Fotostrecke

Kunstrasen: 18 Millimeter über Granulat

Foto: Tarkett Sports

Kunstrasen-Debatte Pöbeln gegen den Plastikplatz

In der WM-Qualifikation gegen Russland tritt die DFB-Elf erstmals auf Kunstrasen an. Geht es nach dem Weltverband Fifa, finden Begegnungen bald häufiger auf der Retortenspielfläche statt - sehr zum Leidwesen der Akteure: Fußballer warnen vor hohen Belastungen für die Gelenke.

deutschen Nationalmannschaft

René Adler macht eine wegwerfende Handbewegung. "Ach", sagt der Torhüter der , "dass wir in Russland auf Kunstrasen spielen, ist kein großes Ding, wir wollen uns damit kein Alibi verschaffen". Dabei ist Adler ein wertvoller Informant, auch für die Mitspieler. Der Leverkusener hat bereits auf dem künstlichen Grün im Luschniki-Stadion gespielt. Im November 2007 verlor er mit seinem Club im Uefa-Cup 1:2 bei Spartak Moskau, "der Rasen erschien mir damals überraschend weich", berichtet Adler. "Da springen die Bälle etwas anders, darauf muss man sich einstellen."

WM-Qualifikationsspiel

Joachim Löw

Auch der Platz in Mainz, auf dem das DFB-Team sich auf das richtungsweisende am Samstag (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) vorbereitet, sei etwas anders als das Spielfeld in Moskau, erklärt der Torhüter. Viel mehr will er nicht sagen. Deutschlands Nummer eins hat den Appell von im Ohr. "Wir wollen dieser Sache keine allzu große Bedeutung beimessen", sagt der Bundestrainer.

Im Fußball geht es eben auch um Psychologie. Nachdem England vor zwei Jahren in der EM-Qualifikation in Moskau verlor, soll der Mannschaftsarzt gesagt haben, dass die Spieler viel zu schnell anfingen, mit dem Schiedsrichter und dem Kunstrasen zu hadern. Am Ende unterlagen die Briten trotz zwischenzeitlicher Führung 1:2 und verpassten die EM 2008. Kein Wunder, dass Russlands Trainer Guus Hiddink von einem "psychologischen Vorteil" spricht.

"Kleine, wendige Akteure haben einen Vorteil"

Vielleicht ergibt sich für die Russen sogar ein konkreter fußballerischer Gewinn aus den Besonderheiten der Spielfläche. Während Deutschland und England traditionell mit vielen robusten und großgewachsenen Spielern antreten, gehören Hiddinks Kader besonders viele kleine, wendige Akteure an. "Solchen Spielertypen haben einen erheblichen Vorteil auf Kunstrasen", sagt der Mainzer Andreas Ivanschitz, der in seiner Zeit bei Red Bull Salzburg regelmäßig auf einem Plastikplatz spielte.

Grund dafür: Kleine Akteure sind in der Regel antrittschneller als ihre größeren Pendants. Sie können überraschend die Richtung wechseln. Diese Vorteile werden auf Kunstrasen verstärkt, da er dem Sportler besseren Halt bietet als der natürliche Untergrund.

Kein russischer Mittelfeldspieler ist größer als 1,80 Meter, und Starstürmer Andrej Arschawin misst gerade mal 1,72 Meter. Zum Vergleich: Deutschlands gesamtem Kader gehören mit Philipp Lahm, Marko Marin, Cacau und Piotr Trochowski nur vier Spieler an, die kleiner sind als 1,80 Meter. Joachim Löw räumt daher ein, dass die Zusammensetzung seiner Startelf auch von der Spielfläche beeinflusst werden könnte. "Es gibt sicher Überlegungen, welche Spieler prädestiniert sind, die Aufgaben auf dem Kunstrasen zu erledigen", sagt der Bundestrainer.

Kunstrasenstreit in Österreich

Wie entscheidend der Vorteil eines eigenen Kunstrasenstadions sein kann, zeigt das Beispiel Salzburg. Der österreichische Meister ist seit vier Jahren stets die beste Heimmannschaft. Und so gilt Österreich mittlerweile als das Land, in dem sich der Widerstand am heftigsten regt. Der ehemalige Profi Gernot Zirngast kämpft im Namen der internationalen Spielergewerkschaft Fifpro gegen Profifußball auf Kunstrasen: "Es ist völlig unverständlich, warum man Spiele in der WM-Qualifikation und in der EM-Qualifikation darauf zulässt".

