Die neuen Eigentümer sehen sich als Treuhänder des Clubs und nicht als Finanzinvestoren. Frischer Wind weht über das Stadion an der Südküste und bringt auch sportlichen Auftrieb. Torquay liegt in der Tabelle der Conference  auf dem zweiten Platz.

Was von Bateson blieb, ist die blaue Farbe an der Wand der Kabine und das Pink im Gästetrakt. Das sollte Torquay erfolgreicher machen und den Gegner weich. Geholfen hat es jedoch selten. Batesons Rückzug wird da vermutlich von größerer Wirkung sein. Er selbst diktierte der BBC jedenfalls selbst in den Block: "Es gibt keinen Grund, warum sie das nicht tun könnten."

Mehr lesen über