Auch in Moskau ließe sich mit etwas Mühe und einer guten Rasenheizung problemlos auf Naturrasen spielen, erklärt Zirngast. Erst recht im Oktober, wenn die Temperaturen kaum unter den Gefrierpunkt sinken. Als im Sommer 2008 das Champions-League-Finale in der russischen Hauptstadt stattfand, wurde das Kunstgrün noch extra herausgerissen und ein Naturrasen verlegt. Der europäische Fußballverband Uefa fürchtete einen Imageschaden beim Treffen der Superstars zwischen Manchester United und dem FC Chelsea.

Überlastungsprobleme bei den Spielern

Sepp Blatter

Der Weltverband Fifa hätte da wahrscheinlich anders agiert. Präsident sagt jedenfalls ohne Umschweife: "Die Zukunft des Fußballs, da bin ich mir ganz sicher, liegt in den meisten Ländern der Welt auf Kunstrasen." Blatter wollte schon die WM 2010 in Südafrika auf dem pflegeleichten Grün austragen lassen. Dort spiele man "Fußball besser als auf einem Naturrasen".

Spielervertreter Zirngast bringen solche Aussagen in Rage. "Es gibt keine fundierten Studien über das Fußballspiel auf Kunstrasen", sagt er, und die subjektiven Einschätzungen sind alarmierend. "Kunstrasen ist definitiv belastender", sagt Ivanschitz. Ernst Schopp, der langjährige Teamarzt der österreichischen Nationalmannschaft, meint: "Sogar sehr junge Spieler kommen mit Überlastungsproblemen, die durch Kunstrasen ausgelöst worden sind. Das Dreh- und Bremsverhalten ist problematisch, da die Sohle so fest verankert ist, dass die Drehkräfte auf die Gelenke kommen."

"Wir machen das nicht, um Geld zu verdienen"

Warum also drängt Blatter dennoch auf eine schnelle Verbreitung des Kunstrasens? "Da steckt einfach eine starke Lobby dahinter", sagt Zirngast. Außerdem verdient die Fifa Geld mit dem Kunstrasen. Der Verband testet die Sorten der Hersteller, und wenn sie sich in ihren Eigenschaften dem Naturrasen ähneln, wird das Produkt mit einer Fifa-Lizenz veredelt und darf im Profifußball verwendet werden. Rund 300.000 Euro kostet so ein Zertifikat, das nach drei Jahren erneuert werden muss. Angeblich hat die Fifa auf diese Weise schon einen zweistelligen Millionenbetrag verdient.

Geht es hier also in erster Linie ums Geld? "Blödsinn", sagt Blatter. "Die Gebühren, die wir von den Kunstrasen-Herstellern bekommen, gehen in Entwicklungsprojekte. Wir machen das nicht, um Geld zu verdienen, sondern wir dienen dem Fußball", erklärt der Fifa-Chef. Zirngast vermutet ein altes Prinzip hinter der vermeintlichen Selbstlosigkeit des Präsidenten: Blatter zeigt sich spendabel gegenüber den Verbänden aus der Dritten Welt und lässt sich dafür mit Stimmen dieser Nationen wiederwählen. "Es gehört zum Funktionärsdasein, dass man etwas gibt und etwas bekommt", sagt Zirngast. "In dem Fall ist es sicherlich so, dass das die Stimmen der afrikanischen Länder sind, wenn man ihnen etwas Gutes tut."

Dennoch haben Blatter und sein Verband erkannt, dass sie vorsichtig sein müssen mit dem Thema. Die kommende WM wird vollständig auf Naturrasen stattfinden, außerdem sind fundierte Langzeitstudien geplant. Und wenn Deutschland aufgrund einer Niederlage in Moskau nicht zur WM fährt, würde man auch in der Fifa-Zentrale trauern. Dann findet das Weltturnier ohne einen der weltweit wichtigsten Fußballmärkte statt.